Nachruf „Kultur war für sie ein essenzieller Teil der Gesellschaft“

Hildegard Hamm-Brücher mit Klaus-Dieter Lehmann, dem Präsidenten des Goethe-Instituts, und der ehemaligen Präsidentin Jutta Limbach (2008).
Hildegard Hamm-Brücher mit Klaus-Dieter Lehmann, dem Präsidenten des Goethe-Instituts, und der ehemaligen Präsidentin Jutta Limbach (2008). | © Goethe-Institut e.V.

Dr. Dr. h.c. mult. Hildegard Hamm-Brücher, Staatsministerin a.D., ist mit 95 Jahren verstorben.

Wir trauern um eine große Persönlichkeit, die als Mitglied des Goethe-Instituts seit 1970 die Werte vorgelebt und vermittelt hat, die die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik ausmachen sollten: Wertschätzung von Vielfalt, Gleichwertigkeit der Kulturen, Diskursfähigkeit und die Betrachtung zwischenmenschlicher Lebensgestaltung als kulturelle Leistung. Hildegard Hamm-Brücher war eine leidenschaftliche Verfechterin einer unabhängigen Ausgestaltung der Kulturarbeit des Goethe-Instituts, dies im Besonderen als Staatsministerin im Auswärtigen Amt von 1976 bis 1982. Kultur war für sie ein essenzieller Teil der Gesellschaft, kein dekoratives Element. Die Auswärtige Kulturpolitik war für sie die dritte Dimension von Außenpolitik und so handelte sie auch.

Wir empfinden Glück und Dankbarkeit, sie über 45 Jahre in unseren Reihen als aktives Mitglied erlebt zu haben. Ihre Präsenz war beispielhaft, ihre Leidenschaft mitreißend und ihr Bekenntnis zur Demokratie absolut. Dabei hat sie nie außer Acht gelassen, dass eine Zukunft nur gewonnen werden kann, wenn wir uns der Vergangenheit stellen. Ihre Stimme wurde gehört und ihr gelebter Bürgersinn bewegte uns alle. In einem schwächelnden Europa, in einer Zeit von wieder erstarkendem Populismus, Chauvinismus und Nationalismus gilt es, das durch ihre liberale Kraft geprägte Narrativ weiterzuführen.

Meine persönliche Verbundenheit mit Hildegard Hamm-Brücher entstand aus vielen Gesprächen. Einen Schwerpunkt bildeten die Folgen des großen Aderlasses durch die Emigration und Vernichtung des europäischen Judentums und die Mühsal, sich nach 1945 auch auf dem Weg der kulturellen Zusammenarbeit in der Welt um eine ehrliche Aufarbeitung und Annäherung zu bemühen. Ihr, die Sophie Scholl von der „Weißen Rose“ so gut kannte, war das ein großes Anliegen.

Ihr Leben verpflichtet uns, die Werte von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit kraftvoll zu verteidigen, vielfältige Zugänge zur Bildung zu ermöglichen und Weltoffenheit als Wert zu begreifen. Wir werden sie als wertvolle Ratgeberin und Gesprächspartnerin in unserer Mitgliederversammlung vermissen.

Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts