Adelbert-von-Chamisso-Preis „Ich misstraue Kunst, die Botschaften vermitteln möchte.“

Verleihung in München: Der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, Abbas Khider und Uta-Micaela Dürig, Geschäftsführerin der Robert-Bosch-Stiftung.
Verleihung in München: Der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, Abbas Khider und Uta-Micaela Dürig, Geschäftsführerin der Robert-Bosch-Stiftung. | Foto: Markus Kirchgessner

Von Superheldinnen, Facebookchats und Identitätskrisen – der Adelbert-von-Chamisso-Preis geht letztmalig an drei Autoren, deren Werk mehr als ein Kultur- und Sprachalltag prägte. Auf eine simple Botschaft lassen sie sich nicht reduzieren.

„Gastarbeiterliteratur“? Auch damals mitnichten. Doch in den 1980er Jahren, als der Adelbert-von-Chamisso Preis erstmals vergeben wurde, war es ein innovatives Ziel, damit deutsch schreibende Autoren nicht deutscher Muttersprache stärker in den Blick der Öffentlichkeit zu rücken. Vieles hat sich seitdem verändert, vieles verbessert. Die Preisträgerinnen sind inzwischen oft deutsche Muttersprachler, kulturelle Vielfalt ist gesellschaftlich zu weiten Teilen akzeptiert. Gemein ist den ausgezeichneten Autoren, dass ihr Werk von einem Kulturwechsel geprägt ist.
 
Gestern wurde der Preis in München zum letzten Mal vergeben. Mit in der Jury: der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann. „Die drei Preisträger des Adelbert-von-Chamisso-Preises 2017 zeigen noch einmal die ganze Strahlkraft dieses ungewöhnlichen Preises. Es sind einfach sensationell gute Bücher, eine Bereicherung. Nicht umsonst sind Autorinnen und Autoren überproportional auf Lesereisen in Goethe-Instituten unterwegs! Ich war gern Juror des Chamisso-Preises.“
Mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis zeichnete die Robert-Bosch-Stiftung dieses Jahr Abbas Khider für sein Gesamtwerk aus. Die Gewinner der Förderpreise, Barbi Marković und Senthuran Varatharajah, hier im Interview:

Barbi Marković Barbi Marković | Foto: Yves Noir Frau Marković, was möchten Sie mit Ihrem Roman „Superheldinnen“ vermitteln?
Drei Botschaften der „Superheldinnen“ lauten: „‚Hilfe!‘, ‚Scheiße!‘, ‚Klassenkampf!‘“ Die Wahrheit ist, dass ich keine Botschaft senden, sondern eine Bestandsaufnahme des Stadtlebens machen wollte – mit Schwerpunkt auf Verzweiflung, Prekariat und Absurdem. 
 
Ihre Muttersprache ist Serbisch. Gibt es ein Wort, das sich für Sie nicht vom Serbischen ins Deutsche (oder umgekehrt) übersetzen lässt?
Jein – das ist gleichzeitig die Antwort und ein Beispiel. Vieles, was sich in einer Sprache reimt, geht in der anderen unter. 

Ihr Roman „Superheldinnen“ wurde im Februar am Wiener Volkstheater uraufgeführt. Waren Sie beim Probenprozess dabei oder haben Sie sich überraschen lassen?
Am Anfang war ich bei der Textfassung als Beraterin ein bisschen dabei, bei der Premiere habe ich mich trotzdem überraschen lassen. Sehr positiv.

Hier geht es zum Videobeitrag über Barbi Marković.
 
 
Senthuran Varatharajah Senthuran Varatharajah | Foto: Yves Noir Herr Varatharajah, welche Botschaft möchten Sie mit Ihrem Roman senden?
Ich misstraue Kunst, die Botschaften vermitteln möchte.
 
Sie sind neben Deutsch auch mit Tamil aufgewachsen. Gibt es ein Wort, das sich für Sie nicht von der einen in die andere Sprache übersetzen lässt?
Kein Wort ist übersetzbar. Das gilt für jede Sprache. 
 
Ihr Roman „Vor der Zunahme der Zeichen“ ist als Facebookdialog aufgebaut. Wann haben Sie das letzte Mal analoge Post verschickt?
Vorgestern. Einen Brief ans Finanzamt.

Hier geht es zum Videobeitrag über Senthuran Varatharajah.