Nahaufnahme 2016 Faust Premiere an der Lettischen Nationaloper

 Ausschnitt aus der Inszenierung "Faust"
Ausschnitt aus der Inszenierung "Faust" | © AZeltina

Der Jenaer Bass-Solist Andreas Bauer bezeichnet Goethes Mephisto als seine Lieblingsrolle. Den großen Verführer an der Lettischen Nationaloper in Riga zu interpretieren, ist dabei etwas ganz Besonderes für ihn. Bauer ist begeistert, wir sind es auch.

Herr Bauer, erstmal einen herzlichen Glückwunsch für die Premiere von Goethes Faust heute Abend an der Lettischen Nationaloper. Sie haben den Mephisto ja bereits in anderen Städten gesungen. Was war hier in Riga besonders?

Ja stimmt, ich habe schon dreimal im Faust gesungen. Das erste Mal war in einem sehr kleinen Haus im sächsischen Annaberg-Buchholz, wo ich auch als Solist angefangen habe. Die kleinste Oper Deutschlands! Da habe ich als totaler Anfänger gleich den Mephisto gesungen, was eine ziemliche Herausforderung war, weil es eben doch eine ziemlich aufwendige Rolle ist. Das war eine schöne Produktion, allerdings typisch deutsches Regietheater, also ziemlich kühl und intellektuell. Dann hatte ich eine Produktion in Würzburg, die mir sehr gut gefallen hat. Da war ich ein Klon, eine Art Robotermensch, der im Reagenzglas von Faust hergestellt wurde. Er wurde lebendig in dem Moment, als er gerufen wurde „ Satan herbei! Herbei zu mir!“. Und dieses Lebewesen hat dann die Macht über Faust ergriffen im Verlaufe der Oper. Das war beeindruckend! Dann hatte ich noch eine weitere Faust-Produktion im italienischen Modena. Und jetzt, zehn Jahre später, wurde ich endlich wieder für eine meiner Lieblingsrollen engagiert und war auch wirklich glücklich, Riga wieder zu erleben. Vor einigen Jahren hatte ich schon mal ein Konzert hier. Ich bin begeistert von der Stadt, aber auch von der Produktion, weil sie mir erstmals erlaubt, der Mephisto zu sein, den ich mir unter dieser Figur vorstelle.

Das müssen Sie erklären! Welches Verhältnis haben Sie zu dieser Rolle, die sie heute Abend sehr intensiv verkörpert haben?

Vielen Dank! Tja, wer ist Mephisto? Niemand kann das so genau sagen. Mephisto ist ein Teil von Satan. Der Faust ruft Satan aus Verzweiflung, weil er nicht glücklich wurde trotz aller Bemühungen im Laufe seines Lebens, durch Studium und Wissenschaft und Entbehrung. Und dann kommt Satan in Form von Mephisto. Mephisto ist nicht das personifizierte Böse, sondern eine Unterfigur des Satans. Er sagt ja von sich selbst, „Ich bin ein Teil von jener Kraft, Die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Mephisto ist frech und hinterlistig, aber er provoziert auch den Mann und den Menschen zu neuen Taten. Er provoziert ihn, etwas zu riskieren, in der Wissenschaft voranzukommen, sich mit Zauberei auseinanderzusetzen, zu entdecken „was die Welt im Innersten zusammenhält.“ Aber das ganze hat natürlich seinen Preis, man bekommt diese Erkenntnisse nicht umsonst, sondern man muss dafür bezahlen, und zwar, so wie in vielen Märchen, mit seiner Seele. Man verkauft sich sozusagen. Und Mephisto spielt seine ganzen Verführungskünste aus, um Faust dahin zu kriegen zu sagen: Ja, so gefällt mir das, das war unsere Wette!“ Und das macht natürlich Spaß, den Verführer zu spielen, in allen Facetten dieser wunderschönen Inszenierung. Als sexy lady, als Vamp, oder auch als Bettler, der unkontrolliert durch die Menge baldowert und den Leuten auf den Hintern klatscht – ein frecher Kerl! Oder auch als Krieger, in einer eher rauen Art.

Den Spaß, von dem Sie gerade gesprochen haben, ich glaube den haben heute Abend viele Leute spüren können. Sagen Sie uns noch kurz, wie die Proben abgelaufen sind. Es ist ja wirklich ein sehr internationales Team: Ein Dirigent aus Polen, ein Regisseur aus Armenien, der aber schon lange in Riga lebt und so weiter. Wie kommuniziert man da, wie funktioniert die Arbeit miteinander?

Naja, wir haben uns alle von Anfang an sehr gut verstanden. Ich muss sagen, die Menschen in Riga sind alle sehr herzlich, unheimlich angenehm, bescheiden und hilfsbereit und haben mich von Anfang an sehr willkommen geheißen. Das habe ich sehr geschätzt und habe mich sehr wohl gefühlt. Die Kollegen sind außerdem alle vielsprachig, und ich auch – jedenfalls einigermaßen. Russisch habe ich zwar am längsten gelernt, kann es aber am wenigsten, weil wir das in Ostdeutschland, wo ich herkomme, nie wirklich praktiziert haben. Aber viele hier können Deutsch, wir sprechen auch Englisch, Italienisch und manchmal sogar Französisch. Mit dem Dirigenten Tadeusz Wojciechowski, der nun wirklich alle Sprachen spricht, habe ich Deutsch gesprochen.

Die deutsche Sprache spielt hier immer noch eine Rolle, und wir sind ja in einem ehemaligen Theater, das Endes des 1863 von Deutschen gebaut wurde. Richard Wagner hat hier mehrfach inszeniert. Spielt das für Sie eine Rolle, oder ist Ihnen das eher gleichgültig?

Dass die Deutschen dieses Theater gebaut haben, das spielt für mich ehrlich gesagt keine Rolle. Ich schätze die Letten sehr, und finde nicht nur dieses Haus wunderbar, sondern auch, wie sie mit der Geschichte umgehen. Ich freue mich sehr, dass die Stadt so aufblüht ist, seit ich vor sieben oder acht Jahren hier war, um das Mozart-Requiem zu singen. Das war mit dem Lettischen Rundfunkchor. Ich dachte: Wow, was für ein Chor! Es war unglaublich schön, wie die gesungen haben, so etwas habe ich vorher noch nie gehört! Ich habe mich fast geschämt, als Solist dazuzukommen. Und Riga war damals vor sieben Jahren noch nicht in dieser Lebensfreude, hatte ich den Eindruck, sondern wirkte irgendwie etwas niedergeschlagener. Und jetzt kommt man hierher, und es ist einfach eine Freude!

Danke für das Gespräch, Andreas Bauer!

Danke auch!