Journalistenaustausch #goethecloseup Berlin – Die Stadt, die nie lacht

Am neuen Arbeitsplatz beim Berliner Magazin zenith
Am neuen Arbeitsplatz beim Berliner Magazin zenith | Foto: Mratt Kyaw Thu

Der Kulturjournalist Mratt Kyaw Thu tauscht seinen Arbeitsplatz in Yangon gegen Berlin aus. Während seines dreiwöchigen Aufenthalts im Rahmen des Journalistenaustauschs „Nahaufnahme“ des Goethe-Instituts ist er zu Gast beim Berliner Magazin zenith und berichtet von seinen Erfahrungen aus der Hauptstadt.  

„Woher kommst du?“
„Ich komme aus Myanmar.“
„Sorry, woher?“
„Myan-mar (mi-an-maa)“
„Tut mir leid, das kenne ich nicht. Ist das ein Land?“
 
Diese Antwort bekomme ich stets zu hören, wenn ich Menschen in Deutschland begrüße. Da ich noch nie in Europa war, wusste ich auch nichts über die Deutschen und ihre Verhaltensweisen. Was mir aber schon nach kurzer Zeit auffiel, ist, dass die Deutschen sehr ernsthaft sind. Ich frage mich sogar, ob sie überhaupt lachen.

Jeden Morgen gehe ich zu einer Bäckerei an der Ecke Stahlheimer Straße und Erich-Weinert-Straße, wo ich einen Monat lang dank der Unterstützung des Goethe-Instituts wohne. Wenn ich auf meinem Weg Fremden begegne, lächele ich sie an, wenn sich unsere Blicke treffen. Sie schauen mich daraufhin aber immer befremdet an.
 
Die Menschen haben es immer eilig und scheinen sich stets ernsthafte Gedanken über etwas zu machen. Das Wetter in Berlin ist derzeit sehr schön, sodass es eigentlich keinen Anlass zur Ernsthaftigkeit geben sollte. Aber wahrscheinlich ist das der große Unterschied zwischen Europäern und Asiaten. 

„In Freundschaften muss man viel investieren“

Da ich in Berlin einen Mitbewohner habe, erhoffte ich mir, mehr Freundschaften während meines Aufenthalts in der Stadt zu schließen. Ich habe mich wirklich sehr bemüht, Freunde zu finden, blieb aber eine ganze Woche erfolglos.  Glücklicherweise begrüßte mich auf einer Veranstaltung, auf der einige Asiaten und Europäer zusammenkamen, eine junge Frau, als sie merkte, dass ich aus Myanmar komme.
 
Dann lud sie mich auf ihre Party ein. Dort bekam ich endlich eine Antwort auf meine Frage, die mir schon die ganze Zeit durch den Kopf ging: Warum ist für die Berliner Freundschaft etwas so Tiefgreifendes?  Ein junger Mann erklärte es mir in einfachen Worten: „In Freundschaften muss man viel investieren. Du musst Vertrauen aufbauen, fürsorglich und freundlich sein und noch viel mehr Dinge einbringen, die für eine Freundschaft erforderlich sind.“  Auf dem Weg nach Hause machte ich mir Gedanken darüber, ob ich die Menschen, die ich auf der Party kennengelernt hatte, tatsächlich „Freunde“ nennen würde oder ob ich noch mehr zu investieren hätte.

Berlin ist „fahrradtauglich“

Normalerweise hasse ich laute, übervolle Großstädte. Einer meiner Kollegen warnte mich bereits am ersten Tag, ich müsse hier beim Fahrradfahren vorsichtig sein, da alles so überfüllt sei. Eine Woche später stellte ich jedoch fest, dass „überfüllt“ in Berlin 80 % weniger „überfüllt“ als in Yangon bedeutet. Hermannplatz, Alexanderplatz und Checkpoint Charlie sind die überfülltesten Plätze, die ich in Berlin erlebt habe, wobei sie immer noch sehr fahrradtauglich sind.
 
Einer der Gründe, warum ich Berlin so liebe, ist seine Fahrradkultur. Wie auch in anderen europäischen Städten gehören die Radwege, die es in meinem Land nicht gibt, zu den besten Erfindungen. Noch dazu ist es einfach eine einzigartige Erfahrung, an den jahrhundertealten Gebäuden, zahlreichen Kirchen und Kathedralen mit dem Fahrrad vorbeizufahren. Nach einer Woche in der Stadt stellte ich fest, dass die Berliner eine Mischung aus konservativer Denkweise und neo-modernem Lebensstil ausmacht.

Mit „Nahaufnahme 2018“ zu Gast in Berlin Mit „Nahaufnahme 2018“ zu Gast in Berlin | Foto: Mratt Kyaw Thu

Ein unglaubliches Geschenk

Einen bestimmten Tag in Berlin werde ich niemals vergessen: Das war der Tag, als ich von Mitarbeitern der Berliner Verkehrsbetriebe in der Tram kontrolliert wurde. Da ich nicht wusste, dass die Fahrscheine nach zwei Stunden ihre Gültigkeit verlieren, nutzte ich sie auch außerhalb dieses Zeitrahmens. Schließlich wurde ich dann zusammen mit einem Rapper-ähnlichen Amerikaner und einem portugiesischen Mädchen von BVG-Kontrolleuren erwischt.
 
„Ich bin Amerikaner. Ruft die Polizei!“, rief der Rapper einem BVG-Kontrolleur zu, während die anderen mit mir und dem portugiesischen Mädchen beschäftigt waren. Dann fragte der Rapper noch einmal, wie lange das hier dauern werde, und der Kontrolleur antwortete ihm: „Vielleicht zwei Stunden.“ Der Amerikaner erwiderte, dass ginge nicht, er könne nicht so lange warten, und ging dann einfach.
 
Das portugiesische Mädchen und ich wurden kommentarlos kontrolliert. Anschließend ging ich zusammen mit ihr zum BVG-Schalter, um die Strafe zu bezahlen. 
 
Auf dem Weg zu meiner Wohnung erhielt ich ein unglaubliches Geschenk – das erste überhaupt in Berlin. Ich fragte einen Passanten, ob er mir beim Fahrscheinkauf behilflich sein könnte, da der Automat meine 2 Euro Münze nicht annahm. Er ignorierte mich einfach. Dann erschien ein Mädchen und half mir, einen Fahrschein zu kaufen. Sie lächelte mich danach sehr zufrieden an und wünschte mir eine gute Fahrt.