Nahaufnahme Bald schreien alle ihre Namen

Haiyti
© Tim Bruening

Deutscher Hip-Hop ist keine Männerdomäne mehr. Rapperinnen wie Haiyti, SXTN und Sookee mischen die Szene auf. Ein Überblick.

Die Stimme schießt nach oben, kippt fast. Manchmal zittert sie kurz, künstlich verzerrt mittels Autotune-Effekt. Diese spitzen Höhen, die ein wenig an die große deutsche Punk-Diva Nina Hagen erinnern, sind ein Markenzeichen der Hamburger Rapperin Haiyiti. In ihrer gerade veröffentlichten Single „100.000 Fans“ bleibt sie besonders lange in grenzkreischigen Regionen: „Ich hab 100.000 Fans, die mich noch nicht kennen/Sie schreien alle meinen Namen“, rappt sie über einen minimalistischen Dancehall-Beat. Ein starker Track, der nicht nur ein Vorbote ihres im Januar erscheinenden Debütalbums „Montenegro Zero“ ist, sondern auch ein weiteres Zeichen für die derzeit stark zunehmende Präsenz von Frauen in der deutschen HipHop-Szene. Denn Deutsch-Rap ist keine reine Männerdomäne mehr, in der höchsten ausnahmsweise mal eine Frau wie Sabrina Setlur oder eine Gruppe wie Tic Tac Toe einen Hit haben. Jahrzehnte nach Pionierinnen wie Cora E. u Aziza A. gibt es überall im Land viel versprechende Rapperinnen.

Haiyiti gehört zu den produktivsten weiblichen MCs. Sie hat bereits eine Reihe von Mixtapes veröffentlicht, wovon ihr vor allem das 2016 im Eigenvertrieb veröffentlichte „City Tarif“ ihr einigen Respekt eingebracht hat. Orientiert am Trap-Sound aus dem dem US-amerikanischen Süden rappt sie darauf über Drogen, Geld und schnelle Autos. Typische HipHop-Themen, mit denen die im Hamburger Stadtteil Langenhorn in prekären Verhältnissen aufgewachsene Künstlerin offenbar einige eigene Erfahrung hat. Allerdings fehlt ihr die genreübliche Übertreibungslust. Haiyti, die eigenlich Ronja Zschoche heißt, experimentiert lieber mit verschiedenen Stilen und Images. Was man auch gut im Video zu „100.000 Fans“ sehen kann, in dem sie zwischen fancy Lederoutfit, Diven-Look und Urban-Style hin- und herwechselt.

Mit dieser Variationsfähigkeit, die sich auch ihre Musik einschließt, hebt sie sich ab von den meisten ihren deutlich eindimensionaler agierenden Kolleginnen. Allen voran der ehemaligen Prostituierte Schwesta Ewa, die ihre Erfahrungen im Frankfurter Rotlichtmilieu auf dem Album „Kurwa“ (2015) verarbeitete und sich als harte Szene-Braut inszenierte. Zu klassischen Boom-Bap-Beats rappt sie in ihrem montonen Domina-Flow, in den sie polnische, arabische und türkische Worte mischt, über den Alltag im Puff, Drogen und Diebstahl. 

Schwesta Ewa hat einen Authentizitätsbonus genau wie ihr Freund und Mentor Xatar. Der Straßenrapper saß fünf Jahre wegen eines Raubüberfalls und Körperverletzung im Gefängnis. Fast zeitgleich zu seiner Verurteilung startete die 1984 in Polen geborene und in Kiel aufgewachsene Schwesta Ewa ihre Rap-Karriere mit dem Videoclip zum Song „Schwätza“. Xatar hatte sie dazu überredet und sie hatte eingewilligt, weil sie das Video als Werbung für ihr Sex-Geschäft sah. Als die Klickzahlen explodierten, entschied sie sich für einen Branchenwechsel. Mit einem Bein blieb sie jedoch immer im Milieu, wo manches nicht ganz legal ablief und so wurde Schwesta Ewa dieses Jahr wegen Steuerhinterziehung und Köperverletzung verurteilt. Sie hatte junge Frauen geschlagen, die für sie auf den Strich gingen. Derzeit ist die Rapperin frei, auf ihrer Facebookseite ist eine Tour für nächstes Jahr angekündigt. Doch der Rechtsstreit geht weiter, denn sowohl die Staatsanwaltschaft als auch Schwester Ewa haben Revision beantragt. Offenbar ist der Prozess inspirierend: Die Rapperin hat ein neues Album für nächsten Monat angekündigt - inklusive einem Song über den Richter.

Schwesta Ewa ist damit wohl die erste deutsche Gangsterrapperin, die allerdings abseits ihrer kriminellen Aktivitäten durchaus einen Einfluss auf die Szene hat. Das zeigt sich etwa am Berliner Duo SXTN, bestehend aus den MCs Juju und Nura. Sie verfolgen eine einfache Strategie: Ihre Texte sind genau so aggressiv und sexistisch wie die einiger männlicher Kollegen, allen voran Porno-Rapper Frauenarzt, mit dem sie schon auf Tour waren. Dazu gehört auch, dass sie sich - etwa im Eröffnungsstück ihres im Sommer erschienen Albums „Leben am Limit“ - selbst als Fotzen bezeichnen, wodurch dieser Ausdruck als Beschimpfung ins Leere laufen soll. Sie verkörpern ein Frauenbild, das dem Stereotyp von der lieben, immer lächelnden Lady, die alles für ihren Mann tut, diametral entgegensteht. In ihren Texten und Videos geflucht, gekotzt, hart gefeiert. „Ich ficke deine Mutter ohne Schwanz/ Ich rauch' dein ganzes Leben in 'nem Blunt/ Jeder Hater ist ein Klick mehr/ Du bist nicht mehr als ein Fick wert“ heißt es etwa in ihrem Track „Mutter“. Es ist schade, dass SXTN in ihrer Lust an der Provoktion und Übertreibung häufig jegliche Geschmacksgrenzen überschreiten, denn sie können rappen und singen - viel besser als Schwesta Ewa etwa - haben eine gute Bühnenpräsenz und tragen mit Songs wie „Er will Sex“ sicher dazu bei, junge Frauen in ihrer sexuellen Selbstbestimmung zu bestärken. Doch sie entwerten all das, indem sie etwa in „Hass Frau“ ein Zitat der Feministin Alice Schwarzer benutzen, um ein misogynens Lied von King Orgasmus One weiterzudrehen. Bei ihnen endet es in einem Vergewaltigungsszenario.

Für diesen Song sind SXTN von der queer-feministischen Berliner Rapperin Sookee kritisiert worden. Sie sieht es zu Recht als sexististisch und unsolidarisch. Wahrscheinlich bezwecken SXTN, die im Herbst eine ausverkaufte Tournee durch mittelgroße deutsche Clubs absolviert haben, genau solche Reaktionen. So können sie sich als politisch unkorrekte Alternative zu Künstlerinnen wie Sookee positionieren.

Die 34-jährige Rapperin, die bürgerlich Nora Hantzsch heißt, hat Gender Studies und Linguistik studiert, was man ihren Texten mitunter deutlich anmerkt. Sookee geht es darum, Sexismus, Rassismus und Homofeindlichkeit zu bekämpfen. Sie hat selber in ihrer Anfangszeit viel herablassendes und frauenfeindliches Verhalten von anderen Rappern erlebt, was sie sowohl in Interviews als auch in Songs immer wieder angesprochen hat. Sookee ist kämpferisch, aber auch witzig. Auf ihrem aktuellen, fünften Soloalbum gibt es etwa den Track „Queere Tiere“, in dem sie zu einem entspannten Mid-Tempo-Beat darüber rappt, dass man „Menschen öfter mit Tieren vergleichen“ sollte, weil man dann verstehen würde, dass es bei ihnen keineswegs strik heterosexuell zugeht wie gern mal behauptet wird: „Schwule Schwäne adoptieren verlassene Eier/ Und erziehen die geschlüpften Babys dann gemeinsam/Albatross-Lesben geben sich nen Abend hin/ Und leben dann als Familie mit der Partnerin/Flamingos, Störche, Geier und Möwen/ Es gibt viele queere Vögel die gern feiern und vögeln“.

Das süße Zeichentrick-Video zu dem Song wurde auf Youtube seit März 260.000 Mal angeklickt. Sookee hat eine stabile, loyale Fanbasis. Sie kann den legendären Kreuzberger Club SO36 an zwei Abenden hintereinander ausverkaufen. Internationale Aufmerksamkeit blieb ihr bisher verwehrt, was wegen der Sprachbarriere bei den meisten deutschen Rapperinnen und Rappern so ist. Eine erstaunliche Ausnahme gibt es jedoch: Die Hamburgerin Ace Tee begeisterte im letzten Jahr mit ihrem Track „Bist du down“ auch amerikanische Medien wie die dortige Vogue.

In elf Monaten wurde das stylish-bunte Video zum Song rund 2,5 Millionen Mal angeschaut. Es hat der 1993 geborenen Ace Tee einen Vertrag mit der Modekette „H & M“ eingebracht, für die sie eine Kollektion designte. Außerdem durfte die gelernte Friseurin im Vorprogramm des US-Rap-Stars Future auftreten. Und das, obwohl sie bisher nur ein Minialbum veröffentlicht hat. Wie schon ihr Überhit erinnert die EP „Tee Time“ stark an den HipHop und R’n’B der neunziger Jahre, Aaliya, TLC und Lauryn Hill sind offensichtliche Einflüsse. Wobei Ace Tee meist die gesungenen Hooklines übernimmt und ihr ebenfalls aus Hamburg stammender Kollege Kwam.e die größeren Rap-Parts. Weil er lauter und aggressiver auftritt als sie, wirkt Ace Tee mitunter wie die Gastsängerin ihrer eigenen Songs. Hoffentlich ändert sich das noch, wenn sie denn mal ein ganzes Album macht. Denn Ace Tee muss sich beim Rappen keineswegs verstecken, wie sie etwa mit „Jumpa“ beweist, bei dem sie in ihrem einen flüssigen, leicht heiseren Flow über den wuchtig groovenden Retro-Beat rappt. 2017 wird auf jeden Fall ein spannendes Jahr für den deutschen HipHop - nicht zuletzt wegen der Powerfrauen wie Haiyti, Ace Tee und Co.