20 Nationen aus aller Welt Fünf Kontinente - Fünf Kurzinterviews anlässlich der Art Week

Gruppenreise zur Berlin Art Week auf Einladung des Auswärtigen Amts
© Johannes Ebert

Künstler, Kuratorinnen, Museumsdirektoren und Galeristinnen aus allen fünf Kontinenten schauten sich zur Art Week eine Woche lang in Berlin um. Fünf Kurzinterviews über Unterschiede in der Kunstszene, was sie und ihre Gesprächspartner in Berlin am meisten inspiriert und auch verblüfft hat.

  • Sameera Raja, Galeristin aus Karachi, Pakistan © Johannes Ebert
    Sameera Raja, Galeristin aus Karachi, Pakistan

    Galeristin in Pakistan oder in Berlin – wie unterscheidet sich das?

    Ich denke, es ist härter in Pakistan eine Galerie zu betreiben, weil es ein vollkommen neuer Markt ist. Hier in Deutschland verbindet die Leute eine jahrhundertelange Tradition mit der Kunst. Sie haben viel Erfahrung und Wissen. In Pakistan müssen wir den Menschen erst künstlerische Bildung vermitteln, deshalb ist es härter, aber auch spannender.

    Wie haben Sie die Kunstszene in Berlin wahrgenommen?

    Sehr lebhaft, enthusiastisch und jung. Sie ist ihrer Zeit voraus, gleichzeitig existiert aber auch eine großartige Museumslandschaft mit alter Kunst wie etwa auf der Museumsinsel. Das ist eine wunderbare Mischung.

    Welche Anregung nehmen Sie mit nach Hause?

    In Pakistan ist die Bedeutung von Kunst immer noch nicht anerkannt. Hier in Berlin wie in ganz Deutschland gibt es viele Förderprogramme für Künstler und Ausstellungsorte, die mit öffentlichen Geldern unterstützt werden. Ich wünschte, so etwas gäbe es auch in Pakistan. Am liebsten würde ich zur Regierung gehen und sagen: Macht auch so etwas, gebt etwas zurück! Denn die Kunst ist ein wunderbares Mittel, um die Kultur eines Landes zu verstehen. Im Gegensatz zum Image, das oft durch internationale Medien vermittelt wird, offenbart die Kunst, wie die Menschen wirklich ticken, was sie denken, wer sie sind.
  • Miki Saito, unabhängige Kuratorin und Künstlerin aus Tokio, Japan © Johannes Ebert
    Miki Saito, unabhängige Kuratorin und Künstlerin aus Tokio, Japan

    Nach den Atelier- und Galeriebesuchen scheinen Sie verblüfft. Warum?

    Was mich total überrascht, ist, dass Künstler sich hier hinstellen und ernsthaft sagen: Oh nein, wir stellen nicht aus, um etwas zu verkaufen! In Japan dreht sich alles nur ums Verkaufen. Da kommt schon mal ein Händler und verlangt von einem als Künstler, dass man sein Werk verkaufsfördernd modifiziert. Und dann muss man selber abwägen, ob man das macht. In Berlin, scheint mir, sind die Künstler ihrer Kunst gegenüber viel treuer.

    Hat Sie diese Erfahrung verändert?

    Ich werde diese hohen künstlerischen Standards definitiv mit nach Hause nehmen und mit anderen Künstlern diskutieren, was wir ändern können. Wir brauchen alternative Orte, um freier zu experimentieren. Die Künstler hier weiten ihre Grenzen immer etwas mehr aus, bei uns ist der Raum dafür zu limitiert.

    Können Sie jetzt etwas auf Deutsch sagen?

    (Lacht) Ja, Dankeschön und Ampelmann. Ich mochte das Wort Ampelmann schon, bevor ich seine Bedeutung kannte. Es inspiriert mich sehr.
  • Thomas Köhler, Leiter der Berlinischen Galerie, Deutschland © Johannes Ebert
    Thomas Köhler, Leiter der Berlinischen Galerie, Deutschland

    Sie haben gerade 20 Nationen Ihr Haus gezeigt, mit ihnen diskutiert - wie war's?

    So etwas ist ganz toll und nicht nur interessant für die Gäste, sondern auch für mich. Man sendet nicht nur, sondern empfängt auch und kriegt mit, dass die Kollegen ähnliche Probleme und Fragen haben. Und manchmal auch schon andere Lösungen als man selbst gefunden haben. Das hilft.

    Was ist Ihre Botschaft an die Kolleginnen und Kollegen?

    Ein Museum ist eine Kommunikationsplattform und soll Dialog, von mir aus auch Streit produzieren. Wichtig ist mir, dass das Zusammentreffen von Leuten mit Kunst möglichst produktiv, möglichst inspirierend verläuft. Und das versuche ich mit meinem Haus und im Gespräch zu vermitteln.

    Träumen Sie von einem Gegenbesuch?

    Ich habe große Lust bekommen, die Kollegen auch mal zu besuchen an ihren Orten. Und die Bedingungen kennenzulernen, unter denen sie arbeiten. So ein Austausch wie hier mit dem Besucherprogramm ist ein richtiger Intensivkurs. Für meinen Begriff sollte es das häufiger geben. Ehrlich gesagt auch für deutsche Museumskollegen.
  • William Miko, Kurator und Dozent an der Zambian Open University School of Fine Arts, Sambia © Johannes Ebert
    William Miko, Kurator und Dozent an der Zambian Open University School of Fine Arts, Sambia

    Gibt es ein Highlight für Sie – bei all dem, was Sie diese Woche gesehen haben?

    Berlin war für mich ein Augenöffner, nicht nur wegen der vielen Galeriebesuche und Gespräche mit Künstlern, Kuratoren und Museumsleuten. Großartig war vor allem auch der Austausch unter uns in der Gruppe – so viele Nationalitäten, Identitäten und unterschiedliche Traditionen vereint. Ich fühle mich, wie wenn ich in dieser Woche nicht nur Berlin besucht hätte, sondern die ganze Welt.

    Wie geht es jetzt weiter?

    Ich glaube, das war erst der Anfang. Durch das Besucherprogramm habe ich viele neue Kontakte, ich träume schon davon, ein paar Künstler aus Sambia mit deutschen Künstlern zu vernetzen. Hier gibt es eine etablierte Kunstszene und eine lange akademische Tradition. Bei uns steckt sie noch in den Kinderschuhen – beides zusammenzubringen ist spannend.
  • Jaroslav Varga, Kurator der MeetFactory in Prag, Tschechien © Johannes Ebert
    Jaroslav Varga, Kurator der MeetFactory in Prag, Tschechien

    Als Kurator, sagten Sie, beschäftigen Sie sich schon länger mit Andreas Greiner. Gerade haben Sie den Künstler in seinem Atelier besucht. Verstehen Sie sein Werk nun besser?

    Es ist wirklich etwas total anderes, wenn man den Künstler selbst trifft, statt nur seine Kunst in der Galerie zu sehen.. Lustigerweise habe ich in seiner Studio-Gemeinschaft auch andere Künstler getroffen, die ich kenne und mit denen er befreundet ist, was ich nicht wußte. Ich glaube, für einen Kurator ist nichts wertvoller, als sich mit dem Künstler selbst über sein Werk zu unterhalten und selbst zu sehen, wie und wo es entsteht.

    Erinnert die Kunstszene hier Sie an die in Prag?

    Berlins Kunstszene ist sehr speziell auch im Gegensatz zum Rest von Deutschland. Sie ist sehr dicht und überhitzt, vielleicht sogar zu überhitzt. In Prag geht es nicht ganz so aufregend zu. Aber viele Prager Künstler haben eine Verbindung zu Berlin.

    Gibt es einen wirklichen Austausch?

    Sagen wir so: Ich denke der Dialog besteht in beiden Richtungen. Aber der Dialog von Berlin in Richtung Prag ist stärker, weil Berlin einfach größer und wichtiger ist. Aber im Gegensatz zu London oder anderswo interessieren sich die Künstler hier wirklich für osteuropäische Themen und Künstler. Wir teilen eine gemeinsame Geschichte und haben eine ähnliche geopolitische Lage. Daher ziehen wir uns an.