Shared Cities Meins ist auch deins

„Shared Cities: Creative Momentum“ hat sich zum Ziel gesetzt, die Lebensqualität in Europas Städten zu verbessern
„Shared Cities: Creative Momentum“ hat sich zum Ziel gesetzt, die Lebensqualität in Europas Städten zu verbessern | Foto: Petra Hajska

Teilen und Tauschen liegen im Trend. Dennoch gewinnen Sharing-Initiativen in Osteuropa langsamer an Popularität als im Westen. Die historischen Gründe dafür erklärt der Forscher Brian Fabo im Interview. Es entstammt der zweiten Ausgabe des „Magazyn Miasta: Cities Magazine“, Teil des europäischen Projekts „Shared Cities: Creative Momentum“, das eine Plattform für Architektur, Kunst, Urbanismus und die Sharing Economy in der Region Mittel- und Osteuropa bildet.

Jedrzej Burszta: Gibt es eine gemeinsame Geschichte des „Sharing“ in postkommunistischen Ländern?

Brian Fabo: Ich glaube nicht, dass es nur ein Modell des „Sharing“ gibt. In Polen machte man andere Erfahrungen als in der Tschechoslowakei. Das Regime in der Tschechoslowakei schaffte den vorherigen ideologischen Kern nahezu ab und wurde zunehmend zynisch, es kam zu einer Art Vereinbarung mit der Bevölkerung: Wenn ihr weiterhin Treue vortäuscht, werden wir keine Gewalt gegen euch anwenden. Zeitgleich ist ein neuer Gedanke entstanden: Wenn eine Person nicht vom Staat klaut, dann klaut sie von der eigenen Familie. Wenn man nichts für sich selbst nimmt, dann wird es jemand anderes tun. Dieses Denken wurde nach dem Niedergang des Kommunismus nur noch stärker.

Das Projekt „Shared Cities: Creative Momentum“ erkundet unterschiedliche Aspekte des Teilens Das Projekt „Shared Cities: Creative Momentum“ erkundet unterschiedliche Aspekte des Teilens | Foto: Petra Hajska

Ein tiefgreifender Wandel

Wie würden Sie heute die verschiedenen Einstellungen zu Sharing erklären?
 
Die Übergangsphase vom Kommunismus zum Kapitalismus stellte einen tiefgreifenden Wandel dar, nicht nur in der politischen Ökonomie, sondern auch im Sinne eines gesellschaftlichen und kulturellen Wandels. Wenn man den öffentlichen Raum oder öffentlich zugängliche Quellen aufrechterhält, dann entwickelt sich ein Vertrauen zwischen fremden Personen, für die es dann einfacher ist, Geschäfte miteinander zu machen. Unsere Modelle des Kapitalismus sind viel weniger entwickelt.

Wenn Slowaken in österreichische oder ungarische Dörfer ziehen, die eigentlich Vororte von Bratislava sind, kann man erkennen, welche Häuser Slowaken gehören, weil sie hohe Zäune um ihre Häuser ziehen. „Das ist mein Grundstück, bleibt draußen!“ Das wird man bei „einheimischen“ österreichischen Haushalten nie sehen. Spuren dieser Mentalität findet man auch an öffentlichen Orten, die zum Beispiel von Stadtbewohnern vorwiegend als Parkplätze verwendet werden. Die Leute stellen dort  Schilder auf, die besagen, dass diese Plätze für sie reserviert sind. So etwas habe ich in westlichen Städten noch nie gesehen.
 

Warum sind Sharing-Initiativen in unserer Region deutlich unpopulärer als im Westen?

Die Trennung zwischen Ost und West ist im Bezug zu Sharing immer noch vorhanden. Ein Sharing-Economy-Projekt, wie beispielsweise „Bike Sharing“, kommt im Westen viel besser an als in unserer Region. Dies ist nicht überraschend, weil unsere Vorstellung des öffentlichen Raums nicht so weit entwickelt ist, wodurch diese Konzepte deutlich unpopulärer sind. Obwohl sich diese Situation zum Glück ändert.

Einige dieser Initiativen werden durch die kontroversen Praktiken der „Sharing Economy“ verschleiert.

Ich betrachte den Begriff „Sharing Economy“ als mehrdeutig. Menschen mit bestimmten Fähigkeiten, wie beispielsweise kompetente Gärtner, können ihre Dienste auf einer Webseite anbieten und man kann sie anheuern.

Traditionell sind Westeuropäer die Konsumenten und wir sind eher die Arbeiter. Dieses System wird durch das Konzept von Arbeit auf Abruf aufrechterhalten, wodurch die Aussichten für Anbieter von Arbeit weiter zu deren Ungunsten verzerrt werden, als dies auf traditionelleren Arbeitsmärkten der Fall ist. Ein großer Teil der Sharing Economy, nicht wirklich Sharing, aber Arbeit auf Abruf, ist ideal für eine zergliederte Gesellschaft wie die unsere, in der sich die Menschen buchstäblich hinter Zäunen und Mauern verstecken. Dadurch ist es einfacher, diese Arten von Dienstleistungen zu kommerzialisieren.

Die Prager Wohnsiedlung Jihozapadni Mesto, fotografiert im Rahmen der Ausstellung „Arrival City“ Die Prager Wohnsiedlung Jihozapadni Mesto, fotografiert im Rahmen der Ausstellung „Arrival City“ | Foto: Anna Venezia

Nur ein kurzlebiger Trend?

Sollten wir hoffnungsvoll sein im Hinblick auf die Zukunft des Sharing, oder wird dies ein kurzlebiger Trend sein?

Es gibt viele Dinge, die uns hoffnungsvoll stimmen können, einschließlich wundervoller Beispiele für Sharing-Initiativen in Städten, gefördert durch ansässige Aktivisten und ausgerichtet auf die Unterstützung von Kommunen, um dort mehr Verbundenheit zu schaffen. Menschen sind soziale Wesen; wir sind definiert durch die gemeinschaftliche Natur unserer Beziehungen. Aber diese sind nicht stark genug, um Tendenzen in Richtung der Individualisierung und Kommerzialisierung der Menschen entgegenzutreten, die vielleicht dem zeitgenössischen globalen Kapitalismus innewohnen. Können wir mehr Menschen finden, die fähig sind, den Diskurs in der Gesellschaft zu beeinflussen, um Ideen wie Bike-Sharing populärer zu machen? Kann Sharing cool werden? Ich denke, dass das die wichtigste Frage ist, wenn es um die Zukunft von Sharing in Osteuropa geht.
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Das Gespräch führte Jędrzej Burszta.

Die gesamte Ausgabe des „Magazyn Miasta: Cities Magazine“ können Sie hier herunterladen.