Wettbewerb der Narrative Aufstehen zum Schutz liberaler Werte

Beim „Wettbewerb der Narrative
Beim „Wettbewerb der Narrative" stand die Macht des Wortes im Zentrum | Foto: Bernhard Ludewig

Die Macht des Wortes: In Berlin diskutierten Literaturwissenschaftler, Politologinnen, Philosophen, Journalistinnen und Ökonomen über den „Wettbewerb der Narrative“ und versuchten herauszufinden, wieso das liberale Narrativ weltweit in einer Krise steckt. Generalsekretär Johannes Ebert hofft auf Erkenntnisgewinn für die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen und kulturellen Partnern.
Cornelius Wüllenkemper hat mit einigen Teilnehmern der Konferenz gesprochen und für Deutschlandfunk berichtet.
 

Eine gut erzählte Geschichte ist oft wirkungsmächtiger als Vernunft und objektive Beobachtung. Und dank neuer Technologien kann heute jeder seine Geschichte nach Belieben erzählen und weltweit verbreiten.

Besucherinnen der Konferenz  „Wettbewerb der Narrative“ im Austausch. Besucherinnen der Konferenz „Wettbewerb der Narrative“ im Austausch. | Foto: Bernhard Ludewig

Vertrauenskrise des Liberalismus

Der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke etwa ist überzeugt, dass das liberal-demokratische Ordnungsprinzip der politischen und medialen Repräsentanz des Einzelnen fundamental gestört ist. Er spricht von einer systemrelevanten Vertrauenskrise des Liberalismus:

„Wenn man jetzt sagt: Macht alle mit! Und dann womöglich noch unter Massenmedienbedingungen, wo bestimmte Steuerungsfunktionen ausfallen, die durchaus etwas Alt-Obrigkeitliches haben können, etwas Paternalistisches, etwas Besserwisserisches, aber die dann auch eine Kontrollfunktion haben, dass dann nicht jede Fake-News sofort in die Nachrichten durchschlägt - dann ist Partizipation ein gefährliches Manöver." sagte Koschorke auf der Konferenz „Wettbewerb der Narrative", die von einer ungewöhnlichen Koalition zwischen Goethe-Institut, Bundesverband der Deutschen Industrie, dem Forschungszentrum Global Cooperation Research und der Heinrich-Böll-Stiftung veranstaltet wurde.
Die Grundidee des Liberalismus, durch Aufklärung und Partizipation gesellschaftlichen Fortschritt durch Gerechtigkeit zu generieren, verfange nicht mehr, so Koschorke. Ohne diese Versprechen habe der Liberalismus aber wenig zu bieten und nichts zu erzählen.


Podiumsdiskussion über den „Wettbewerb der Narrative“. Podiumsdiskussion über den „Wettbewerb der Narrative“. | Foto: Bernhard Ludewig Haben wir es bereits mit einer „globalen Krise liberaler Erzählungen" zu tun, wie der Titel der Berliner Konferenz behauptet?

Spaltung der Wertegemeinschaft

Ganz so einfach ist es nicht, Differenzierung tut not. In Russland etwa sieht die Moskauer Politologin Ekaterina Schulmann eine Spaltung der Wertegemeinschaft. Die Ideen der liberal-demokratischen Gesellschaft seien sehr viel weiter verbreitet, als dies im Westen aber auch in Russland selbst wahrgenommen werde:

„Die staatlichen Medien in Russland verbreiten ein Bild, dem nach das Volk rückständig und bäuerlich ist und geschlossen den christlich-orthodoxen Werten anhängt. Der Staat dagegen ist ein Pol der Progressivität, der die barbarischen Kräfte des Volkes eindämmt. Neben dieser Medienrealität gibt es allerdings eine andere, echte Realität, nämlich die Spaltung der Wertegemeinschaften: Die russischen Eliten sind sehr homogen, es sind Männer um die 50, die aus den streng hierarchischen Strukturen des Militärs oder Geheimdienstes stammen und an die traditionellen Werte glauben. Sie sind davon überzeugt, dass der Rest der Gesellschaft so denkt wie sie oder sogar noch radikaler. Dem ist aber keineswegs so."


Teilnehmerinnen der Konferenz Teilnehmerinnen der Konferenz "Wettbewerb der Narrative | Foto: Bernhard Ludewig

„Ein neu konstruierter, imperialistisch geprägter Autoritätswahn" in der Türkei

Das Problem autoritärer Regime liegt also in der mangelnden Repräsentanz liberaler Wertegemeinschaften in Medien und Politik. So erklärt sich die Essener Turkistin Kader Konuk auch das nationalistische Narrativ und die rhetorische Eskalation in der Türkei. Die türkische Regierungspartei AKP bediene sich dabei längst überkommener anti-laizistischer, nationalistischer Narrative:

„Dieses Wiederbeleben des Osmanischen, das Zurückholen des Osmanischen in die heutige Kulturpolitik der AKP, die versucht, den politischen Islam mit den alten osmanischen Inhalten zu füllen. Es geht eigentlich um das Narrativ des Neo-Imperialismus, den die AKP heute zu verkörpern versucht. Der hat eigentlich mit dem Osmanismus an sich nicht viel zu tun, sondern ist ein neu konstruierter, imperialistisch geprägter Autoritätswahn, der mit osmanischen Inhalten und Kulturgütern gefüllt ist."

Die Wirkmächtigkeit dieses Narrativs zeigt nicht zuletzt das mit Märtyrerblut getränkte Heldenepos „Fetih 1453" über die Eroberung Konstantinopels – mit 16 Millionen Dollar die teuerste Produktion der türkischen Filmgeschichte.


Podiumsdiskussion zum „Wettbewerb der Narrative“. Podiumsdiskussion zum „Wettbewerb der Narrative“. | Foto: Bernhard Ludewig

„Was nicht diskutierbar ist, wird wieder in die Diskussion gebracht"

Können – bei allem Dissens – Narrative auch eine verbindende Wirkung haben wie das Schauermärchen am Lagerfeuer? Die Wiener Literaturwissenschaftlerin Eva Horn ist überzeugt, dass die globale Krisenrhetorik auch dem menschlichen Bedürfnis nach dystopischen Erzählungen entspricht. Sie sieht darin zugleich die Chance, „dass man anfängt, wieder gemeinsame Narrative zu haben, die dann zwar unterschiedlich interpretiert werden. Auch dafür sind Apokalypsen oft ein sehr interessanter Gegenstand. Das kann sowohl von rechts als auch von links thematisiert werden; das Narrativ ist aber das gleiche. An diesen Erzählungen werden Dinge, die fast nicht mehr diskutierbar sind, wieder in die Diskussion gebracht. Und das halte ich für eine wichtige Funktion von Kunst im Allgemeinen, nicht nur von Literatur."

Die Konferenz in Berlin hat gezeigt, dass man die politische und gesellschaftliche Wirkungsmacht illiberaler Narrative ernst zu nehmen hat; vor allem angesichts der Komplexität der Gegenwart und dem Zerfall traditioneller Meinungsmonopole. Wer liberale Werte schützen will, muss heute selbstbewusster denn je für sie aufstehen.

Johannes Ebert auf dem Podium des „Wettbewerbs der Narrative Johannes Ebert auf dem Podium des „Wettbewerbs der Narrative" | Foto: Bernhard Ludewig
„Für unsere Arbeit im Goethe-Institut sind neben dem deutschen Narrativ die global wirkenden Narrative außerhalb Deutschlands in den Regionen, in denen wir tätig sind, fast noch wichtiger: Wie gehen wir mit den offiziellen Narrativen um? Wie mit den Gegenentwürfen dazu? Geben wir ihnen eine Plattform, eine Stimme?" (Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts)