Nahaufnahme Besser ohne Bargeld

In einem Einkaufszentrum gab es lange Schlangen vor den Kassen, die Selbstzahlerkassen waren jedoch leer. „Wollen Sie es mal versuchen?“, fragte die Verkäuferin ein junges Paar am Ende der Schlange und zeigte auf die einsame Maschine daneben. Sie lehnten ab und blieben, wo sie waren. Warum? Weil sie nicht mit Kreditkarten zahlen wollten.

​Diese in einem Berliner Einkaufszentrum beobachtete Situation spiegelt etwas wider, das mich in Deutschland überrascht hat. Mir ist aufgefallen, dass Deutsche, wenn es um ihr Geld geht, die Bar-Zahlung bevorzugen.
 
Nach Angaben der Boston Consulting Group werden in Deutschland noch Dreiviertel aller Zahlungen bar getätigt. Besucher aus dem Ausland sollten also Bargeld bereithalten, um in Museen und Galerien Postkarten zu kaufen. „Für eine Postkarte können Sie nur bar bezahlen“, sagte mir neulich eine Frau im Museumsshop. Später versuchte ich ihr zu erklären, dass Kartenzahlung in Skandinavien oder in Estland, wo ich gerade lebe, eine normale Sache sei. Dort kann man sein Busticket beim Fahrer mit der Kreditkarte kaufen und man benötigt auch in Studentenkneipen kein Bargeld. In Einkaufszentren sind
 
Kreditkarten das einzige Zahlungsmittel und sie werden sowohl von den jüngeren als auch von den älteren Generationen verwendet. Die Menschen dort haben sich angepasst an die Möglichkeiten, die die Benutzung von Kreditkarten bieten und sie haben ihre Taschen nicht voller Münzen und Scheine. Das ergibt Sinn, denn es ist einfacher, wirklich.
 
Natürlich gibt es die andere Seite des Problems: Bankgebühren für die Kreditkartennutzung und die Kosten des Zahlungsterminals. Laut Economist waren deutsche Banken deutlich langsamer, was die Förderung elektronischer Zahlungsmöglichkeiten angeht. Zusätzlich hat kürzlich eine andere Studie gezeigt, dass zwei von fünf Deutschen keine mobilen Zahlungsmöglichkeiten nutzen, weil sie Angst vor Datenmissbrauch haben. Geschichte und kulturell bedingte Gewohnheiten in Deutschland könnten die Ursachen für dieses Misstrauen sein. Kultur kann man nicht einfach ändern und Geschichte ist ein Teil davon. Allerdings können wir unsere Gewohnheiten ändern, sowie dies in Schweden und Estland passiert ist. Das würde das Leben leichter machen, das ist jedenfalls meine Erfahrung.