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„Weltenschreiber“
Schreiben ohne Schutzhelm

Mit Sprache spielen: Wollen wir ein Krach-Haus, einen Krach-Moment, einen Krach-Baum oder ein Krach-Gedicht kreieren?
Mit Sprache spielen: Wollen wir ein Krach-Haus, einen Krach-Moment, einen Krach-Baum oder ein Krach-Gedicht kreieren? | Foto: Sabine Erlenwein

Sieben Autor*innen aus Deutschland haben für das Projekt „Weltenschreiber“ Schreibwerkstätten für Jugendliche in mittel- und osteuropäischen Städten geleitet. Werkstatt-Leiter Thomas Richhardt berichtet von seinen Erfahrungen mit einem Workshop zum literarischen Schreiben mit 15 Jugendlichen am Goethe-Institut Bukarest.

Von Thomas Richhardt

„Ich schreibe, weil ich jetzt fliegen kann. Und das ist eine schöne Erfahrung.“ Der junge Autor, der gerade diese Zeilen auf Deutsch schreibt, ist in der fremden Sprache noch unsicher. Spreche ich ihn an, lächelt er freundlich zurück, doch meist benötige ich mehrere Versuche, um mich mit meinen Schreibaufgaben bei ihm verständlich zu machen. Andrej lernt seit zwei Jahren Deutsch und ist jetzt Teilnehmer einer literarischen Schreibwerkstatt für Jugendliche, die ich Mitte November am Goethe-Institut Bukarest geleitet habe. Als Autor und Dramaturg entwickle ich seit über zwanzig Jahren kreative Schreibwerkstätten und befinde mich eigentlich auf sicherem Terrain. Aber Andrejs Unsicherheit in der fremden Sprache führt mich auch selbst auf neues Gebiet. Zwar hatte ich das Glück, immer wieder Schreibwerkstätten für Nicht-Muttersprachler*innen in verschiedenen Ländern geben zu dürfen. Doch der Austausch mit weiteren Dozent*innen lässt mich diesmal die Prozesse bewusster erleben.

Sechs weitere Autor*innen haben in den letzten Wochen im Rahmen des Projekts „Weltenschreiber“ der Bildungskooperation Deutsch Schreibwerkstätten in mittel- und osteuropäischen Städten angeleitet. Das „Weltenschreiber"-Projekt hatte seinen Start im Juli 2019 am Literaturhaus Stuttgart, als sich die Autor*innen Sandra Hoffmann, Dagmara Kraus, Pierre Jarawan, Nicol Ljubić, Matthias Nawrat, Tilman Rau sowie ich selbst, gemeinsam mit unseren Tandem-Partnern, sieben zum Projekt gehörenden Lehrkräften aus den verschiedenen Ländern, zu unserer Arbeit und den Plänen für die Werkstätten ausgetauscht haben. Was bedeutet es eigentlich, in einer fremden Sprache kreativ zu sein? Inwieweit kann das Fehlermachen uns bei der literarischen Produktion helfen? Und welche Schritte gehören dazu, sich selbst in der fremden Sprache ins Spiel zu bringen? Die Fragen stellen sich nun auch in der konkreten Arbeit in Bukarest. 

Teilnehmer*innen in Aktion bei den 7 Minuten-Schreibspielen Teilnehmer*innen in Aktion bei den 7 Minuten-Schreibspielen | Foto: Sabine Erlenwein

Der Druck der Perfektion

Vielleicht lässt sich am besten einkreisen, was in meinen drei Workshoptagen passiert ist, wenn man die Ankunft der 15 Teilnehmer*innen im Alter von 13 bis 17 Jahren am Freitagnachmittag mit dem Abschied am Sonntag vergleicht. Die Stimmung zu Beginn ist angespannt, es ist zu merken, dass die Jugendlichen unter hohem Druck stehen – viele eigene und fremde Erwartungen sind im Raum. Eine junge Teilnehmerin ist in den ersten Minuten des Workshops des Öfteren den Tränen nahe. Da die Fremdsprache erst einmal Hemmungen auslöst, erlöse ich die Jugendlichen von der Anforderung, sich verbal äußern zu müssen und gebe ihnen die Gelegenheit, mit einem pantomimischen Spiel ihre Kreativität unter Beweis stellen zu können. Die Teilnehmerin, die am Anfang mit ihrer Schüchternheit zu kämpfen hatte, geht daraus als mutigste Gesten-Erfinderin hervor. Gelöst können wir anschließend in eine intensive Spracharbeit einsteigen. Immer wieder greife ich dabei auf Übungen zurück, die das Ziel haben, die Sprache aus ihrer reinen Funktionalität zu lösen. Ich vermittele den jungen Teilnehmer*innen, dass sie nichts „falsch“ machen können, da Figuren im Theater beispielsweise so reden, „wie ihnen der Schnabel gewachsen“ ist. Der hohe Leistungs- und Perfektionsdruck, unter dem die rumänischen Jugendlichen stehen, fällt nach und nach von ihnen ab, so dass sie am Sonntagnachmittag eher widerwillig aus den Räumlichkeiten der Bibliothek entschwinden. Vorher aber hat der sechzehnjährige Andrej mir noch die Überschrift für meinen Artikel geschenkt, als er seine Schreibaufgabe fortsetzt: „Beim Schreiben kann ich irgendwo hin fliegen, wohin ich will! Ich könnte SUPERMAN sein! Ich könnte aus den Wolken heruntersausen und den Menschen dort unten helfen… Zurzeit denke ich, ob ich einen Helm brauche, beim Schreiben?“

Der 16jährige Andrej-Cosmin Anghelita erzählt gemeinsam mit einer weiteren Teilnehmerin die Geschichte der „Sandreise“ Der 16jährige Andrej-Cosmin Anghelita erzählt gemeinsam mit einer weiteren Teilnehmerin die Geschichte der „Sandreise“ | Foto: Sabine Erlenwein

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