Nahaufnahme Der Wagnersaal in Riga

Ein Beitrag von Deutschlandfunk

Auch in Riga wird um Konzertsaal gestritten. Dort steht ein Saal, in dem vor vielen Jahren der junge Richard Wagner Opern dirigiert hat: Mozart, Weber, Beethoven. Eine Bewegung wirbt dafür, dass der Saal renoviert wird. Marke Wagner, die allein macht das Geld nicht locker. Benjamin Weber erzählt die Geschichte. 

Atmo: Altstadt.
 
Vom Wirken Wagners in Riga ist im Herbst 2017 nicht viel mehr sichtbar als ein Schild an der Hauswand der Richard Wagner-Straße 4. Hier hat Wagner dirigiert, sagt das Schild auf lettisch, doch heute blättert die Fassade, die schwere, alte Tür ist verschlossen.
 
O-Ton Eva Wagner-Pasquier: „Sie können nur in Bewunderung erstarren, weil Sie wissen, dass hier der Meister mal war.“

Eva Wagner-Pasquier beschreibt die Situation treffend lakonisch: Hinein in den Wagnersaal kommt man nicht. Die Urenkelin von Richard Wagner unterstützt die Kampagne, die das historische Gebäude restaurieren lassen will. Es soll wieder genutzt werden, als Konzertsaal und Wagner-Museum.
 
O-Ton Eva Wagner-Pasquier: „Es ist nicht für Riga, sondern es ist überhaupt auch für Wagner eine wichtige Sache, dass dieses Zentrum entstehen kann. Ich habs auch (...) besichtigt, und es ist fantastisch, diese ganzen Räume, und diese Idee, die da entstehen soll.”
 
Die Begeisterung von Eva Wagner-Pasquier teilt der Eigentümer, der lettische Staat nur bedingt. Die lettische Regierung sieht auf der staatlichen Prioritätenliste in Sachen Kultur ein anderes Projekt weit oben: Riga braucht dringend einen modernen akustischen Konzertsaal für große Symphonische Musik. Seit fast zwanzig Jahren schon wird darüber diskutiert. Klar: Die historische Figur Wagner könnte durch Saal mehr Touristen nach Riga locken. Aber für beide Projekte reicht das Kulturbudget nicht aus.
 
Doch es gibt eine Bewegung, die sich mit diesem Zustand nicht abfinden möchte.
 
Atmo: Flashmob.
 
Ein Dienstagabend im Oktober, es regnet. Auf dem Domplatz in Riga ist eine merkwürdige Menschenansammlung zu beobachten. Plötzlich: Musik, gespielt von einem Blechblasorchester in einem großen Zelt; die Menschen fangen an zu singen, den Pilgerchor aus Wagners Tannhäuser. Auch Eva Wagner-Pasquier ist dabei. Dann ziehen die etwa vierhundert singend los, bis vor die Richard-Wagner-Straße, Hausnummer 4. Ein gut inszenierter Flashmob, der Aufmerksamkeit erzeugen soll für den Wagnersaal.
 
O-Ton Maris Gailis: „My name is Maris Gailis. I am a chairman of the Riga Richard Wagner Society.”
 
Er steckt hinter der Kampagne. Und er ist gut vernetzt. Denn Maris Gailis, ein freundlicher 68jähriger mit kleinem goldenen Ohrstecker, ist nicht nur Vorsitzender der hiesigen Wagner-Gesellschaft, er war von 1994 und 1995 Ministerpräsident in Lettland. Später ging er in die Wirtschaft, jetzt ist er Pensionär. Seit drei Jahren setzt er sich für den Wagnersaal sein.

O-Ton Maris Gailis “In Bayreuth I was first time two years ago, and in museum I tried to find where is Riga? Where is Riga mentioned? I didn’t find. Because it is said that in this years, this youth years, Wagner worked as a conductor in few small german cities. That’s it. Hehehe. That’s it about Riga. That means, we have to tell about this from here!”
 
1837. Richard Wagner kommt als 24jähriger nach Riga. Er erhält eine Anstellung am deutschen Theater. Zwei Jahre lang wird er hier dirigieren, künstlerisch eher ein Unbekannter bleiben, und am Ende verlässt er die Stadt Hals über Kopf, auch weil er sich – mal wieder – hoch verschuldet hat.
 
Und doch: Riga hat Einfluss auf sein Werk. Hier schrieb er Teile des Rienzi und auch die Architektur des Theatersaals hinterließ bleibenden Eindruck, namentlich der Orchestergraben, der teilweise unter der Bühne lag, und der wie ein Amphitheater ansteigende Zuschauerraum, in dem noch dazu während der Vorstellungen das Licht gedimmt wurde. Diese damals doch ungewöhnlichen Bedingungen seines Rigaer Saals dienten Wagner später, das gilt als belegt, als Vorlage für das Festspielhaus in Bayreuth.
 
Bald nachdem Wagner Riga verließ, zog auch das deutsche Theater weiter. Das Haus in der Richard Wagner-Straße erlebte unterschiedliche Nutzungen, zuletzt wurde hier unter dem Namen „Wagnersaal“ ein Konzertsaal für Kammermusik betrieben, der noch zu Soviet-Zeiten entstanden war – genau genommen lag der aber ein Stockwerk über dem historischen Wagnersaal, und seit 2007 steht das Haus leer.
 
Mithilfe einer öffentlich-privaten Partnerschaft will Maris Gailis das Haus in ein Wagner-Zentrum mit Konzertsaal und Museum verwandeln. Das hat es in Lettland auf staatlicher Ebene noch nie gegeben.
 
O-Ton Maris Gailis: “What does it mean? Government gives to some company, who of course will be found in tender process, this house for 30 years, 30 or more. This company put own money, rise money from bank, renovate, do all necessary works, then open, and run as a cultural institution: Wagner Museum, and theatre. (…)And government starts to pay little money after everything is finished, and this start to work. (…)I think that its very big cultural touristic potential.“
 
Wenn alles nach seinem Plan läuft, kann in vier Jahren eröffnet werden. Gailis sagt: Die Reaktionen seien positiv, Investoren stünden bereit, und auch die Politik sei grundsätzlich dafür. Die einzige Bedingung: Die Pläne für die große Konzerthalle dürfen nicht vom Wagnersaal durchkreuzt werden. Noch in diesem Jahr soll eine Entscheidung fallen. Eine öffentliche Reaktion der Regierung auf die Kampagne hat es noch nicht gegeben.
 
O-Ton Maris Gailis: No, but everybody knows, everybody knows. We are not Italians, we mostly keep silence, you know.
 
Autor: But they cannot say no?
 
O-Ton Maris Gailis: I think its difficult for them - but again as I said all are pro. Prime minister very positive. (...) The public ask it. It’s a very powerful thing.
 
Atmo: Vor / im Wagnersaal.
 
Zurück in der Richard Wagner-Straße 4. Der ehemalige Ministerpräsident Gailis kennt den Code für die Schlüsselanlage und nimmt mich mit hinein. Die alten Räume sind beeindruckend – und vom Verfall gezeichnet. Wenn man die alten klassizistischen Gemäuer sieht, die dicken, meterlangen Risse, den Schimmel, die abblätternde Farbe, die massiven Wasserschäden, dann ist klar, warum die Befürworter des Wiederaufbaus gerade jetzt so viel Aufmerksamkeit erzeugen wollen. In wenigen Jahren schon könnten die Schäden im Haus zu groß sein.
 
Abmod: Der Traum von Riga als Wagner-Pilgerstätte.