Nahaufnahme Urban Nation, das unmögliche Museum in Berlin

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(Dieser Text wurde zuerst in der Zeitung Kapital veröffentlicht)
 
„Kunst fragt, ohne zu bewerten“ – diese Worte sind Teil des Manifests von Urban Nation, dem ersten Museum der Welt, das ganz der urbanen Gegenwartskunst gewidmet und gleichzeitig ein Raum ist, der „nie nach deinem Pass, aber immer nach deiner Botschaft fragt“. Es befindet sich in der Stadt, deren kulturelle Identität untrennbar mit der Straßenkunst verbunden ist: Berlin.

Urban Nation hat in diesem Herbst seine Pforten geöffnet und sich zum Ziel gesetzt, die bekanntesten Straßenkünstler in einen unterschiedlichen Kontext zu stellen. Das Projekt erstreckt sich auch über das Museum hinaus, und bereits auf dem Weg dorthin können Sie einige auf seine Initiative hin bemalte Wände von Wohngebäuden sehen. Noch besser können Sie sich auf den genius loci einstimmen, wenn Sie auf Ihrem Weg zum Urban Nation das im Jahr 2013 fertiggestellte Gleisdreieck, einen der neuesten Parks in der Stadt und Anziehungspunkt für Skater und Graffiti-Künstler, passieren.
 
Über hundert Künstler haben Eingang in die Sammlung des Museums gefunden. Sie können Werke von Banksy, Shepard Fairey (dem Schöpfer des „Hope“-Plakates für den Präsidentschaftswahlkampf von Barack Obama) und Blek le Rat (eines der Gründer der Graffiti-Kultur in Paris in den 1980er-Jahren), aber auch von Künstlern in ihrer Blütenzeit wie Andreas Englund und der Konzept-Künstlerin Mia Florentine Weiss mit ihrer Skulptur NOW sehen, die zuerst vor dem Reichstagsgebäude aufgestellt wurde und einen feministischen Aufruf dazu darstellt, die Lösung des Problems der Frauenrechte nicht weiter aufzuschieben. Unter den Teilnehmern ist auch der Mitbegründer und Frontmann von Massive Attack - Robert Del Naja, der sich vor seinem Durchbruch in der Musik vorrangig mit Graffiti befasst hat - 3D, von dem man in diesem Jahr schon vermutet hat, er sei eigentlich die Person hinter dem Pseudonym Banksy.
 
Der Besuch kann auch gewisse Zweifel hervorrufen: Wie kann man die Ästhetik der Straßenkunst in einem Museum unterbringen, ohne sich der Kritik auszusetzen, dass sie so ein Teil des Status quo wird und ihre ursprüngliche Absicht ruiniert? Die Künstlerische Leiterin und Hauptkuratorin des Museums, Yasha Young, umgeht diese Gefahr, indem sie in dem Museum fast nur Werke ausstellt, die bis jetzt nicht auf der Straße waren, und verwandelt die Räume rundherum in Freiräume.
 
Unter dem Namen Urban Nation hat sie in den letzten Jahren viele Graffiti-Aktionen in der Stadt veranstaltet. „Man brauchte so einen Raum, und ich wusste, dass Berlin der richtige Ort dafür ist. Die Idee des Museums ist, in erster Linie diesen Teil der Künstlergesellschaft in den Mittelpunkt zu rücken, aber auch, dass das mit der Aktivität im Freien kombiniert werden kann'', sagt Yasha Young, die bis vor Kurzem eine eigene Galerie in New York hatte und das Buch „Art That Creeps: A Macabre Menagerie of Art“ verfasste – eine von ihr kuratierte Ausstellung mit Werken von Malern im Bereich Horror und Surrealismus.
 
„Alles im Museum ist speziell für seinen Raum geschaffen. Die ausstellenden Maler haben Erfahrung mit der Arbeit in geschlossenen Räumen oder auf Leinwand, sodass die Ausstellung eine Fortsetzung ihrer Multifunktionalität ist. Außerdem besteht die Chance, dass das, was sie tun, als Stil und Botschaft anerkannt wird. Ich freue mich immer sehr, wenn ich höre, wie ein Besucher den Stil von irgendjemanden erkennt und sagt: ‚Ach, dieser Künstler ist wahrscheinlich derselbe, der an der und der Wand in Kreuzberg gemalt hat.‘“
 
Ihrer Meinung nach verändert sich die Straßenkunst pausenlos und mit einer riesigen Flexibilität. „So, wie jede Stadt je nach dem Kontext dessen, was in ihr geschieht, einen unterschiedlichen Einfluss ausübt“, sagt Yasha und zitiert Fruit of the Lump und Alien Attack als Künstler, die sie in der letzten Zeit beeindruckt haben. „Jedes neue Gebäude, jedes neue öffentliche Thema, jede neue Herausforderung für die Menschen trägt auch neue Ideen in sich''.
 
Urban Nation befindet sich in der Bülowstraße 7 und ist dienstags bis sonntags jeweils von 10 bis 18 Uhr geöffnet.