Erdbeben. Träume Wenn die Welt ins Wanken gerät

"Erdbeben. Träume" ist ein Auftragswerk nach Heinrich von Kleists Novelle "Das Erdbeben in Chili" aus dem Jahr 1806
"Erdbeben. Träume" ist ein Auftragswerk nach Heinrich von Kleists Novelle "Das Erdbeben in Chili" aus dem Jahr 1806 | Foto: A.T. Schaefer

„Er wünschte, daß die zerstörende Gewalt der Natur von neuem über ihn einbrechen möchte.“ (Heinrich von Kleist) Das vom Goethe-Institut Tokyo unterstützte Opernprojekt „Erbeben. Träume“ feierte am 1. Juli seine Uraufführung in Stuttgart. Im Interview spricht der japanische Komponist Toshio Hosokawa über sein Verhältnis zu westlicher und asiatischer Musik und über die menschengemachte Katastrophe.

Ihre Musik verbindet asiatische und europäische Traditionen. Wie vereinen Sie diese zwei Kulturen in Ihrer Arbeit?
 
Toshio Hosokawa: Darauf habe ich keine direkte Antwort. Ich höre in mich hinein und komponiere die Musik, die ich selber hören will. Die europäische Musik habe ich von klein auf durch Klavier- und Musiktheorie kennengelernt. Inzwischen bin ich ihr zutiefst verbunden. Als ich 20 Jahre alt war, bin ich zum Studium nach Deutschland gekommen. Das Leben in Deutschland hat mich aber einsehen lassen, dass meine Wurzeln anderswo liegen. Seitdem setze ich mich auch mit der traditionellen Musik Japans und Asiens auseinander, die mir ebenso gut gefällt. Ich höre beinahe jeden Tag westliche und asiatische Musik und studiere sie auch weiterhin. Daraus entsteht ein spezielles Musikempfinden, aus dem heraus ich versuche meine Stücke zu komponieren.
 
Sie haben den Auftrag von der Oper Stuttgart bekommen, eine Oper nach Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“ zu konzipieren. Kannten Sie die Novelle? Wie war Ihre Vorgehensweise bei der Adaptierung?
 
Am 11. März 2011, dem Tag des großen Erdbebens, hielt ich mich gerade im Wissenschaftskolleg in Berlin auf. Ein deutscher Germanist, den ich dort kennengelernt hatte, machte mich auf die Novelle aufmerksam. Da der christliche Glaube darin stark im Vordergrund steht, erschien mir die Aufgabe zunächst schwer, den Text in eine zeitgenössische Oper umzusetzen. Als ich aber von der Stuttgarter Oper den Auftrag bekam, habe ich neben einigen weiteren Stoffen auch Kleists Novelle vorgeschlagen, und sie hat Jossi Wieler und seinem Team am besten gefallen. Bevor ich mit dem Komponieren begonnen habe, habe ich die Novelle unter der hervorragenden Anleitung eines Germanisten am Goethe-Institut ausführlich gelesen. Dabei hat mich die Aktualität und die Tiefe und Breite des Themas aufs Neue beeindruckt. Diese Lektüre hat mir sehr dabei geholfen, den Inhalt wirklich zu begreifen.

Die Verführbarkeit der Massen inspirierte Toshio Hosokawa zu einer Chorpartie Die Verführbarkeit der Massen inspirierte Toshio Hosokawa zu einer Chorpartie | Foto: A.T. Schaefer

Klassiker und Naturkatastrophen

Die Premiere fand Anfang Juli statt. Wie haben Sie die Reaktionen des deutschen Publikums wahrgenommen?

Dass die Oper mit Begeisterung aufgenommen wurde, hat mich sehr beruhigt. Ein japanischer Komponist wird aufgefordert, für einen bekannten deutschen Klassiker eine Oper zu komponieren! Ehrlich gesagt war ich besorgt, wie das Publikum darauf reagieren würde, aber viele haben mir bestätigt, dass sie berührt waren.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht ein historisches Erdbeben von 1647 in Santiago de Chile. Hat man als Japaner einen anderen Zugang zum Thema Erdbeben, beziehungsweise zur Angst vor Erdbeben?

Wir Japaner wissen, wie schrecklich Erdbeben sein können. Besonders das Erdbeben in Kobe 1995 und die große Katastrophe 2011 haben uns in Schrecken versetzt. Nicht nur Erdbeben, sondern Naturkatastrophen jeglicher Art sind uns bekannt, aber die Katastrophe 2011 war insofern besonders, da sie auch eine menschliche Ursache hatte. Mit der Explosion des AKWs, die ja auf zwei Naturkatastrophen folgte, das Erdbeben und den Tsunami, hat hier letztlich ein Erzeugnis der Zivilisation die Menschen ins Unglück gestürzt.

„Erbeben. Träume“ thematisiert, wie Menschen sich in Extremsituationen verhalten „Erbeben. Träume“ thematisiert, wie Menschen sich in Extremsituationen verhalten | Foto: A.T. Schaefer

„Deutschland hat hervorragende Zuhörer.“

Sie haben in Deutschland studiert und wurden hierzulande mehrfach ausgezeichnet. Wie ist die Zusammenarbeit mit deutschen Künstlerinnen und Künstlern?

Die deutsche Musikszene ist groß und zuvorkommend und hat auch mir als Ausländer eine große Chance gegeben. Sie ist kaum mit einem anderen Land in Europa vergleichbar. In dieser Szene habe ich mich etablieren können, ich bekam Aufträge und somit die Chance, zu meinem eigenen Stil zu finden. Ich bin immer wieder von der Leidenschaft, Motivation und Professionalität deutscher Musiker beeindruckt. In Deutschland gibt es hervorragende Musiker und Zuhörer, die deren Musik genießen und verstehen.

Marcel Beyer hat das Libretto geschrieben: Erkennen Sie in seinem Schaffen eine besondere Musikalität?

Sein Libretto ist etwas zu schwierig, um es mit meinen begrenzten Deutschkenntnissen zu verstehen. Aber bei unserem Gespräch im Goethe-Institut in Tokyo hat er mir den Text laut vorgelesen. Beim Komponieren habe ich mir die Aufnahme davon immer wieder angehört. Selbst wenn ich dabei auf mir unverständliche Worte gestoßen bin, konnte ich anhand des Rhythmus, der Musikalität und Form die passende Musik für die Oper finden.