Lange Nacht der Ideen 2018 Wenn tanzendes Gemüse Mut macht

Die Berlin-Premiere von „grenzenlos“
Die Berlin-Premiere von „grenzenlos“ | Foto: Bernhard Ludewig

Der Episodenfilm „grenzenlos – Geschichten von Freiheit & Freundschaft“ feierte im Rahmen der Langen Nacht der Ideen seine Berlin-Premiere. Der in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut entstandene Film verzichtet auf Sprache und ist für Kinder unterschiedlicher Herkunft verständlich. Im Anschluss an die Vorführung diskutierten Filmemacherinnen und Medienpädagogen das Medium Film in der Arbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen.

Was haben eine Katze, ein Segelboot, ein gelber Luftballon und eine Lupe gemeinsam? Die Antwort darauf gab es am vergangenen Freitag in der URANIA Berlin, wo das Goethe-Institut den Episodenfilm „grenzenlos – Geschichten von Freiheit und Freundschaft“ im Rahmen der Langen Nacht der Ideen zeigte: All diese vermeintlich unspektakulären Dinge helfen, die alltägliche Tristesse zu vergessen, und entführen in eine Welt voller Hoffnung, Freude und Möglichkeiten. Wie etwa jene Lupe im Beitrag von Nazgol Emami, die grüne Pflanzen in ein karges Zimmer projiziert und, von seiner jungen Besitzerin auf den Abendbrottisch gerichtet, Wackelpudding zum Wippen und Salatgurken zum Schwofen bringt.

Ein Ausschnitt aus „grenzenlos“ Ein Ausschnitt aus „grenzenlos“ | Foto: Bernhard Ludewig

Mal Poetisch, mal melancholisch, mal lustig

Für Kinder mit traumatischen Erfahrungen wie Krieg, Trennung oder Flucht kann phantastische Realitätserweiterung lebenswichtig sein. Die sieben Geschichten von „grenzenlos“ gehen auf dieses Bedürfnis ein, die Ergebnisse wirken mal poetisch, mal melancholisch, mal lustig – und immer ohne Sprache.  Den Realitätsabgleich wagten die Veranstalter direkt im Anschluss an die Berlin-Premiere, indem sie beim neugierigen Publikum nachfragten. Eine Konfliktlotsin verwies auf eine wesentliche Vorbedingung: „Wenn man den Film in Einrichtungen zeigt, wäre es schön, zwischendurch anzuhalten, damit der Austausch über den jeweiligen Film zustande kommt.“ Am Stück gezeigt liefen die Beiträge Gefahr, im „Eintopf“ der Eindrücke unterzugehen.
 
Anschließend wurden zwei Medienpädagogen und zwei Filmschaffende aufs Podium gebeten, um die Frage zu diskutieren: „Was können Filme für Kinder in Flucht- und Krisensituationen leisten?“ Die Filmwissenschaftlerin und Regisseurin Viola Shafik entzauberte den Film als vermeintlichen „Spiegel der Gesellschaft“, den man überschätzen oder fürchten kann, wie es autoritäre Regime tun: „Durch einen einzigen Film – ob kurz oder lang – kann man keine Verhaltensänderung produzieren.“ Shafik, die unter anderem im Auswahlgremium des World Cinema Fund der Berlinale für kulturelle Vielfalt in deutschen Kinos sorgt, erklärte: „Aus dem Bereich des Edutainment weiß man: Nur steter Tropfen höhlt den Stein.“ Für integrative Zwecke etwa müssten Serien her.

Teilnehmende des Panels nach der Vorführung von „grenzenlos“ Teilnehmende des Panels nach der Vorführung von „grenzenlos“ | Foto: Bernhard Ludewig

Das heilende, integrative Potential des Films

Johanna Bentz, die zu „grenzenlos“ eine größtenteils animierte Geschichte beisteuerte, erwiderte: „Mein Anspruch war keine Verhaltensänderung, so einen Schuh würde ich mir nicht anziehen.“ Das Projekt, das vor drei Jahren initiiert wurde, habe lediglich ein Ziel verfolgt: Filme zu produzieren, die Kinder für den Moment erfreuen und Mut machen. Um das ohne Sprache zu bewerkstelligen, hatte Bentz sich an ihre eigenen Kindertage erinnert, als sie sich Abenteuer mit einer älteren, stärkeren Johanna an ihrer Seite ausmalte.
 
Dass auf dem Feld der Medienpädagogik zweifellos Ermächtigung stattfinden kann, erklärte Projektmanagerin Birte Frische, die Jugendlichen filmisches Handwerk beibringt: „Dazu gehört aber auch, sie erstmal machen zu lassen.“ Zu signalisieren: Wir trauen es euch zu, hier habt ihr eine Spielwiese und könnt auch Fehler machen. Das heilende, integrative Potenzial des Films sah auch der Filmemacher Falko Seidel eher in den „Zwischenräumen“ solcher Workshops als im Medium selbst; in den Momenten, in denen man sich auf Themen einigt oder Arbeiten aufteilt: „Man schafft ein gemeinsames Ergebnis nur, wenn man an einem Strang zieht.“ Ob am Ende ein Film, ein Theater- oder Möbelstück dabei herauskäme, sei dann zweitrangig.