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„Wissen und Lernen im digitalen Zeitalter“
Die Lehrkraft der Zukunft

Die Leiterin des Goethe-Instituts Ukraine Beate Köhler eröffnet den Digitalkongress „Wissen und Lernen im digitalen Zeitalter“ im November in Kiew
Die Leiterin des Goethe-Instituts Ukraine Beate Köhler eröffnet den Digitalkongress „Wissen und Lernen im digitalen Zeitalter“ im November in Kiew. | Foto: Volodymyr Bugaenko

Wie beeinflusst Digitalisierung das Lehren und Lernen, aber auch die gesellschaftliche Entwicklung und den Arbeitsmarkt? Auf dem Kongress „Wissen und Lernen im digitalen Zeitalter“ des Goethe-Instituts Ukraine sprach „Goethe aktuell“ mit Philipp Koch, einem Experten für Künstliche Intelligenz.

Herr Koch, wann übernimmt die Künstliche Intelligenz die Weltherrschaft?

Ich glaube, dass uns dieses Endzeitszenario nicht so sehr beschäftigen sollte, wie es das aktuell tut. Dieses Szenario hat einen popkulturellen Hintergrund, es kommt aus Hollywood-Filmen, und es verkauft sich gut. Ich glaube aber, dass es stattdessen ganz andere Gefahren gibt, die für uns präsenter sein sollten.

„Künstliche Intelligenz muss man sich leisten können.“

Was sind das für Gefahren, die Sie da ansprechen?

Ich glaube, dass wir mit Künstlicher Intelligenz – wenn es denn schlecht läuft – dazu in der Lage sind, die Gesellschaft stark zu entsolidarisieren. Ich kann mit Künstlicher Intelligenz zum Beispiel bei Versicherungen das Risiko jeder einzelnen Person ganz individuell berechnen, ich kann selbstständige Waffensysteme kreieren etc. Und wir beobachten gleichzeitig eine starke Privatisierung der Forschung. Das heißt, die Unternehmen, die derzeit Künstliche Intelligenz entwickeln, sind die großen Player am Markt: Amazon, Apple, Facebook und Google. Die Forschung findet nicht mehr an den Universitäten statt, sondern bei großen Industrie-Vertretern. Das führt zu einer starken Ungleichheit. Künstliche Intelligenz muss man sich leisten können. Der kleine Mittelständler kann sie sich nicht leisten, der große Versandhändler hingegen ohne Probleme. Man bewegt sich also mit zwei Geschwindigkeiten am Markt.

Philipp Koch im Gespräch mit Katharina Buck und Eva Korb vom Goethe-Institut Ukraine Philipp Koch im Gespräch mit Katharina Buck und Eva Korb vom Goethe-Institut Ukraine | Foto: Volodymyr Bugaenko

Aus meiner Sicht ist also die größte Gefahr, dass Endzeitszenarien und Terminator-Ideen als große nebulöse Angstwolken die reellen Gefahren überschatten, die dann ihrerseits im öffentlichen Diskurs nicht mehr auftauchen. Von der potentiellen Revolution durch Künstliche Intelligenz in unserer Industrie könnten wir alle immens profitieren, weil repetitive Aufgaben komplett automatisiert werden können. Die Wertschöpfung bleibt, aber Arbeitsplätze gehen verloren. Wir müssen also überlegen, ob wir die Wertschätzung von Menschen weiterhin an ihre Erwerbs- beziehungsweise Leistungsfähigkeit knüpfen oder an ihre Teilhabe am gesamtgesellschaftlichen Mehrwert. Wir müssen uns ein ökonomisches Konstrukt überlegen, wie wir die ganze Gesellschaft auffangen wollen. Diesen Prozess müssen wir jetzt aktiv steuern.

Das Publikum des Kongresses „Wissen und Lernen im digitalen Zeitalter“ besteht zum großen Teil aus Lehrkräften und Bildungsexpert*innen verschiedener Fachrichtungen. Sie stellen sich häufig die Frage: Wird mein Beruf in Zukunft obsolet? Wie gerechtfertigt ist diese Sorge?

Ich glaube, Lehrkräfte müssen sich weniger Sorgen um die Substitution ihres Jobs und die Übernahme durch automatische Systeme machen. Es gibt Jobs, die deutlich regelbasierter, deutlich strukturierter erfolgen als der Beruf der Lehrkraft. Der Lehrberuf ist der Inbegriff von Interaktion, von Flexibilität, von Nicht-Regelgebundenheit. Der Anwalt ist regelgebunden, Sachbearbeiter*innen sind regelgebunden, Steuerberater*innen etc. Das trifft auf die Lehrkraft überhaupt nicht zu. Zudem bringt die Lehrkraft noch eine besondere Fähigkeit mit, die wir der Künstlichen Intelligenz nicht so schnell beibringen können, nämlich emotional, zwischenmenschlich, empathisch auf das Gegenüber einzugehen. Und das ist eine Aufgabe, die Künstliche Intelligenz nicht übernehmen kann, zumindest nicht auf absehbare Zeit.

Teilnehmer*innen des Digitalkongresses Teilnehmer*innen des Digitalkongresses | Foto: Volodymyr Bugaenko

Eine Chance für den Bildungsbereich

Wo sehen Sie im Bildungsbereich die spannendsten Chancen von Künstlicher Intelligenz?

Das Risiko der Entsolidarisierung und die Individualisierung des Risikos, von denen ich vorhin sprach, können auf den Bildungsbereich bezogen eine Chance sein. Wir können Bildung individualisieren, ohne dass wir Klassenverbände und Schulen auflösen. Jeder im Klassenverband kann aber für sich an den Themen arbeiten, bei denen das System merkt: „Das ist für dich jetzt die richtige Aufgabe; die bringt dich weiter, und nicht diese.“ Künstliche Intelligenz nimmt uns somit viele repetitive Prozessschritte ab. Durch diese Entlastung können wir uns darauf konzentrieren, was den Menschen auf empathischer Ebene exklusiv macht. Das heißt, wir können die freiwerdende Zeit nutzen, um auf Schüler*innen, auf Lernende zuzugehen.

Die Lehrkraft kann also zu einem Lehrberater und Lehrbegleiter werden, weil sie Korrekturfunktionen abgibt?

Was Lernende und Menschen generell künftig brauchen, ist jemand, der ihnen hilft, sich in unserer hochkomplexen Welt voller bedingungslos verfügbarer Informationen zurechtzufinden. Es geht weniger darum, die nächste Mathe-Aufgabe zu schreiben, denn das können die Systeme übernehmen. Es geht stattdessen darum, wie ich Informationen bewerte, wie ich damit umgehe, wo diese Informationen herkommen usw. Das heißt, Lehrkräfte der Zukunft sollten zu einer Art Komplexitätsbewältiger*in werden.

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