Deutsch-norwegisches Literaturfestival „Auf dem Weg nach Frankfurt“ Das Blaue-Sofa-Phänomen

Norwegen ist Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Einen Vorgeschmack bot vom 26. bis 28. April 2019 das deutsch-norwegische Literaturfestival „Auf dem Weg nach Frankfurt“ im Literaturhaus Oslo
Norwegen ist Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Einen Vorgeschmack bot vom 26. bis 28. April 2019 das deutsch-norwegische Literaturfestival „Auf dem Weg nach Frankfurt“ im Literaturhaus Oslo | Foto: Karina Gravdahl

Der Einfluss der klassischen Literaturkritik auf den Buchmarkt schwindet. Statt Analyse ist Entertainment gefragt. Auf dem deutsch-norwegischen Literaturfestival „Auf dem Weg nach Frankfurt“ stellte sich die Frage, ob die Kulturkritik vor einer Krise steht.

Es herrscht großer Andrang an diesem Samstagnachmittag in Oslos Literaturhaus, als auf dem deutsch-norwegischen Literaturfestival der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr auftritt. Mit seinen ersten, Ende der achtziger Jahre veröffentlichten Romanen „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ und „Die letzte Welt“ hat sich Ransmayr auch in Norwegen einen Namen gemacht, und doch sind die regelmäßigen Übersetzungen seiner jeweils neuen Bücher keine Selbstverständlichkeit. Als der Moderator, der norwegische Schriftsteller Erik Fosnes Hansen, den ebenfalls auf der Bühne sitzenden Ransmayr-Übersetzer Sverre Dahl vorstellt, erzählt Hansen erst einmal, wie Dahl aus eigener Initiative und ganz ohne Auftrag oder finanzielle Zuwendungen Ransmayrs jüngsten, 2016 erschienenen Roman „Cox oder Der Lauf der Zeit“ übersetzt hat. Nun werde das Buch „vielleicht“ im Herbst in Norwegen erscheinen, ein Verlag jedenfalls wurde gefunden. Was Ransmayr kurz einwerfen lässt, das dieses „vielleicht“ beispielsweise in China sofort die Frage aufwerfen würde: „In welchem Jahrhundert denn?“ Er schlage jedenfalls vor, dass die Tantiemen dann zu fünfzig Prozent an Dahl gingen.

Der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr (rechts im Bild) im Gespräch mit Erik Fosnes Hansen (links im Bild) und Sverre Dahl (Bildmitte) Der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr (rechts im Bild) im Gespräch mit Erik Fosnes Hansen (links im Bild) und Sverre Dahl (Bildmitte) | Foto: Karina Gravdahl

Das ungleiche Interesse

Diese Übersetzungsgeschichte war mehr eine Randnotiz auf dem Podium, das sich ansonsten ausschließlich um die Literatur des österreichischen Schriftstellers drehte - und doch ist sie bezeichnend für das nicht besonders ausgeprägte Interesse der Norweger an deutschsprachiger Gegenwartsliteratur. Ob auf der Terrasse draußen vor dem Literaturhaus, ob in Gesprächen in den einzelnen Sälen oder bei der Eröffnung des Festivals am Freitagabend im Beisein der norwegischen Kronzprinzessin Mette Marit: Immer wieder wurde erwähnt, wie erfolgreich die norwegische Literatur unter anderem mit Karl-Ove Knausgård, Maja Lunde oder Jo Nesbø gerade in Deutschland sei, wie viele Bücher aus Norwegen im Rahmen des Gastlandauftrittes bei der kommenden Frankfurter Buchmesse ins Deutsche übersetzt werden, nämlich 280. Und wie sich das umgekehrt mit Übersetzungen aus dem Deutschen ins Norwegische dieses Jahr verhalte, nicht einmal zwanzig gebe es, darunter überraschenderweise Simon Strauß‘ Debüt „Sieben Nächte“. So kam Erik Fosnes Hansen auf die Idee, vor der Buchmesse ein deutsch-norwegisches Literaturfestival auszurichten, um die deutschsprachige Literatur in Norwegen bekannter zu machen – ein Novum auch in der Geschichte der Gastlandauftritte der Frankfurter Buchmesse. Organisiert unter anderem vom Goethe-Institut, der Willy-Brandt-Stiftung und der Vereinigung norwegischer Sachbuchautoren und Übersetzer und mit Erik Fosnes Hansen als Leiter und Kurator des Festivals, trafen dann an diesem letzten April-Wochenende vierzig Autoren und Autorinnen aus dem deutschsprachigen Raum und fünfzig aus Norwegen aufeinander, bei Lesungen, Diskussionsrunden oder einfach bei einem Kaffee oder einem Glas Wein in den Bars des mit seinen vier Etagen größten Literaturhauses in Europa. 

Kronprinzessin Mette Marit und Kronprinz Haakon vor dem Literaturhaus Kronprinzessin Mette Marit und Kronprinz Haakon vor dem Literaturhaus | Foto: Karina Gravdahl

Das gewandelte Rezeptionsverhalten als neue Chance begreifen

Dass sich beide Literaturen durchaus nahestehen, auch im Umgang mit bestimmten gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, ließ sich dabei immer wieder beobachten und heraushören. Nicht anders verhält sich das mit der Rezeption von Literatur. „Steht die Kulturkritik vor einer Krise?“ hieß eine Debattenrunde, an der auf deutscher Seite die Schriftstellerin Theresia Enzensberger und der Literaturvermittler Thomas Böhm teilnahmen, auf norwegischer der Germanist Henrik Keyser Pedersen und der Literaturkritiker und NRK-Radiojournalist Knut Hoem. Von einer „Krise“ wollte keiner der Beteiligten reden. Doch in der Diagnose waren sich alle einig: Der Einfluss der klassischen Literaturkritik auf den Buchmarkt ist ein nur noch geringer, der Verkauf von Büchern wird von ihr kaum noch beeinflusst. Überdies hat sich ihr Wesen enorm gewandelt, in Deutschland wie in Norwegen, nicht zuletzt weil es durch die Digitalisierung viele neue mediale Vermittlungsformen wie Podcasts und Blogs gibt.

„Steht die Kulturkritik vor einer Krise?“ Darüber diskutierten Helge Rønning, Knut Hoem, Theresia Enzensberger, Thomas Böhm und Henrik Keyser Pedersen (v.l.n.r.) „Steht die Kulturkritik vor einer Krise?“ Darüber diskutierten Helge Rønning, Knut Hoem, Theresia Enzensberger, Thomas Böhm und Henrik Keyser Pedersen (v.l.n.r.) | Foto: Karina Gravdahl

Kritiker werden zu Entertainern

Vom „Blauen-Sofa-Phänomen“ sprach Pedersen, davon, dass Kritiker sich mehr und mehr zu Entertainern gewandelt hätten – und Hoem assistierte, dass im Netz bekanntermaßen starke politische Meinungen und Kommentare gefragt seien, aber eine analytische, durchaus meinungsstarke Literaturkritik sich davon trotzdem sehr unterscheide. Viele Blogs hätten nur mehr Empfehlungscharakter, da ginge es mehr um die Gefühle beim Lesen von Literatur, das persönliche Empfinden, nicht um analytische Reflektion. Trotzdem fielen in der Runde dann auch die Namen von Online-Kritik-Portalen, die es gut machten, sei es literaturkritik.de, sei es nachtkritik.de fürs Theater. Weshalb sich am Ende ebenfalls alle einig darüber waren, dass das gewandelte Rezeptionsverhalten im digitalen Zeitalter immer auch als Chance zu begreifen sei. Eine intelligente, auf der Höhe der Diskurse argumentierende Literaturkritik war schließlich noch nie zum Schaden der Literatur.