Ranga Yogeshwar Es betrifft uns alle

Ranga Yogeshwar nimmt ein Selfie mit dem Publikum auf
Ranga Yogeshwar nimmt ein Selfie mit dem Publikum auf | Foto: Okan Kaya

Mit seinem Vortrag „Zukunft der digitalen Welt“ tourte der Wissenschaftsjournalist, Diplomphysiker und Buchautor Ranga Yogeshwar durch die Türkei. Im Interview spricht er über seine Auftritte an den Goethe-Instituten in Ankara und Istanbul, über Künstliche Intelligenz und über die Gemeinsamkeiten des türkischen und des deutschen Publikums.

Gerade haben Sie Vorträge in Ankara und Istanbul gehalten. Wie sind die dortigen Veranstaltungen gelaufen?

Wenn man über ein Thema wie „Künstliche Intelligenz“ spricht, dann ist das kein nationales Thema mehr. Es betrifft uns alle. Demzufolge gab es Fragen und Reflektionen in der Türkei, die gut und wirklich global sind. Das fand ich toll. Ich fand auch die große Offenheit des türkischen Publikums sehr schön und habe mir am Anfang die Mühe gegeben, ein paar Wörter auf Türkisch zu sprechen. Es fallen sofort große Herzlichkeit sowie großes Potenzial auf. Es gibt viele intelligente, offen denkende Menschen. Und die Bevölkerung ist auffällig jung. Der Altersdurchschnitt in Ankara oder Istanbul ist niedriger als in Deutschland.

Ranga Yogeshwar im Gespräch mit der lokalen Presse Ranga Yogeshwar im Gespräch mit der lokalen Presse | Foto: Okan Kaya

Gegen eine eindimensionale Perspektive

Kann man in der Türkei über Digitalisierung sprechen, ohne sich über die dortige Politik zu äußern?

Ich halte das für möglich. Ich finde, dass wir zu schnell zu einer Pauschalisierung tendieren. Wir sind nicht damit zufrieden, was ein Herr Erdogan macht, und schmeißen die gesamte Türkei in einen Topf. Damit tun wir diesem Land großes Unrecht. Denn die Türkei ist natürlich wie jedes andere Land nicht pauschal zu beurteilen. Dort gibt es jede Menge Menschen mit vielfältigen Ideen, und die Gefahr ist, dass wir solche Länder nur unter dieser eindimensionalen, rein parteipolitischen Perspektive betrachten.
 
Reagiert das türkische Publikum anders auf Ihre Vorträge als das deutsche?

Nein. Meine Botschaft ist eher, dass die Fragen erstaunlich ähnlich sind. Ob Sie durch eine Stadt wie Istanbul laufen oder in Berlin U-Bahn fahren, die gesamte Kommunikationsgrammatik ist massiv angeglichen. Ob das gut oder schlecht ist, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht ist es einfach die Konsequenz einer Welt, die „in toto“ zusammenwächst. Das Interessante dabei ist, dass das Denken zumindest bei einem großen Teil der Bevölkerung in ähnliche Kategorien geht. In Ländern, die eher der Tradition verhaftet sind, sind die Brüche zum Neuen vielleicht stärker als in anderen Ländern. Aber bei uns haben wir ja auch ältere Menschen, die gar nicht mehr verstehen, wie das Internet eigentlich läuft. Es gibt also keinen nationalen Unterschied, sondern eher einen Unterschied des Alters.

Voller Saal bei Ranga Yogeshwars Vortrag „Zukunft der digitalen Welt Voller Saal bei Ranga Yogeshwars Vortrag „Zukunft der digitalen Welt" | Foto: Okan Kaya

Der Ton macht die Musik

Macht uns das Internet in Wirklichkeit nicht viel schlauer, als die meisten Menschen annehmen?

Manchmal, ja. Wenn man zum Beispiel irgendwo unterwegs ist, dann kann man mit seinem Handy Sachen herausfinden. Wobei im Internet auch viel Fake News und Schwachsinn kursieren. Aber mit ein bisschen Medienkompetenz ist das großartig. Und der Vorteil ist, dass dieses Wissen erstmalig in der Geschichte der Menschheit eine Symmetrie in der globalen Dimension bekommt: Ob Sie in Bayreuth oder Mumbai sind, Sie können hier wie dort genauso gut nach Informationen suchen. Was nicht selbstverständlich ist.

In Ihren Vorträgen stellen Sie die Frage: „Mensch und Maschine – wer programmiert wen?“ Gibt es eine eindeutige Antwort darauf?

In Ankara gab es großartige Übersetzer, die für das Türkisch sprechende Publikum simultan übersetzt haben. Und die spannende Frage ist, ob es diese Dolmetscher in zehn Jahren noch geben wird. Oder werden Menschen ihre Kopfhörer einstöpseln, weil digitale Assistenten besser als Menschen übersetzen? Es ist ein bisschen davon abhängig, was wir unter Sprache verstehen. Es gibt Ironie, es gibt die Art, wie etwas artikuliert wird. „Der Ton macht die Musik“, wie man so schön im Deutschen sagt. Diese Feinheit muss in eine wahrheitsnahe Übersetzung einfließen. Aristoteles hatte diese Frage schon gestellt: Was ist der Unterschied zwischen uns Menschen und dem Rest? Gibt es eine besondere Kennung? Jetzt müssen wir erneut fragen, was uns ausmacht.