Nahaufnahme Der Wagnersaal in Riga II

Ein Beitrag von Deutschlandfunk

In Riga wird gerade öffentlich gestritten. Es geht um das Erbe Richard Wagners und dessen Bedeutung für die Hauptstadt Lettlands. Als 24jähriger, weitgehend unbekannter Kapellmeister kam er 1837 ans Deutsche Theater nach Riga. 2017 steht das Haus, in dem Wagner vor 180 Jahren französische und italienische Opern dirigierte, leer. Es ist renovierungsbedürftig, der komplette Verfall droht. Doch längst hat sich Protest formiert.

Eigentlich ist man in Riga stolz darauf, dass der große Richard Wagner einst hier Station gemacht hat. Gunda Vaivode ist Direktorin des öffentlich-rechtlichen „Radio Klasika“, also quasi dem WDR3 von Lettland. In ihren Augen ist Wagner von großer Bedeutung für die kulturelle Identität der Stadt.
 
Gunda Vaivode: „Ich denke, ein kultureller Mensch kennt Richard Wagner, in Riga wenigstens. Er weiß, dass wir haben Wagner-Straße, im Alt-Riga, er weiß, dass Richard Wagner hier ein paar Jahre gelebt hat, und dirigiert hat, und dass er ein großer schwarzer Newfoundland hatte, und natürlich kennt auch Musik. Weil wir haben eine enge Verbindung mit Wagner-Operschöpfung. Im Jahre 1918 war die erste Uraufführung in unserem Nationaloper, die hieß damals lettische Oper, und die erste Aufführung war der Fliegende Holländer von Richard Wagner.“
 
Auch der hundertste Geburtstag nächstes Jahr wird mit dem Fliegenden Holländer gefeiert, 2013 gab man sogar den Ring des Nibelungen – komplett. Bei dieser Verbundenheit ist umso erstaunlicher, dass die Stätte, an der Wagner von 1837 bis 1839 dirigiert hat, leer steht und verfällt.
 
Atmo: Drinnen

Richard Wagner-Straße 4. Hier war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Deutsche Theater untergebracht. Altehrwürdige, historische Räume, an deren Decken und Wänden Risse prangen, meterlang, zentimeterdick. Langsam rieselt Staub herab, irgendwie ist Herbstlaub hineingeraten und große Flecken zeugen von massiven Wasserschäden. Selbst die überlebensgroße Büste von Richard Wagner im eleganten Treppenhaus wirkt bekümmert. Vielleicht weiß auch sie genau, was hier drinnen offensichtlich ist: Viel Zeit bleibt nicht mehr.
 
Zeit, um den Ort zu retten, an dem Richard Wagner gewirkt hat.
 
EWP: „Das sind ja endlose Räume, durch die man da geht, das ist ja wie in einem Stanley Kubrick-Film, unfassbar. Man geht ja dann diese Stockwerke hoch, und dann ist wieder ein Raum, da ist dann der Wagnersaal, dann der Ballsaal, dann ist der Tea Room – faszinierendes Gebäude. Das ist ja zehn Jahre nicht benutzt, da darf man doch nicht gar nix machen!“
 
Extra in die lettische Hauptstadt gekommen ist Eva Wagner-Pasquier. Sie ist die Urenkelin des Meisters und sie unterstützt die Bewegung, die eine Restaurierung des Hauses fordert. Ein Wagner-Museum soll hier entstehen, und der Saal, in dem Wagner Opern dirigierte, soll originalgetreu wieder aufgebaut werden. Einen „Wagnersaal“ gab es hier schon mal, allerdings in einem anderen Raum: Nach dem 2. Weltkrieg, zu Zeiten sowjetischer Besetzung, wurde er eröffnet, ein Konzertsaal für Kammer-, Klavier- und Chorkonzerte. Am Ende rieselte Putz von der Decke auf Musiker und Zuschauer. Vor zehn Jahren musste er schließen.
 
Was ist das Problem? Eigentümer ist der Staat. Und dem fehlt es an Geld. Denn in Riga wird seit Jahrzehnten schon der Neubau eines modernen Konzertsaals für große Sinfonien diskutiert, und dieses Projekt hat Priorität.
 
Ein kleiner Mann hat den Ernst der Lage begriffen.
 
Maris Gailis: „My name is Maris Gailis, I am chairman of the Riga Richard Wagner Society.“
 
Maris Gailis ist 68 Jahre alt, Rentner und Vorsitzender der hiesigen Wagner-Gesellschaft. Von 1994 bis '95 war er Ministerpräsident in Lettland, später Unternehmer. Jetzt versucht er, seine Erfahrung zu nutzen, um Wagner in Riga endlich wieder erlebbar zu machen.
 
Maris Gailis: „I think that its very big cultural touristic potential. I know a lot of touristic groups, from Germany, from other places ask: Where is the Wagner place? But they can only stop at the front of the façade of this house and that’s it.“
 
OV
„Der Saal hat ein großes touristisches Potenzial. Viele Gruppen, vor allem aus Deutschland, suchen das Wagner-Haus, und können am Ende nur die Fassade anschauen.“
 
Für das Werk des Komponisten ist der Aufenthalt an der Düna von gewisser Bedeutung. In den zwei Jahren blieb er hier zwar künstlerisch ein Unbekannter, und er verließ die Stadt auch plötzlich, überschuldet und im Streit. Doch hier schrieb er z.B. Teile des Rienzi.
 
Und auch der Konzertsaal spielt für Wagners Biographie eine große Rolle. Damals war er ungewöhnlich: Das Orchester spielte teilweise unter der Bühne, man dimmte während der Vorstellungen das Licht, und der Zuschauerraum stieg an wie ein Amphitheater. Wagner gefielen diese Merkwürdigkeiten, sie dienten ihm später als Vorlage für das Festspielhaus in Bayreuth.
 
Maris Gailis: “In Bayreuth I was first time two years ago, and in museum I tried to find where is Riga? Where is Riga mentioned? I didn’t find. Because it is said that in this years, this youth years, Wagner worked as a conductor in few small german cities. That’s it. Hehehe. That’s it about Riga. That means, we have to tell about this from here!”
 
OV
„Im Wagner-Museum in Bayreuth ist von Riga keine Rede. Es hieß nur: In seinen jungen Jahren hat Wagner in kleinen deutschen Städten gearbeitet. Also müssen wir von hier aus davon berichten!“
 
Der ehemalige Ministerpräsident will die aktuelle lettische Regierung von einer öffentlich-privaten Partnerschaft überzeugen. Von privatem Geld würde das Haus saniert und eröffnet, erst dann müsste der Staat jährlich zahlen. Die Immobilie bliebe in Staatsbesitz. Eine klassische Win-Win-Situation, der Staat muss nur noch zustimmen, und alle, die etwas zu sagen haben in der Sache, hätten positive Signale gesendet, sagt Gailis.
 
Der Haken: In Lettland hat es dieses Modell auf staatlicher Ebene noch nie gegeben. Deshalb zögere man. Gailis weiß aber, was er tun muss, um den Druck zu erhöhen.
 
Atmo: Altstadt/Flashmob
 
Der Domplatz in der Altstadt. Alles sieht so aus, als wäre das hier ein gewöhnlicher Dienstag im Herbst, nach Feierabend, leichter Regen, viele Leute unterwegs. Plötzlich: (Gesang) Mehr als 400 Sängerinnen und Sänger sind zu diesem geplanten Flashmob gekommen, Dirigenten-Ikone Maris Simais leitet das Blasorchester, das den Pilgerchor aus dem Tannhäuser spielt. Auch Eva Wagner-Pasquier ist dabei, sie verteilt Buttons an Umstehende und Passanten.
 
Eva Wagner-Pasquier: „Ich war natürlich sofort begeistert und hab zugesagt, und deswegen bin ich auch (...) mitgelaufen bei dem Pilgerchor, vom Dom zur Wagnerstraße.“
 
Nach dem Flashmob ist Wagners einstige Gegenwart in Riga präsenter denn je. Die halbe Stadt spricht von nichts anderem. Eva Wagner-Pasquier hat hinter den Kulissen für die Renovierung offenbar den Namen Yasuhisa Toyota ins Spiel gebracht, der in der Elbphilharmonie die Akustik designt hat – und der sei schließlich auch Wagner-Fan. Die Euphorie ist greifbar.
 
Auch der ehemalige Ministerpräsident ist zufrieden. Er hat große Aufmerksamkeit erzeugt für das Thema, und weil er überall erzählt hat, dass die Regierung seine Idee einer Renovierung eigentlich gut findet, sind die Erwartungen hoch. Der durch den Flashmob sichtbar gewordene öffentliche Wille sei ein mächtiges Instrument, sagt Gailis. Die Regierung hat sich aber noch nicht dazu geäußert, wie es weiter gehen soll mit dem historischen Konzerthaus in der Richard-Wagner-Straße 4.
 
Maris Gailis: No, but everybody knows, everybody knows. We are not Italians, we mostly keep silence, you know.
 
Autor: But they cannot say no?
 
Maris Gailis: I think its difficult for them - but again as I said all are pro. Prime minister very positive. (...) The public ask it. It’s a very powerful thing.”
 
Abmod