Interkulturpreis des Goethe-Instituts 2011: Philosophie

PREISVERLEIHUNG IN MÜNCHEN

Der vom Goethe-Institut erstmalig ausgeschriebene Nachwuchspreis für Philosophie wurde am 14.09.2011 an Dr. Sarhan Dhouib verliehen. Der 1974 in Tunesien geborene Philosoph überzeugte die Jury mit seinem Wettbewerbsbeitrag zur Frage der universellen Begründbarkeit der Menschenrechte. Die Preisverleihung fand zeitgleich mit dem XXII. Deutschen Kongress für Philosophie in der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität in München statt.

Zur Teilnahme am Wettbewerb waren Post-Docs der philosophischen Wissenschaft aus aller Welt aufgerufen. Sie waren eingeladen, zu einer Fragestellung aus dem Gebiet der Interkulturellen Philosophie Stellung zu nehmen: „Universalität versus Relativität der Selbst- und Weltauslegungen – Gegensatz, Differenz oder Einheit?“. Dabei sollten Positionen auf die Frage formuliert werden, ob und wie die Philosophie zwischen verschiedensten als universell postulierten Werteordnungen und der Relativität unseres wissenschaftlichen Wissens Orte der Annäherung und Vermittlung finden kann.

Bewerbungen aus 14 Ländern vermittelten eine beachtliche Bandbreite vom zeitgenössischen Schaffen interkultureller Philosophie. Eine schwere Entscheidung für die dreiköpfige Jury, die sich aus den Fachprofessoren Claudia Bickmann, Köln und Rainer Enskat, Halle sowie Christoph Bartmann, dem Abteilungsleiter Kultur und Information der Zentrale des Goethe-Instituts in München zusammensetzte.

„Sarhan Dhouib“, so die Juroren in ihrer einvernehmlichen Begründung, „hat die Fragestellung Universalismus versus Partikularismus auf eine innovative und zugleich komparative Weise in Angriff genommen. Ihm ist in seinem Beitrag eine Durchdringung von methodischer und thematischer Annäherung an die Fragestellung gelungen. In seiner Analyse macht er auf eine innere Affinität zwischen zentralen Koran-Stellen und verschiedenen europäischen Natur- bzw. Menschenrechtskonzeptionen des 17. Jahrhunderts aufmerksam. Auf diese Weise kann er normative Grundlagen für die natur- und menschenrechtsbasierten Reformen von reformbedürftigen Rechtssystemen in Okzident und Orient zur Sprache bringen.“

Überreicht wurde die Auszeichnung von Andreas Ströhl, Leiter der Abteilung Kultur und Information. Die Laudatio hielt Jurymitglied Prof. Dr. Claudia Bickmann.

Anja Riedeberger,
Goethe-Institut
Bereich Wissenschaft und Zeitgeschehen

 

THEMA DER URSPRÜNGLICHEN AUSSCHREIBUNG

Universalität vs. Relativität der Selbst- und Weltauslegungen – Gegensatz, Differenz oder Einheit?

Die beschleunigte Transformation der Kulturen und Wissensformen ruft weltweit gegenläufige Bewegungen hervor. Vielfältige Renaissancen tradierter Werthorizonte und Weltauslegungen in verschiedenen Nicht-europäischen Philosophien verweisen auf ein unbewältigtes Problem. Während westliche Formen der Selbst- und Weltauslegung ihre orientierende Funktion verlieren und Wissensfortschritt mit einem Verlust an Orientierungswissen erkaufen, klagen die vielfältigen Nicht-europäischen Philosophien des Konfuzianismus, des Daoismus und Buddhismus wie auch des Hinduismus oder des Islam eine erneute Verbindlichkeit und Definitheit letzter Werthorizonte ein.

Tradition und Traditionsbruch gehören seither zu den entscheidenden Herausforderungen in einer beschleunigt zusammenwachsenden Welt. Sollen beide Seiten nicht in einem unfriedlichen Antagonismus verharren, so ist Prämissentransparenz und Grenzbestimmung der je eigenen und fremden Argumente gefragt. Dabei lässt sich die gegenwärtige Auseinandersetzung zwischen universellen Werten und der Idee kulturrelativer Werthorizonte auf Grundfragen zurückführen, die nicht allein das Verhältnis der Kulturen untereinander, sondern die Kulturen in ihrem Innersten berührt. Tradiertes kann dogmatisch werden, wenn gelten soll, dass es allein aufgrund seiner Herkunft Geltung beanspruchen kann. Der Traditionsbruch kann Skepsis und Relativität zur Folge haben, wenn gelten soll, dass bereits unter Verdacht gerät, was sich rationaler Argumentation entzieht.

In welcher Weise kann sich die Philosophie dieser Herausforderung stellen? Kann sie zwischen der Relativität und Skepsis unseres wissenschaftlichen Wissens und der unfraglichen Verbindlichkeit tragender Werthorizonte, zwischen Universalität und Relativität bzw. Partikularität, Orte der Annäherung oder Vermittlung finden?

Eine Klärung dieser Fragen kann allein auf philosophischem Wege in Angriff genommen werden. Und da sich universalistische und partikularistische Positionen in allen Weltphilosophien gleichermaßen finden, wird dieser Gegensatz selbst zu befragen sein. Welches, so mögen die Fragen lauten, sind die Möglichkeiten und Grenzen der beiden Zugänge? In welcher Weise sind beide Positionen gar intern verbunden und aufeinander bezogen?

Eine Annäherung jenseits der Gegensätze – wie ist sie möglich?

Prof. Dr. Claudia Bickmann,
Universität zu Köln,
Dezember 2010


Links zum Thema

Interkulturpreis des Goethe-Instituts (allgemein)
Interkulturpreis 2014: Geschichtswissenschaften
Interkulturpreis 2012: Soziologie
XXII. Deutscher Kongress für Philosophie München 2011