Performing Architecture Wenn eine Bewegung ihre Bedeutung verliert

Meg Stuart
Meg Stuart | Foto: Edouard Jacquinet

Mit „Performing Architecture“ ist das Goethe-Institut auf der Architekturbiennale in Venedig vertreten. Im Rahmen dessen stellt Meg Stuart, die dort für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wird, ihre Performance „Built to last“ vor und nimmt an einem Moving Panel teil. Im Interview spricht die einflussreiche Choreografin über das, was ihre Kunst ausmacht – und über das, was sie bisher noch nicht gewagt hat.

Sie sind für intensive Proben bekannt. Wie gehen Sie damit um, über mehrere Monate so eng mit einer Gruppe zusammen zu arbeiten?
 
Ich versuche, nicht zu versessen auf das Ergebnis zu sein, sondern jeden Probentag als ein Ziel für sich zu betrachten. Auch das Vokabular, das wir im gegenseitigen Austausch benutzen, spielt eine Rolle, genauso wie Raum dafür zu schaffen, dass jeder und jede für einen gewissen Zeitraum auch mal verloren gehen kann. In Situationen familienähnlicher Nähe ist es zudem wichtig, die unterschiedlichen Rhythmen der Leute zu akzeptieren. Ich arbeite immer mit zwei Modellen: mit dem, was ist, und dem, was sein könnte.

Built to Last Built to Last | Foto: Eva Würdinger

Der Körper ist kein Klavier

Für „Splayed Mind Out”, das auf der Documenta X gezeigt wurde, arbeiteten Sie zusammen mit dem Video-Künstler Gary Hill. Es heißt, es sei Ihr letztes Stück mit konkret einstudiertem Bewegungsmaterial gewesen. Wie gehen Sie jetzt also vor?
 
Meine Methode ist eher: Mache eine Bewegung, lass dich davon bewegen, liefere dich aus. Danach drehen wir das um. Wir eignen uns die Bewegung an und dirigieren sie, wir verantworten sie. Die Art, sich zwischen dem einen und dem anderen zu bewegen, Dinge zuzulassen und sie zu formen, gestaltet den Tanz. Der Tanz ist in den Bewusstseinswechseln. Aber was bewegt uns? Gefühle, ja, sicher. Aber ‚Gefühl’ wird oft als zu flaches Wort verwendet. Und es sagt nichts darüber aus, wie wir uns bewegen. Mich interessiert es, wenn eine Bewegung ihre Bedeutung verliert.
 
Aber es geht Ihnen schon um etwas Bedeutsames. Woran merken Sie, dass es „da” ist?
 
Wenn eine Bewegung ihre überlieferte Bedeutung verliert, schafft sie Platz für etwas anderes. Bedeutungsvoll ist der Vorgang, etwas aus seinen Mustern, seinem Rahmen zu befreien. Aber nicht alles, was ich tue, ist, Bewegungen von ihren Bedeutungen zu befreien. Manchmal baust du Dinge vor dir auf und willst sie direkt wieder zerschlagen. Bedeutung ist kein Zustand, sondern eher eine Art Zug. Es gab jedoch eine große Veränderung in meiner Arbeit in den letzten Jahren. Ich spreche inzwischen weniger von Zuständen als von Energien. Hat etwas eine Eigenenergie und wenn ja, wie komme ich da ran? Wie können wir Energie leiten und in eine Form bringen? Der Körper ist kein Klavier!

Built to Last Built to Last | Foto: Eva Würdinger

Verletzlichkeit und Akzeptanz

Sie haben auf unterschiedlichsten Bühnen gearbeitet, unterschiedlichste Formate und Räume bespielt. Gibt es etwas, an das Sie sich noch nicht gewagt haben?
 
Schwer zu sagen. Ich habe noch keine Oper gemacht. Aber ob ich das will? Was ich auf jeden Fall gerne machen würde, ist ein improvisierter Film in einem intimen Setting. Im Stil von John Cassavetes, mit jeder Menge brillanten Tanzkünstlerinnen. Vielleicht kann ich eine Sache über Wagnisse sagen: Was ich in der Kunst mag, ist der Moment, in dem Verletzlichkeit nichts Unpassendes ist, sondern geteilte Erfahrung.

In einem Wort: Worum geht es in Ihrer Kunst?
 
Ich glaube, es geht um Akzeptanz. Zu akzeptieren, dass man nichts in einem einzigen Wort sagen kann.