Theatertreffen Anspruch und Wirklichkeit

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Panels „In Between Power Structures“
Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Panels „In Between Power Structures“ | Foto: Piero Chiussi

Welchen Einfluss haben Machtstrukturen in den Kulturszenen weltweit? Am zweiten Wochenende des Berliner Theatertreffens lockte das Diskussions-Panel „In Between Power Structures“ im Rahmen des Goethe-Empfangs über hundert Gäste aus rund vierzig Ländern und zahlreiche Angehörige der lokalen und überregionalen Theater- und Tanzszene ins Haus der Berliner Festspiele. Vier Protagonisten und Expertinnen der internationalen und deutschen Theaterszene diskutierten über die Voraussetzungen von Gleichheit und Mitbestimmung.

Zuletzt waren es die Massenproteste in Kairo im Jahr 2011, die Abdelsamee Abdallah Abouelhamd die Rolle des Kultur-Aktivisten erneut bewusstmachten. „Dessen Funktion geht weit über die Organisation kultureller Ereignisse hinaus“, beantwortete der jordanische Theatermacher auf dem Plenum die Frage nach seiner Interpretation des Begriffs. „Wenn man Menschen motiviert, Teil eines künstlerischen Projekts zu werden, kann man ihnen auf diesem Wege auch ein grundlegendes gesellschaftliches Verantwortungsgefühl vermitteln.“

Johannes Ebert eröffnet die Veranstaltung Johannes Ebert eröffnet die Veranstaltung | Foto: Piero Chiussi

Macht und Beschämung

Die Frage nach der Ausübung von Macht im Zusammenhang mit Kultur stand im Zentrum der Paneldiskussion mit dem Titel „In Between Power Structures“, zu der das Goethe-Institut und die Berliner Festspiele anlässlich des Theatertreffens ins Haus der Berliner Festspiele geladen hatten. Im Foyer diskutierten unter der Leitung des Autors und Lyrikers Max Czollek neben Abouelhamd auch Sonja Anders, Chefdramaturgin am Deutschen Theater Berlin und künftige Intendantin des Schauspiel Hannover, die in Berlin lebende, brasilianische Regisseurin Mirah Laline und der Kulturjournalist Till Briegleb.

Das zentrale Thema der Gesprächsrunde, zu der Generalsekretär Johannes Ebert über hundert Zuhörerinnen und Zuhörer aus aller Welt begrüßte, drehte sich um die Frage, welche Machtstrukturen die Hierarchien, Rollenbilder und Arbeitsprozesse im Kulturbetrieb prägen. Briegleb verwies zunächst auf die enge Verzahnung von Macht und Beschämung: Machtstrukturen setzten sich über Angst und Scham regelmäßig in Institutionen fest, in denen Menschen strategisch degradiert und ausgegrenzt würden. „Bis sie selbst schließlich von ihrer Unterlegenheit überzeugt sind, sich kleiner fühlen, als sie sind und in der Folge keine Ansprüche mehr stellen.“ Zum anderen beobachtet der Autor eine „weit verbreitete Schizophrenie“ von Führungspersönlichkeiten und eine Diskrepanz zwischen Selbstbild, Anspruch und Wirklichkeit: Es gebe einen großen Widerspruch zwischen dem, was die Kulturszene an Emanzipation und Gleichberechtigung behauptet oder verhandelt haben will - und ihrer realen Organisation.

Die Kassenhalle im Haus der Berliner Festspiele Die Kassenhalle im Haus der Berliner Festspiele | Foto: Piero Chiussi

Eine starke Neigung zur Romantisierung

Dass die Wirklichkeit von einem solchen Szenario weit entfernt ist, weiß Mirah Laline aus eigener Erfahrung als Regisseurin. „Wie kann ich mit meiner Rolle als „Big Boss“ so umgehen, dass während der Proben ein freier, offener Austausch gelingt?“ Ihre Utopie: Alle Beteiligten, vom Schauspieler über die Autorin und den Dramaturgen bis zur Regie-Assistentin bringen sich mit ebenbürtiger Stimme im kreativen Prozess mit ein. Tatsächlich beobachte sie in Deutschland eine „starke Neigung zur Romantisierung“, was die realen Arbeitsverhältnisse betrifft. Seit Beginn ihrer Karriere im Süden Brasiliens habe sie viele Jahre fast ausschließlich mit Regisseurinnen gearbeitet und dabei gelernt, als Frau per se mehr leisten zu müssen.

„Als ich dann nach Deutschland kam, hat mich die Realität hier aber schon etwas enttäuscht“, erinnert sich Laline. Zu ihrer großen Überraschung verdienen auch im demokratischen Deutschland Frauen weniger als ihre männlichen Kollegen. In ihrer Heimat existierten zwar keine Staatstheater mit Festanstellungen, die eine gewisse Stabilität ausstrahlen. „Dafür gibt es dort aber eine freie Szene, in der Theatergruppen ihre Ästhetik nach eigenen Regeln und gemeinschaftlich erarbeiten.“ Europäische Theater seien dagegen von einem schwer durchschaubaren, hierarchischen Geflecht von Zuständigkeiten und Funktionen geprägt. „Klar ist nur, dass auf einer deutschen Bühne nicht die Zusammenarbeit an erster Stelle steht, sondern die Handschrift des Regisseurs, der man zu folgen hat.“