Interkulturpreis des Goethe-Instituts 2012: Soziologie

PREISVERLEIHUNG IN Bochum

Die US-amerikanische Soziologin Cynthia Müller-Idriss ist die Preisträgerin des Interkulturpreises 2012. Die Verleihung fand im Rahmen des 36. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Bochum statt.

Bereits zum zweiten Mal wurde der Interkulturpreis des Goethe-Instituts verliehen – dieses Mal im Fach Soziologie. Der jährlich in wechselnden Disziplinen ausgeschriebene Preis fördert den interkulturellen Dialog vor allem in den Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. 2012 konnten sich Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler der Soziologie aus aller Welt mit einem Essay über das „Spannungsverhältnis von Vielfalt und Zusammenhalt im Kontext von Kultur und/oder Inter-Kultur“ bewerben. Ausgewählt wurde die US-amerikanische Soziologin Cynthia Miller-Idriss, deren Beitrag über rechtsextremistische Jugendbewegungen in Deutschland die Jury aufgrund ihres „bemerkenswerten und innovativen Zugangs zum ausgeschriebenen Thema“ überzeugte, so Jurymitglied Ludger Pries in seiner Laudatio. Die diesjährige Jury setzte sich aus den Sozialwissenschaftlern Ludger Pries (Bochum) und Angelika Poferl (Fulda) sowie dem Regionalleiter Südwesteuropa und EU-Beauftragten des Goethe-Instituts Berthold Franke zusammen.

Bei der Preisverleihung lobte Prof. Dr. Stephan Lessenich von der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) die Vergabe des Interkulturpreises als Möglichkeit, die gute Beziehung zwischen dem Goethe-Institut und dem Fachverband weiter zu festigen. Andreas Ströhl, Leiter der Abteilung Kultur und Information des Goethe-Instituts, unterstrich die Bedeutung der Soziologie sowie des soziologischen Nachdenkens für die auswärtige Kulturarbeit. Die Spiegelung aktueller Forschung und Diskurse sei ein wichtiger Bestandteil der interkulturellen Vermittlungsarbeit. In seiner Festrede sprach der österreichisch-tschechische Schriftsteller und diesjährige Chamisso-Preisträger Michael Stavarič von Grenzüberschreitungen und seinen ganz persönlichen Erfahrungen von Fremdsein. Dabei hob er die Kraft von Literatur und Übersetzung hervor, Brücken zu schlagen, um einen Dialog zwischen den Kulturen möglich zu machen. Der Autor lobte Miller-Idriss für ihre Arbeit und mahnte zum sensiblen Umgang mit versteckter rechtsextremistischer Symbolik, die gerade Kinder und Jugendliche gefährlich leicht beeinflussen könne.

Fabian Kroll,
Goethe-Institut
Bereich Wissenschaft und Zeitgeschehen

 

THEMA DER URSPRÜNGLICHEN AUSSCHREIBUNG

Das Spannungsverhältnis von Vielfalt und Zusammenhalt im Kontext von Kultur und/oder Inter-Kultur

Die Vielfalt sozialer Lebensäußerungen kommt in unterschiedlichen Sprachen, Kleidungen, Traditionen, Glaubensvorstellungen, Wertorientierungen, Lebenslagen und Lebensstilen, politischen Bekenntnissen und unzähligen weiteren Merkmalen zum Ausdruck, deren Umfang allein durch die gesellschaftlichen Unterscheidungsaktivitäten selbst begrenzt wird. Die Erkenntnis und das Anerkennen von sozialer Vielfalt des ‚Eigenen‘ und des ‚Anderen‘ ist zugleich die Begründung sozialen Zusammenhalts, der auf wie auch immer gearteten Gemeinsamkeiten einer sozialen Gruppe gegenüber einer oder mehreren anderen sozialen Gruppen beruht. Vielfalt und Zusammenhalt sind auf diese Weise zwei Seiten des gleichen sozialen Prozesses von Differenzierung und Integration.

Kultur als nicht genetisch fixierte, sondern ‚sozial vererbte‘, also durch Sozialisation und Lernen vermittelte Handlungsprogrammierung sozialer Gruppen ist immer mit Unterscheidungen zwischen ‚eigen und fremd‘ bzw. ‚Wir und die Anderen‘ verbunden. Die Herausbildung und Weitervermittlung von Kultur beinhaltet immer essentialistische Aspekte (irgendetwas wird als differentia specifica, als substantiell unterscheidendes Merkmal, angegeben) und gleichzeitig auch konstruktivistische Aspekte (jede Unterscheidung ist sozial hergestellt). Kultur ist niemals nur substantiell (z.B. als in einen Container eingeschlossene, isolierte und aus sich selbst heraus existierende Nationalkultur) zu verstehen, sondern immer auch relational (z.B. als Bezug auf andere lokale, regionale, nationale oder transnationale Kulturen).

Der Begriff ‚Interkultur‘ soll auf einige dieser vielfältigen Beziehungen innerhalb und zwischen Kulturen hinweisen. Nicht selten führt er aber auch zu zusätzlicher Verwirrung, etwa wenn damit entweder in substantialistischer Perspektive eine neue ‚Interkultur‘ als Ganzheit aus bedeutsamen Elementen verschiedener Kulturen bezeichnet werden soll oder in relationaler Perspektive nur der ‚Dialog zwischen den Kulturen‘ gemeint ist. Ähnlich werden mit ‚interkultureller Kompetenz‘ nicht selten entweder Handlungsfähigkeiten adressiert, die scheinbar jenseits von Kulturzusammenhängen liegen, oder denen eine eigene neue (scheinbar kosmopolitane) Kultur unterlegt wird.

Vor diesem Hintergrund schreibt das Goethe-Institut einen „Interkulturpreis“ aus. Honoriert werden wissenschaftliche Arbeiten, die sich mit dem oben beschriebenen Spannungsverhältnis von Vielfalt und Zusammenhalt durch systematische, theoretisch und/oder empirisch vertiefende Analysen von Kultur, Inter-Kultur und interkultureller Kompetenz beschäftigen.

Prof. Dr. Ludger Pries,
Ruhr-Universität Bochum
18.12.2011


Links zum Thema

Interkulturpreis des Goethe-Instituts (allgemein)
Interkulturpreis 2014: Geschichtswissenschaften
Interkulturpreis 2011: Philosophie