Antanas Sutkus – Fotografische Retrospektive Das verschmähte Gedächtnis

Antanas Sutkus with Snape, Vilnius
Antanas Sutkus with Snape, Vilnius | Foto: © Antanas Sutkus

Anlässlich des 100 jährigen Geburtstags zur Wiederherstellung des Staates Litauen zeigte die litauische Nationalgalerie in Kooperation mit dem Institut français und dem Goethe-Institut die Ausstellung „Kosmos“ mit Fotografien von Antanas Sutkus. 

Hinter dem Bahnhof die Hügel hinauf: bröckeliger Asphalt, Blockbauten, in Senken ducken sich Holzhäuser, hier ist Vilnius weit weg von barocker Innenstadt-Schönheit. In Naujininkai hält sich Armut zwischen der Mittelschicht und über allem der Himmel wie ein graues Tuch. Weiter oben Einfamilienhäuser, Antanas Sutkus sitzt schon auf dem Ledersofa: kurzes weißes Haar, ringsum Kisten, Schubladenschränke mit handgeschriebenen Aufklebern, Retrospektyva steht auf einigen, Sartre auf etlichen. Sutkus, bald achtzig Jahre, ist der bekannteste Fotograf der „Litauischen Schule“. Über hunderttausend Bilder lagern im Keller und hier im Wintergarten. Seine Frau Rima zuckt mit den Schultern: „Wir wohnen irgendwie dazwischen.“

No Title. Vilnius, 1961 No Title. Vilnius, 1961 | Foto: © Antanas Sutkus

Anarchisches Spiel, verstörte Blicke

Sutkus hat 1969 die „Gesellschaft für Fotokunst“ der Sowjetrepublik Litauen mitgegründet, saß ihr vor. Die Idee wurde Modell für die UdSSR, da hatte er schon seine heute bekanntesten Aufnahmen gemacht, de Beauvoir und Sartre im weißen Sand der Kurischen Nehrung, Wolken, existenzielle Leere um die gebeugten Gestalten. Die blinden Pioniere, was für eine Metapher! Und immer wieder Kinder, anarchisches Spiel, verstörte Blicke, verrutschte Horizonte, rissiger Putz. In Gesichtern Unsicherheit, Überraschung. Als Sutkus mit acht anderen Fotografen 1969 die erste Ausstellung im Moskauer Haus der Journalisten eröffnen wollte, nahm ihn ein Kritiker beiseite: „Das wird nicht funktionieren. Zu düster, zu depressiv.“ Nennen wir es Litauische Schule, habe der Kritiker vorgeschlagen, dann ginge es vielleicht. War das Widerstand? Sutkus wendet das Wort im Mund. Stalin hatte die Kulturinstitutionen zentralisiert, Kunst sollte nicht nur von narodnost, Volksverbundenheit, erzählen, sondern als „Demonstration der Errungenschaft, Übereinstimmung mit Parteiführern, Freundschaft der Völker, Liebe zum Führer“ funktionieren. Sutkus schmuggelte Poesie darunter, Mehrdeutigkeiten, faltige Gesichter, erschöpfte Arbeiter, Kindertränen.

FARMER. DZUKIJA, 1969 FARMER. DZUKIJA, 1969 | Foto: © Antanas Sutkus

Sutkus lernte früh: „Widerstand war Selbstmord“

Die Aufnahmen behaupteten den mal poetischen, auch romantischen Blick der humanistischen Fotografie – erzählen von der Eigenständigkeit der Kunst, lehnten Journalismus, also Propaganda, ab. Fanden Schwermut, karge Welten, darin Absurdes, kleine Leichtigkeiten. Widerstand? Sutkus erzählt von seinem Vater, der Kameraden verraten sollte, sich lieber erschoss. Antanas war da gerade ein Jahr alt, die Großeltern übernahmen die christliche Erziehung. Widerstand: Im Dorf teilten sie ihr karges Essen mit Partisanen, die gegen die Sowjetunion kämpften. Ein aussichtsloses Unternehmen, Sutkus lernte früh, die Couch schmatzt bei seiner Handbewegung: „Widerstand war Selbstmord.“ Oft gab es auch so Probleme, das Kommentarheftchen zur wunderbaren „Kosmos“-Ausstellung erzählt davon: Nachdem der kleine Pionier mit dem geschorenen Kopf den Michelangelo D’Oro-Preis in Italien gewann, druckte ihn die Sowjetskoye Foto. Aufgebrachte Kommentare, Dissidenten-Fotografie sei das, die Chefredakteurin wurde zum ZK einbestellt. Breschnew-Zeiten: Sutkus musste in die Partei eintreten, damit er hinausgeschmissen werden konnte. Die „blinden Pioniere“ versteckte er.

Uzupis. High School Children. Vilnius, 1959 Uzupis. High School Children. Vilnius, 1959 | Foto: © Antanas Sutkus

Niemand ist auf Wirkung bedacht, niemand posiert

Dabei leben die Aufnahmen von ihrer Empathie – Kinder ziehen uns in ihr Spiel hinein, Wut, Scham, Staunen ringt in ihren Gesichtern. Eine junge Frau beweint ihren kürzlich gestorbenen Mann. Niemand ist auf Wirkung bedacht, niemand posiert, Sutkus hat einen Blick für kleine Pausen, Rast. „Fotograf und Betrachter“, sagt er, „sollen auf gleicher Höhe mit den Menschen in den Bildern stehen.“ Der Mann mit der Kamera als Spielkamerad, Begleiter. Das Sofa knarzt, mit der Unabhängigkeit Litauens, im rabiaten Kapitalismus der 1990er Jahre verschob sich etwas. Auf einem Markt beobachtete Sutkus Mütter, die ihre letzten Haushaltswaren feilboten, Käuferinnen, die Töchtern nicht einmal billige Kleidchen zum Festtag leisten konnten. „Ich konnte ihnen nicht helfen, also wollte ich auch kein Bild von ihnen machen.“ Die Dinge waren hierarchisch geworden, Sutkus sah Elende, Abgehängte. „Ich wollte sie nicht beschämen.“

FIRST BIKERS. KLAIPĖDA, 1974 FIRST BIKERS. KLAIPĖDA, 1974 | Foto: © Antanas Sutkus

Keine strukturierte Kulturpolitik

Jetzt hängt der Nachmittag düster über dem Hügel, die Stimmung wird bitter: Rima und Antanas sprechen über die Sammlung, die sie in einen lebendigen Ort verwandeln wollen. Der litauische Staat hat dafür keinen Sinn. Ausstellungen wie „Kosmos“ werden vom Institut français und dem Goethe-Institut auf den Weg gebracht, Riesenerfolg, über 30.000 Zuschauer, ein Prozent aller Litauer kamen. Eine strukturierte Kulturpolitik, eine Idee, wie man mit den Archiven umgehen will, gibt es nicht. Hügel hinab, Schnee, Lichter der Stadt: Hinter einigen lagern riesige Bildsammlungen, wie verschmähte Gedächtnisse, kaum geschützt. „Es fühlt sich absurd an,“ Antanas Sutkus hatte länger gezögert. „Sogar verletzend.“