Das Goethe-Institut
In Europa

Als größte Mittlerorganisation der deutschen Auswärtigen Kulturpolitik repräsentiert das Goethe-Institut in der Welt auch das geeinte Europa. Gemeinsam mit anderen europäischen Kulturinstitutionen setzt es sich für europäischen Zusammenhalt ein und vertritt die gemeinsamen Werte.

 Chania

Vermittler deutscher und europäischer Identität

Europa – ein Kontinent und eine Gemeinschaft, die vor allem aufgrund ihrer Vielfältigkeit besonders ist: In der Europäischen Union (EU) haben sich Menschen aus 27 unterschiedlichen Nationen, Kulturen und Sprachen zusammengeschlossen, die in den letzten Jahrzehnten näher zusammengerückt sind, ohne dabei ihre Vielfalt und regionalen Identitäten zu verlieren. Allerdings haben die Finanzkrise in Europa, die Zunahme nationaler und populistischer Tendenzen sowie der Brexit diesen Zusammenhalt in den letzten zehn Jahren auf eine harte Probe gestellt.

24 Amtssprachen zählt die EU – darunter natürlich auch Deutsch. War die Vermittlung der deutschen Sprache und Kultur einst Urzweck des Goethe-Instituts, so haben sich im geeinten Europa die Aufgaben und das Selbstverständnis der Kulturinstitution gewandelt. Nach außen vermittelt das Goethe-Institut heute zusammen mit anderen europäischen Kulturinstitutionen auch die gemeinsame Vision der EU. Nach innen arbeitet es daran, die europäische Idee mitzugestalten und den Zusammenhalt zu stärken.
 

Brückenfunktion in die EU

„Verschwindende Wand“ in Brüssel. Foto: Lillo Mendola „Verschwindende Wand“ in Brüssel. Zu Besuch in Brüssel bei Elke Kaschl Mohni. Seit 2019 leitet sie das Institut in Belgien, ist gleichzeitig Regionalchefin für Südeuropa und vertritt das Goethe-Institut bei der Europäischen Union. Bei seinem europäischen Engagement konzentriert sich der Standort in Belgien auf besonders relevante Themenfelder: Zusammenhalt in der EU, Ökologie und Nachhaltigkeit, Digitalisierung und künstliche Intelligenz, Erinnerungskultur sowie Kultur- und Kreativwirtschaft.
 

Abschlussfilm der EU2020-Projekte
Was macht Europa zukünftig aus?

Das Goethe-Institut begleitete die deutsche EU-Ratspräsidentschaft 2020 mit einem vom Auswärtigen Amt unterstützten Kulturprogramm, das die Stärkung des europäischen Bewusstseins, einer digitalen Zivilgesellschaft und das Engagement für eine ökologisch nachhaltige Transformation in Europa thematisierte.
 

Abschlussfilm der EU2020-Projekte
In Brüssel arbeiten die Beschäftigten des Goethe-Instituts eng mit den EU-Institutionen zusammen. So bringen sie zum Beispiel über Dialogtreffen die europäische Kultur- und Kreativszene mit der EU-Kommission in Kontakt oder machen sich mit der 2011 gestarteten Initiative „More Europe“ für eine Stärkung der Kultur in den EU-Außenbeziehungen stark.

Seit die EU-Kulturagenda 2007 die Kulturarbeit zum offiziellen Teil der EU-Politik machte, ist das Goethe-Institut für die europäischen Institutionen zu einem verlässlichen Ansprechpartner in Sachen internationaler Kultur- und Bildungsbeziehungen geworden. Das drückt sich auch in der Zertifizierung als „Pillar-Assessed Entity“ aus, einem privilegierten Vertragsverhältnis mit der EU, das es der EU ermöglicht, das Goethe-Institut mit der Verwaltung von EU-Fördermitteln zu beauftragen.
 

Netzwerke des Austauschs

Feierliche Eröffnung des deutsch-französischen Kulturinstituts „Kultur Ensemble“ in Palermo im Juni 2021. Foto: Roberto Ilardi Feierliche Eröffnung des deutsch-französischen Kulturinstituts „Kultur Ensemble“ in Palermo im Juni 2021. Wie gemeinsame europäische Kulturarbeit aussehen kann, lässt sich heute unter anderem im italienischen Palermo beobachten: Hier wurde 2021 das erste deutsch-französische Kulturinstitut „Kultur-Ensemble“ auf Grundlage des Aachener Vertrags eingerichtet, das gemeinsam mit italienischen Partnern ein Residenzprogramm für Künstler*innen betreibt. Drei Monate lang dürfen jeweils zwei Künstler*innen in der sizilianischen Stadt arbeiten und sich mit der örtlichen Szene austauschen. „Wir schaffen eine gemeinsame kulturelle Plattform und übernehmen Verantwortung für Europa“, sagte Michelle Müntefering, damalige Staatsministerin im Auswärtigen Amt, zur Eröffnung.

„Gemeinsam mit dem Institut français und der Stadt Palermo das erste ‚Kultur Ensemble‘ ausgerechnet in Sizilien, Italien, dem Zentrum des Mittelmeers aufzubauen, ist eine große Chance und ein Beispiel des europäischen Zusammenhalts“, freut sich Heidi Sciacchitano, Leiterin des Instituts in Palermo. „Italien ist einer der Gründungsstaaten der EU und Sizilien war schon immer ein Ort der Begegnung von Kulturen und für Integration – eigentlich ein Modell für Europa.“ Außerdem freue sie sich als in der Schweiz geborene Sizilianerin darüber, dass das deutsch-französische Kulturinstitut in Palermo „die Entfernung zwischen Sizilien und Mitteleuropa“ verkürze.
  Das deutsch-französische Kulturzentrum in Ramallah. Foto: Katherine Huber Das deutsch-französische Kulturzentrum in Ramallah. Ein Modell, das auch außerhalb Europas funktioniert: Ein Beispiel für europäische Kulturzusammenarbeit jenseits der EU ist etwa das deutsch-französische Kulturzentrum in Ramallah, das vom Goethe-Institut und dem Institut français seit 2004 gemeinsam betrieben wird. „Wir profitieren sehr von der Expertise und dem Netzwerk des anderen“, so Mona Kriegler, ehemalige Leiterin des Goethe-Instituts in den palästinensischen Gebieten, über die Zusammenarbeit mit dem Institut français. „Wir werden durch die lange Zusammenarbeit auch als europäisches Institut wahrgenommen.“

Mit der Vereinigung der europäischen Kulturinstitute (EUNIC) hat das Goethe-Institut 2006 ein europäisches Netzwerk der Netzwerke mitbegründet. Inzwischen sind 38 Institute beigetreten, darunter das Institut Français, das Instituto Cervantes und die Società Dante Alighieri. Als EUNIC-Netzwerk sind sie vor allem in den Regionen außerhalb Europas aktiv: In mehr als 100 Ländern organisieren die Institute gemeinsame Veranstaltungen und Projekte, mit denen sie sich für Vielfalt und interkulturelle Verständigung stark machen.

Wider den Pessimismus

Nicht immer in der Geschichte der EU waren die Mission und Daseinsberechtigung der nationalen Kulturinstitute innerhalb Europas selbstverständlich, so wie auch die Zukunft der EU immer wieder neu gedacht wurde. Mit der Frage nach der politischen Vision der EU ging auch die Frage einher, wie viel nationale Kultur es braucht: Waren die Kulturinstitute der einzelnen Länder noch zeitgemäß, oder sollte an ihre Stelle ein europäisches Kulturinstitut rücken?

Gab es Anfang des neuen Jahrtausends innerhalb des Goethe-Instituts noch die Überlegung, Institute in Europa zu schließen, ist daran heute nicht mehr zu denken. Erst brachte die Finanzkrise einen Riss zwischen den Ländern im Norden und im Süden der EU hervor, es folgte der Streit über den Umgang und die Verteilung der Millionen Geflüchtete, die bis heute nach Europa drängen. In vielen Ländern erleben nationalistische Strömungen eine Wiederbelebung, und der Brexit bedeutet eindeutig eine Niederlage des europäischen Einigungsgedankens.

Diesen Krisen zum Trotz macht das Goethe-Institut mit seinen Projekten Europa als Ganzes erlebbar und regt einen offenen Dialog über Europas Zukunft an. So zum Beispiel beim Freiraum-Festival, das im November 2020 in 40 europäischen Städten zugleich stattfand, vor Ort und digital. Die Leitfrage: Wie steht es um die Freiheit auf dem Kontinent? Beteiligt waren mehr als 40 Nichtregierungsorganisationen sowie Künstler*innen und Wissenschaftler*innen aus ganz Europa.
  Europaweit vernetzt: Blick ins Live-Studio des Freiraum-Festivals in Thessaloniki. Foto: Stefanos Tsakiris Europaweit vernetzt: Blick ins Live-Studio des Freiraum-Festivals in Thessaloniki.
Auch den Austausch und die Mobilität von Kreativ- und Kulturschaffenden in Europa fördert das Goethe-Institut. Zum Beispiel mit „i-Portunus“, einem Programm der Europäischen Union und einem Konsortium unter der Leitung des Goethe-Instituts mit dem Institut français und Izolyatsia, das augenzwinkernd als „Erasmus für den Kultursektor“ bezeichnet wird. Es finanziert Reisen von Künstler*innen, Übersetzer*innen und anderen Kreativen und fördert so internationale Kooperationen und produktionsorientierte Aufenthalte in Europa.

„House of Europe“ in Kiew fördert mit Mobilitätsstipendien und Koproduktionen den kreativen Austausch zwischen der Ukraine und den EU-Ländern. Doch da physische Begegnungen während der Pandemie zeitweise nicht möglich waren, bot das EU-Programm statt Studienreisen Notfallprogramme für den von der Pandemie hart getroffenen Kultursektor und digitale Hackathons an. „In den herausforderndsten Zeiten schaffen es die Kreativen immer wieder, sich für eine größere Aufgabe zu vereinen und Probleme zu lösen, um zum Wohl der Gesellschaft beizutragen“, so Denisas Kolomyckis, der als Künstler und Kurator einer von über 1.200 Teilnehmer*innen von „Hatathon Hack the Culture“ war. „Der Hatathon war eine großartige Möglichkeit, dies zu spüren.“

Zurück in die europäische Hauptstadt und das Brüsseler Büro des Goethe-Instituts. Leiterin Kaschl Mohni ist zuversichtlich, dass die Kultur einen Beitrag zur Verständigung zwischen den Nationen leisten kann: „Die Kraft der Kultur schafft Raum für Auseinandersetzungen.“ Trotz Differenzen könne man hier miteinander sprechen. Dabei gehe es nicht nur um die Entwicklung in der EU, vielmehr müsse Europa immer auch im globalen Kontext gesehen werden. Viele kleine und große Projekte helfen dabei. Ein Beispiel dafür war das Festival „Tashweesh“ 2018. Es brachte feministische Positionen aus Nordafrika, dem Nahen Osten und Europa zusammen. Für Kaschl Mohni ist dies ein besonderes Anliegen, arbeitete sie doch vor ihrer Brüsseler Zeit für das Goethe-Institut Kairo. „Es lohnt sich, immer wieder über Grenzen hinwegzugehen“, stellt sie nicht nur mit Blick auf das Festival fest, das 2022 eine neue Auflage erfahren wird.
 

Die Vielfalt der Sprachen – ein Schatz Europas

Über Grenzen hinweg geht es in Brüssel auch bei der Förderung der deutschen Sprache innerhalb der EU. Kaschl Mohni begreift dies nicht als Konkurrenz zu anderen Sprachen, sondern als fruchtbares Miteinander: „Europa ist bunt und vielfältig, das ist ein Schatz, ein Kulturerbe.“ Denn miteinander reden heißt nicht zwangsläufig, immer dieselbe Sprache zu sprechen.

Die Vielfalt an Sprachen ist ein Ziel der EU und wird als solches auch gefördert. Galt für das Goethe-Institut einst nur die Vermittlung der deutschen Sprache als Aufgabe, übernimmt es heute eine Doppelrolle: Einerseits fördert das Institut die Mehrsprachigkeit und setzt sich mit den gesellschaftlichen Folgen dieser auseinander. Andererseits bietet das Institut in allen europäischen Ländern Deutschkurse an und stärkt den Deutschunterricht in den Lehrplänen der Schulen in den Gastländern.
 

Pia Ahrenkilde-Hansen im Interview
„Die EU ist auch ein kulturelles Projekt.“

Die Generaldirektorin Kommunikation der Europäischen Kommission spricht über das europäische Engagement des Goethe-Instituts und ihre Erkenntnisse beim Erlernen der deutschen Sprache.  
 

Pia Ahrenkilde-Hansen im Interview
Die Förderung der deutschen Sprache hat seit 1994 auch das „Europanetzwerk Deutsch“ (END) als Ziel. Im Auftrag des Auswärtigen Amtes betreut das Goethe-Institut dieses Förderprogramm, das sich an Beschäftigte in europäischen Institutionen sowie nationalen Ministerien der europäischen Länder richtet und diesen unter anderem mehrtägige Sprach- und Netzwerkkurse in Deutschland anbietet.

Deutsch lernen und informiert bleiben mit dem Podcast „kurz & bündig“. Grafik: Europanetzwerk Deutsch Deutsch lernen und informiert bleiben mit dem Podcast „kurz & bündig“. Begleitet werden die Sprachkurse von digitalen Formaten wie „kurz & bündig“. In dem deutschsprachigen Podcast diskutieren Expert*innen EU-relevante Themen, von der Energiewende bis zum Außenhandel mit China, ergänzt durch Arbeitsblätter mit Sprachübungen.

Diese digitalen und hybriden Formate der Informationsvermittlung sind aus dem Alltag des Goethe-Instituts nicht mehr wegzudenken. Sie dienen dem großen Ziel, sich in Europa zwar verschiedener Sprachen zu bedienen, aber im Grundverständnis von Offenheit, Freiheit und Gleichheit dieselbe Sprache zu sprechen. „Wir ticken nicht alle gleich“, so Kaschl Mohni, „aber wenn wir die Synergien ausloten und mit den Differenzen umgehen, gewinnen wir alle.“
 
Autor: Wolfgang Mulke