DAS GOETHE: AUSGABE 2/2018 45 Sekunden Solidarität

Ausschnitt aus dem Film von Thi Nguyen
Ausschnitt aus dem Film von Thi Nguyen | Foto: Goethe-Institut

Am 25. Oktober 2018 erscheint die neue Ausgabe von „das goethe“ mit dem Thema Freiheit. Dabei geht es nicht nur um die Freiheit in fernen Regionen und autoritären Systemen, sondern auch um unsere eigene. Vorab lesen Sie hier, wie sich Kunstschaffende aus aller Welt in Kurzfilmen mit der zunehmenden Einschränkung der Meinungsfreiheit auseinandersetzen. 

Der Fall Pawel Machcewicz ging 2017 europaweit durch die Medien. Machcewicz wurde als Direktor des Museums des Zweiten Weltkriegs in Danzig entlassen. Die rechtskonservative polnische Regierung kritisierte das angeblich zu pazifistische Ausstellungskonzept des Historikers und die explizite Darstellung des polnischen Antisemitismus. Ein weiteres Beispiel aus Russland: Der Europäischen Universität St. Petersburg wurde im August 2017 die Lehrlizenz entzogen. Die Einrichtung wehrte sich, mittlerweile läuft der Betrieb an der Hochschule zumindest eingeschränkt wieder. Von staatlichen Zugriffen waren auch zwei Universitäten in Budapest betroffen: Dort will die ungarische Regierung die Geschlechterstudien verbieten, an der staatlichen Hochschule ist das Verbot bereits in die Wege geleitet. Vorgänge, die exemplarisch dafür stehen, wenn Regierungen auf für sie missliebige Stimmen in der Wissenschaft mit Zensur und Repressionen reagieren.

Gegen das Schweigen der Zivilgesellschaft

Über diese Fragen haben sich 25 Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt Gedanken gemacht und 45-sekündige Kurzfilme gedreht. „CUT IT OUT. International Project Against Censorship” des Goethe-Instituts in Zusammenarbeit mit Arte und der Berlinale befasst sich mit Mechanismen der Zensur. Die Themen sind so vielfältig wie die Herkunftsländer der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Auch wenn die politische Situation in ihren Heimatländern unterschiedlich ist, eint alle Regisseure der Wunsch, solidarisch gegen Zensurbestrebungen aktiv zu werden. Die israelische Regisseurin Anat Even etwa wählt eine subtile Ästhetik, um ihr Anliegen zu verdeutlichen: In ihrem Film ist eine Jalousie zu sehen, die allmählich einen Wohnraum verdunkelt, bis weder Licht noch Geräusche mehr eindringen.

Szene aus dem Film von Anat Even Szene aus dem Film von Anat Even | Foto: Goethe-Institut Even will den Rückzug des Bürgers in seine eigenen vier Wände zeigen. „Leider hören wir zurzeit auch in Israel nicht genug Kritik gegen den Staat“, sagt Anat Even, „trotz der schlimmen Dinge, die hier geschehen.“ Das Schweigen der Zivilgesellschaft erklärt sie sich damit, dass Menschen in einer Atmosphäre der Hetze und Verfolgung Angst hätten, ihre politische Meinung zu äußern. Dass die Zivilgesellschaft kein Gehör findet, besorgt auch die Brasilianerin Ana Luiza Azevedo: Wenn sich die Menschen nicht trauten, ihre Meinung zu äußern, würden missliebige Stimmen mundtot gemacht – in ihrer Heimat mit Gewalt und sogar Mord. Sie thematisiert in ihrem Film die Ermordung von Marielle Franco, einer jungen schwarzen und lesbischen Politikerin, die 2016 in den Stadtrat von Rio de Janeiro gewählt wurde und im März 2018 in ihrem Auto erschossen wurde. „Der Mord an Franco war ein Versuch, all das, was sie repräsentierte, zum Schweigen zu bringen“, beklagt Azevedo.

Für die Freiheit in der Kunst

Aber auch über die Freiheit in der Kunst ist in letzter Zeit weltweit gestritten worden. Im Zuge der MeToo-Debatte gab es mehrere Fälle, in denen Kunstwerke als sexistisch verurteilt wurden: In Manchester hängte die Art Gallery zeitweise ein Bild mit nackten Nymphen des Präraffaeliten John William Waterhouse ab. Werke des Malers Balthus schmähen manche Kritiker als voyeuristisch und pädophil. Das Gedicht „Avenidas“ von Eugen Gomringer wurde an der Wand der Alice Salomon Hochschule in Berlin übermalt, weil es Studierendenvertreter als frauenfeindlich empfanden. Ist es Zensur, wenn Lyrik oder Kunst im öffentlichen Raum ausgelöscht wird, oder ein berechtigter Akt, weil Menschen die Gleichberechtigung der Geschlechter angegriffen sehen? Eine Frage, die vielstimmig diskutiert wird. Wie Kunst unter Druck gerät, wenn auch auf andere Weise, thematisiert die vietnamesische Filmemacherin Thi Nguyen. Sie erinnert an einen Vorfall von 2010: Während eines Festivals hatte sich eine Künstlerin in einer Performance nackt gezeigt, was einen Skandal hervorrief und am Ende zur Schließung des Kunstraums Nha San Studio in Hanoi durch die Polizei führte. Indem Ngyuen Künstlerinnen und Künstler dabei filmt, wie sie sich vor der Kamera ausziehen als Zeichen von Protest gegen die Schließung des Kunstraums, solidarisiert sie sich auch mit der Performance, die den Aufruhr erzeugte und macht ihre Empörung deutlich. Während es Nguyen um aktuelle Ereignisse geht, richtet der russische Künstler Nicolai Nasedkin den Blick zurück in die Vergangenheit und erinnert an die politisch Verfolgten während des Stalinismus, die im Land noch immer nicht genügend Würdigung erfahren. Für Nasedkin sind Aktionen zeitgemäß, die weniger einen direkt politischen als einen erinnernden Charakter haben, denn: „Solange wir uns nicht mit den Schrecken des Stalinismus auseinandersetzen, werden wir nicht
frei sein.“
 


Eine vollständige Fassung des Artikels können Sie ab Donnerstag in "das goethe" lesen. 
Autorin: Annette Walter