Freiraum-Tandem Carlisle-Thessaloniki Gegen die Isolation

Das Projekt Freiraum macht halt in Carlisle und thematisiert die Überwindung der Isolation
Das Projekt Freiraum macht halt in Carlisle und thematisiert die Überwindung der Isolation | Foto: Linda Bussey

Das Projekt „Freiraum“ ist eine Graswurzelbewegung, die Brücken schlagen will. In 42 Städten widmen sich Goethe-Institute mit ihren Partnern aus Kultur und Zivilgesellschaft Fragen zu Europa. Das Tandem Carlisle-Thessaloniki beschäftigt sich mit den Fragen: Wie lässt sich Isolation überwinden? Wie kann Identität zu einem Freiraum werden? Dabei stehen Gespräche mit den Bewohnerinnen und Bewohnern beider Städte im Fokus.

Das Paar: AWAZ Cumbria und ArtBOX

Mehr als 3200 Kilometer liegen zwischen Carlisle im Nordwesten Englands nahe der schottischen Grenze und der griechischen Hafenstadt Thessaloniki. Aftab Khan zeigt die Entfernung auf Google Maps. Er ist der Leiter von AWAZ Cumbria, einer kommunalen Entwicklungsorganisation, die sich seit 2005 für die Sichtbarkeit marginalisierter Gruppen in der Grafschaft einsetzt. Der griechische Partner könnte kaum gegensätzlicher sein: ArtBOX ist ein Kunstmanagementbüro. Was die beiden Städte und Organisationen verbindet? Auf den ersten Blick nichts. Doch im Projekt „Freiraum“ des Goethe-Instituts wachsen sie ein Stück zusammen.

Aftab Kahn (AWAZ Cumbria) und Christos Savvidis (ArtBOX) Aftab Kahn (AWAZ Cumbria) und Christos Savvidis (ArtBOX) | Foto: Linda Bussey

Zusammenkunft in Carlisle

Der Zufall hat sie zusammengebracht. Beim ersten Freiraum-Treffen in Warschau, im Dezember 2017, entschied das Los über die Paare. Gut ein Jahr später treffen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Griechenland und England in Carlisle, um zu zeigen, woran sie seitdem gearbeitet haben. Fünf Mal haben sie sich getroffen, in England und Griechenland. 24 Skype-Konferenzen und 400 Telefonate fanden statt, knapp tausend Mails gingen hin und her. Zwölf Künstlerinnen und Künstler leiten den Austausch, mehr als achtzig Poeten, Dichterinnen und Sänger sind beteiligt. An diesem Samstag versammeln sie sich in der Universität Carlisle zum SpeakEasy-Event. Schülerinnen und Studenten, Geflüchtete, Alte und Junge, Frauen und Männer treten nacheinander auf der Bühne vor das Mikrofon, tragen Gedichte vor, manche nur wenige Zeilen lang, singen. Zwischendrin gibt es eine Live-Schalte nach Griechenland, wo Künstler Dramen verlesen.

Die Journalistin und Übersetzerin Krystalli Glyniadakis auf dem SpeakEasy-Event Die Journalistin und Übersetzerin Krystalli Glyniadakis auf dem SpeakEasy-Event | Foto: Isabel Stettin

„Keine Mauern zwischen den Menschen Europas“

Unter den Zuschauern ist auch Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts. Es ist kein Zufall, dass er diesen Ort für einen Besuch ausgewählt hat. Der Brexit sei der Auslöser, der Anstoß für das Projekt Freiraum gewesen, sagt Ebert. „Die Entscheidung für das Projekt fiel nach dem Votum in Großbritannien und der Wahl von Donald Trump in den USA.“ Er sieht darin auch eine Reaktion auf das Erstarken populistischer Parteien in ganz Europa. 61 Prozent haben in Carlisle für den Austritt aus der EU gestimmt. Die Kleinstadt ist berühmt geworden, weil die „Leave“-Anhängerinnen und -Anhänger nirgendwo stärker vertreten waren. „Auch wenn wir die EU verlassen: Wir verlassen nicht diesen Kontinent. Egal, was kommt, wir wollen keine Barrieren und Mauern zwischen den Menschen Europas“, sagt Aftab Khan. Doch er weiß auch, dass viele Menschen hier sich abgehängt fühlen, eingeklemmt zwischen Schottland und England im Niemandsland der „border city“, von der großen Politik vernachlässigt, von London ignoriert. So empfinden es viele hier.

Wie lässt sich Isolation überwinden? Wie kann Identität zu einem Freiraum werden? Wie lässt sich Isolation überwinden? Wie kann Identität zu einem Freiraum werden? | Foto: Linda Bussey

Freiraum war nur der Anfang

„Wie können wir Isolation verstehen und wie können wir sie überwinden?“, heißt darum eine der Fragen, mit der sich die Projektteilnehmer beschäftigen. Es sind fast philosophische Gedanken, mit denen sich auch die Kinder der Youth Zone in Carlisle und parallel Kinder aus Thessaloniki beschäftigt haben. Viele der Kinder, die in das Jugendhaus kommen, um Fußball zu spielen oder zu lernen, stammen aus benachteiligten Familien. Sie haben Bilder gemalt, Collagen gebastelt zum Thema Einsamkeit, Baumhäuser gebaut – als Symbol des Rückzugs. In kurzen Videos heben die Kinder aus Carlisle die Hand zum High-Five, verbinden sich der Distanz zum Trotz mit Kindern aus Thessaloniki. Die kleine Ausstellung mit Bildern aus England und Griechenland ist nur ein winziger Schnipsel, ein Mosaiksteinchen von vielen Projekten, die Künstlerinnen und Künstler in beiden Städten zusammen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern umgesetzt haben. Im Februar plant Jane Dudman, Künstlerin und Kuratorin des Projekts, eine Ausstellung in Carlisle. Es soll nicht bei dem einen Funken bleiben: „Freiraum hat einen kleinen Stein ins Rollen gebracht. Jetzt liegt es an uns, dass es dabei nicht bleibt.“

Kunstprojekte von Kindern aus Carlisle und Thessaloniki Kunstprojekte von Kindern aus Carlisle und Thessaloniki | Foto: Linda Bussey