Nahaufnahme Im toten Winkel Europas

© Nihad Nino Pušija

Fotograf Nihad Nino Pušija dokumentiert in seiner Ausstellung „Sarajevo - Berlin RETOUR“ in der Akademie der Künste den Alltag der Roma.

Baby Michael sieht aus wie ein kleiner Engel. Den Kopf leicht schräg, den Mund halboffen, schaut er in die Kamera. Seine Tante Izeta hält ihn mit ihrer linken Hand in die Höhe und lächelt ihn an. Dieses wunderschöne und stolze Schwarz-weiß-Doppelporträt entstand vor 21 Jahren in einem Berliner Flüchtlingsheim. Aufgenommen hat es der 1965 in Sarajevo geborene Fotograf Nihad Nino Pušija, der ebenfalls nach Berlin geflohen war, wo er bis heute lebt. Hier begann er die Situation seiner Landsleute zu dokumentieren und spezialisierte sich nach einiger Zeit auf die Gruppe der Roma. Es ist der Schwerpunkt seiner künstlerischen Arbeit geblieben.

Einen Einblick in sein Werk gibt noch bis Mittwoch die Ausstellung „Sarajevo - Berlin RETOUR“ in der Galerija Akademije likovni umjestnosti, bei der rund 250 seiner Fotografien zu sehen sind. Sie werden größtenteils als Projektionen präsentiert, die in drei Themenbereiche gegliedert sind. Am wichtigsten ist Pušija das Kapitel „Vernachlässigte Europäer“, das die Wohnsituation von Roma in verschiedenen europäischen Ländern zeigt. Das Spektrum reicht von ärmlichen Siedlungen bis hin zu großen Villen. Auch das Kapitel „Chavez - Kinder“ zeigt die Vielfältigkeit der Volksgruppe: Mal ist ein schick angezogenes Mädchen in Ungarn zu sehen und auf dem nächsten Bild ein bosnischer Junge, der offensichtlich in deutlich prekäreren Verhältnissen aufwächst. Der dritte Teil der Ausstellung befasst sich mit Roma-Kunst- und Aktivismus.

Nihad Nino Pušija möchte mit seinen Fotos zur „Dekonstruktion von Klischees und zum Abbau der Stigmatisierung von Roma“ beitragen. Deshalb sieht man bei ihm auch nie nackte Füße, bunte Röcke oder lustige Musikanten. „Das sind die Bilder, die viele im Kopf haben. Genau das will ich nicht zeigen.“ Stattdessen porträtiert er zum Beispiel den Jasenovac-Überlebenden Nadir Dedić, den er 2012 bei der Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas in Berlin kennenlernte und später in seiner Zagreber Wohnung besuchte. Vor einem Tito-Bild sitzend, schaut Dedić mit seinen blauen Augen freundlich und ein wenig melancholisch in die Kamera. An seiner Weste ist ein Abzeichen mit dem Monument von Jasenovac zu sehen. Die Zeit im Lager hat er nie vergessen, auch weil er dort seine spätere Frau kennen gelernt hat.

Für Pušijas Arbeit ist es essenziell, dass er die Menschen, deren Leben er dokumentiert, nicht nur einmal trifft. So hat er den Kontakt zu vier Familien aus der Nähe von Tuzla seit den Neunzigern gehalten, wobei er mitunter zu einer Art Sozialarbeiter wurde. Er telefonierte mit Berliner Ämtern und Ärzten, half bei der Wohnungssuche oder sagte vor Gericht aus. „Du musst helfen. Schließlich nimmst du auch etwas von den Leuten, also gibst du auch etwas. Das ist ja keine Fotosafari.“ Auf diese Weise ist Pušija zu einem Insider geworden, dem die Leute vertrauen. Seit seiner ersten Ausstellung zum Roma-Alltag mit dem Foto von Michael und Izeta in der Berliner Galerie NGBK sind viele weitere hinzugekommen. Darunter auch das Projekt „Duldung Deluxe“, das sich um den Aufenthaltsstatus der Duldung befasste, der das Leben vieler junge Romni und Roma in Deutschland beeinträchtigt. Sie haben kein permanentes Aufenthaltsrecht, sondern sind nur vorläufig geduldet, was ihnen die Arbeitssuche und Zufkunftsplanung sehr erschwert.

Für neu nach Deutschland kommende Roma sieht es noch schlechter aus: Stammen sie etwa aus Serbien, Kosovo oder BiH haben sie praktisch keine Chance auf Asyl, denn diese Staaten gelten als „sichere Herkunftsländer“. Wie dieser Euphemismus in der Realität aussieht, kann man - neben vielem anderen - auf den Fotografien von Nihad Nino Pušija sehen.