„Metamorphosen“ in Moskau Zeit der Monster

 Moskau, 2017 „Wir sind im Kokon!” Performance von Artúr van Balen
Moskau, 2017 „Wir sind im Kokon!” Performance von Artúr van Balen | Foto: Evgeniya Zubchenko

Eine 15 Meter lange aufblasbare Raupe schwebte am Wochenende durch den Moskauer Gorki-Park. Es ist ein skurriles Monument des Künstlers Artúr van Balen. Die Ausstellung „Metamorphosen“ des Goethe-Instituts Moskau zeigt jetzt die Performances seiner Künstlergruppe „Tools for Action“.

Das Ungetüm bewegte sich leise durch den Moskauer Gorki-Park. Zum hundertjährigen Jubiläum der russischen Revolution hat der Aktionskünstler Artúr van Balen eine riesige Raupe aufgeblasen. Seine „Sozialskulptur“ spielt auf ein Zitat des italienischen Philosophen Antonio Gramsci an: „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster."

Moskau, Gorky Park 2017 „Wir sind im Kokon!” Performance von Artúr van Balen Moskau, Gorky Park 2017 „Wir sind im Kokon!” Performance von Artúr van Balen | Foto: Evgeniya Zubchenko Gramsci bezog sich damit auf die Zeit des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs vor dem Ersten Weltkrieg. Van Balen hebt das Zitat in seinem aufblasbaren Monument in die Gegenwart. Eine Gegenwart, in der sich viele Länder im politischen Umbruch befinden und deren Zukunft ungewiss ist. Eine Gegenwart wie eine Raupe also, die sich als Monster oder aber als Schmetterling entpuppen kann.

Schwebende Stalinporträts

In den 1930er-Jahren dienten aufblasbare Skulpturen als Attraktion bei Massenveranstaltungen – zunächst in den Vereinigten Staaten, später dann in der UdSSR. Micky Maus und Dumbo kurbelten bei der Macy’s Thanksgiving Day Parade in New York mit ihren fröhlichen Mienen das Weihnachtsgeschäft an. In der Sowjetunion sollten aufblasbare Bohrer und schwebende Stalinporträts bei den Mai-Demonstrationen und den Paraden zum Jahrestag der Oktoberrevolution die patriotischen Gefühle der Arbeiterklasse bestärken.

Moskau, 1934, aufblasbare Raupe für die Feier des 17. Jahrestages der Oktober Revolution. Aus dem Archiv von Artúr van Balen. Moskau, 1934, aufblasbare Raupe für die Feier des 17. Jahrestages der Oktober Revolution. Aus dem Archiv von Artúr van Balen. | Foto: Foto und Filmarchiv Krasnagorsk

Auf beiden Seiten bediente man sich dieser scheinbar harmlosen Instrumente, um die Bevölkerung in eine Traumwelt zu versetzen, sie für einen Augenblick ihren Alltag vergessen zu lassen und den Anschein zu erwecken, der Kapitalismus bzw. der Sozialismus werde sie in eine lichte Zukunft führen.

„Tools for Action“

Van Balens schwebende Raupe im Gorki-Park ist die Rekonstruktion einer Anti-NS-Karikatur, die 1934 bei einer Massenveranstaltung in der Sowjetunion gezeigt wurde – ein Symbol für Spektakel und die Verführung der Massen. 

Mit seiner Künstlergruppe „Tools for Action“ nutzt Artúr van Balen seit 2012 aufblasbare Skulpturen, um auf aktuelle gesellschaftliche Probleme hinzuweisen. Die Aktionen laden zum Mitmachen ein: 2016 protestierte eine Gruppe von Menschen mit einer Spiegel-Barrikade aus Dutzenden mit Luft gefüllten Pflastersteinen gegen einen Neonazi-Aufmarsch in Dortmund.

Ansicht der Ausstellung „Metamorphose” im Zentrum für kreative Industrien „FABRIKA“, Moskau Ansicht der Ausstellung „Metamorphose” im Zentrum für kreative Industrien „FABRIKA“, Moskau | Foto: Evgeniya Zubchenko Nach der Performance im Gorki-Park kann man die Raupe sowie eine Dokumentation sämtlicher Straßenperformances und -interventionen von „Tools for Action“ bis zum 30. November in der Ausstellung „Metamorphosen“ im Zentrum für kreative Industrien „FABRIKA“ (CCI FABRIKA) sehen. Die Ausstellung ist Teil des Parallelprogramms zur 7. Moskauer Biennale zeitgenössischer Kunst.

Sie wird von einer Reihe von Interviews und wissenschaftlichen Beiträgen begleitet, die künftige „Metamorphosen“ unserer heutigen Gesellschaft skizzieren und die Entwicklung aufblasbarer Skulpturen von einem Werbe-, Propaganda- und Manipulationsinstrument zu einem Werkzeug des DIY-Aktivismus nachverfolgen.