Soccer Camp 2018 Ein ermutigendes Beispiel

Hiba El Jaafil begleitet das Soccer Camp 2018 im Libanon
Hiba El Jaafil begleitet das Soccer Camp 2018 im Libanon | Foto: Alia Haju

Bereits zum dritten Mal organisierte das Goethe-Institut Libanon ein Soccer Camp. Über 300 Mädchen und Jungen im Alter von sechs bis 17 Jahren trainierten je eine Woche an insgesamt vier Orten im Libanon und trafen sich anschließend zu einem Fußball-Abschlussturnier in Beirut. Begleitet wurden die Trainings von einem football3-Qualifizierungs-Workshop mit Hiba El Jaafil. Im Interview erzählt die ehemalige Trainerin der libanesischen U17-U19 Frauen-Mannschaft von ihrer eigenen Fußballkarriere und was sie besonders am Soccer Camp schätzt.  

Leidenschaft für den Fußball

Wann und wie haben Sie mit dem Fußballspielen angefangen?

Wir haben in der Nähe vom Strand gewohnt, nahe Ouzai. Dort in der Nachbarschaft habe ich mit dem Spielen begonnen. Mein Bruder Hassan, der sechs Jahre älter ist als ich, spielte damals im Fußball-Nationalteam. Ich spielte öfter zusammen mit ihm und seinen Freunden und mit meinen Cousins und Nachbarn. Aber es waren alles Jungs und ich das einzige Mädchen.

Können Sie sich erinnern, in welchem Alter Sie begonnen haben?

Ich war sieben oder acht Jahre alt. Alle Leute in der Gegend wussten, dass ich das Mädchen war, das Fußball spielen konnte. Ich war besser als die Jungen. Wenn es darum ging, Teams zu bilden, die gegen einander antreten mussten, wollte jedes von ihnen unbedingt mich im Team haben.

Ihrem Vater hat es nicht gefallen, dass Sie Fußball spielen. Haben Sie es vor ihm geheim gehalten?

Ja, zunächst hielt ich es geheim, später wusste er es dann. Immer wenn er bei der Arbeit war, spielte ich heimlich. Doch ich musste zusehen, dass ich vor ihm wieder zu Hause ankam. Der Islam war meinem Vater sehr wichtig – er war der Ansicht, dass Frauen sich bedecken sollten. 

Fairplay, Gleichheit und Teamarbeit stehen bei den Trainings im Vordergrund Fairplay, Gleichheit und Teamarbeit stehen bei den Trainings im Vordergrund | Foto: Alia Haju Denken Sie, dass Ihr Vater so streng war, weil Sie Fußball spielten oder weil Sie Ihre Zeit mit Jungs verbrachten? Was war das Problem?

Dass ich draußen war – nicht im Haus. Insbesondere nach Sonnenuntergang. Eigentlich total verrückt: Einerseits wollte er nicht, dass ich draußen war und mit den Jungs Fußball spielte. Andererseits nahm er mich trotzdem zu jedem Spiel von Al-Anzar mit, eine der erfolgreichsten Mannschaften des libanesischen Fußballs. Wir sahen uns gemeinsam fast alle Spiele der ersten Liga an – im ganzen Land, manchmal in Tripolis oder Zahle. Später, als er bemerkte, wie sehr ich Fußball mochte, und dass ich mit den Jungs spielte – da war ich etwa elf oder zwölf Jahre alt – ging er einfach alleine, ohne mir etwas davon zu sagen. Ich blieb also zu Hause, weinte und verfolgte das Spiel im Fernsehen. Mein Leben änderte sich schlagartig, als mein Vater starb, ich war 13. Ein Jahr später trat ich dann einem Club bei.

Stimmt es, dass Ihr Bruder Sie stark unterstützt hat, im Gegensatz zu Ihrer Mutter?

Nach dem Tod meines Vaters war meine Mutter für uns verantwortlich und sie war sehr besorgt darüber, was andere über uns denken und sagen – insbesondere, da meine Onkel neben uns wohnten. Die Leute gingen davon aus, dass meine Onkel nun für mich verantwortlich wären und sich um mich kümmerten, aber das war nur Gerede. Da kam nicht wirklich viel. Mein Bruder hat mich dagegen sehr unterstützt. Zuerst wusste er gar nicht, wie gut ich Fußball spielte. Als er mich aber dann spielen sah, bemerkte er, wie gut ich eigentlich war. Sogar anderen fiel es auf und es machte schließlich die Runde. Er war stolz auf mich und gab vor den anderen mit mir an: „Sie ist meine Schwester“, sagte er dann immer.
 

Sportlichkeit, Teamwork und Gleichberechtigung

Was machen Sie jetzt – wie sieht Ihre derzeitige Fußballkarriere aus?

Ich war Nationaltrainerin für die U-19 und die U-17. Vor zwei Jahren hörte ich wegen Problemen mit dem Verband auf. Jetzt, als Sportkoordinatorin, bin ich für die Sportlehrer an der Evangelical School in Sidon verantwortlich. Außerdem habe ich eine Fußballakademie an der Schule gegründet – die NIEGB Tigers, National Evangelical Institute for Girls and Boys. Es ist eine der größten Schulen im Libanon mit zwei Standorten und rund 2.000 Schülerinnen und Schülern. Wir haben sogar einen brandneuen Fußballplatz bekommen, der für 4.000 Zuschauer Platz bietet.

Team Tripoli gewinnt das Abschlussturnier Team Tripoli gewinnt das Abschlussturnier | Foto: Alia Haju Ist es für Mädchen schwierig, der Akademie beizutreten?

Ja, es ist schwierig. Derzeit haben wir nur zwei Mädchen. Es hat sich also seit meiner Kindheit nicht wirklich viel geändert. Aber in Beirut ist es anders. Ich fange gerne früh damit an, mit den Mädchen zu arbeiten, so im Alter von sieben Jahren. Damit erhöht sich die Chance, dass sie später wirklich gute Spielerinnen werden können. Bei einer der Sportstunden an der Evangelical School, in der Fußball gespielt wurde, entdeckte ich ein talentiertes Mädchen. Sie war sehr am Fußballspielen interessiert. Darum bat ich ihre Mutter, ihr zu erlauben, die Akademie zu besuchen. Jetzt ist das Mädchen Mitglied. Mittlerweile ist sie eine der Besten.
 
Bei Soccer Camp spielen die Kinder football3. Was ist das Besondere daran?

Football3 umfasst neben dem Spiel selbst eine Besprechung vor sowie nach dem Match. Diese Art zu spielen unterscheidet sich auf vielerlei Art und Weise von dem normalen, wettkampforientierten Fußball. Die Teams sind gemischt, Jungen und Mädchen spielen also gemeinsam, und neben Fertigkeiten und erzielten Toren wird auch die Art zu spielen belohnt. So wird Sportlichkeit, Teamwork und die Gleichheit der Geschlechter gefördert.

Hiba El Jaafil gibt den 12 Trainerinnen und Trainern des Soccer Camps eine Einführung in die Methode football3 Hiba El Jaafil gibt den 12 Trainerinnen und Trainern des Soccer Camps eine Einführung in die Methode football3 | Foto: Alia Haju Was war das schönste Ergebnis von Soccer Camp? 

Die Botschaft für die Spielerinnen und Spieler ist das Wichtigste. Kinder aus Syrien, Palästina und dem Libanon spielen zusammen. Das zeigt ihnen, dass es keine Unterschiede in unseren Kulturen gibt. Zudem ist es für mich als Frau besonders wichtig, dass ich selbstbewussten Mädchen dabei zusehen darf, wie sie Fußball spielen. Und ich freue mich, dass ich viele von ihnen dazu ermutigen konnte. Gleichzeitig gelten diese Mädchen wiederum als ermutigende Beispiele für diejenigen, die sich bisher noch nicht getraut haben.