Dr. Bruno Gross am 24. Februar 2012 Rede von Dr. Bruno Gross anlässlich der Tagung zur Außenkulturpolitik in Loccum

Dr. Bruno Gross über Herausforderungen einer künftigen Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik.

(es gilt das gesprochene Wort)


Außenkulturpolitik in einer sich verändernden Welt - Welchen Herausforderungen müssen wir uns stellen?

„Der ganze Weg, den ich zurückgelegt habe,
all die Kämpfe, sind ein Kinderspiel gegen das,
was uns noch zu tun bleibt,
denn die Hauptaufgabe besteht darin,
für all diese Gruppen ein Zusammenleben zu ermöglichen.“

Nelson Mandela

Die Themen Krise und Konflikt in all ihren Ausprägungen bewegen die Welt; sie verändern sie unaufhaltsam und immer schneller. In Europa und in seinen Nachbarländern müssen wir uns mit den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen auseinandersetzen. Wir müssen uns den Herausforderungen stellen und Antworten auf Fragen finden, die sich aus machtpolitischen Verschiebungen ergeben oder aus technischen Innovationen, die die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik beeinflussen. Wir beobachten einen zunehmenden Wettbewerb zwischen den Staaten, die die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik als Instrument des Nation Branding entdeckt haben. Allein in Brasilien werden sich in den kommenden Jahren viele Staaten im Rahmen von Kulturjahren konkurrierend präsentieren.

Europas Fragilität ist mehr als greifbar geworden. Nicht nur in Griechenland wird die europäische Idee durch die eigenen Bürger herausgefordert, sondern auch in Staaten, die von der Krise weit weniger betroffen sind. Bisher wurde Europa zuerst aus Sicht der Wirtschaftsförderung und der damit verbundenen verwaltungstechnischen und bürokratischen Prozesse wahrgenommen. Dies funktioniert in wirtschaftlich guten Zeiten. Doch jetzt werden die Defizite dieses Ansatzes und dieser Wahrnehmung offensichtlich. Versuche einer stärkeren europäischen Integration, etwa durch Harmonisierung der Bildungsstrukturen im Zuge des Bologna-Prozesses, sind zumindest in Deutschland negativ besetzt – waren jedoch Schritte in die richtige Richtung. Das Projekt Europa wird eine wesentlich tiefgreifendere Integration erfordern als zu Beginn gedacht wurde – und damit ein Ringen um die Herstellung eines Ganzen im buchstäblichen Sinne des Wortes Integration. Die deutsche Außenpolitik hat dies in ihre Neukonzeption aufgenommen und vorgegeben, den Schwerpunkt Europa und die europäische Integration zu stärken. Von vielen anderen Seiten wird die Forderung laut, die auch der polnische Außenminister im November 2011 äußerte: Die EU muss zu einer immer fester integrierten Föderation werden. In der Konsequenz bedeutet dies, dass eine der zentralen Herausforderungen für die Mitgliedstaaten in der Aufgabe liegt, eine europäische Innenpolitik im Bereich der Kultur- und Bildungspolitik zu gestalten.

Aber nicht allein die Politik fordert eine stärkere Integration. Noch viel mehr zwingt uns die Arbeitsmigration in Europa, uns dieser Aufgabe anzunehmen. Das wird deutlich an der steigenden Nachfrage nach deutschen Sprachkursen und weiteren Weiterbildungsangeboten in Südeuropa sowie dem Zuzug junger Menschen aus Krisenstaaten wie Griechenland und Spanien. Eine europäische Integration mitzugestalten und zeitgemäße Formate dafür zu finden, ist eine der zentralen Herausforderungen für die Kultur- und Bildungspolitik innerhalb Europas. Aus Sicht der deutschen Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik wie auch anderer europäischer Staaten wird es notwendig sein, die eigene Perspektive auf die europäische Kultur- und Bildungspolitik als gemeinsame europäische Innenpolitik zu schärfen.

Der europäische Gemeinplatz zur Beförderung der Diskussion und dem Finden von Antworten sind das gemeinsame europäische kulturhistorische Verständnis füreinander die internationale Ausrichtung sowie die Bedeutung von Kunst und Kultur in Europa für das eigene Selbstverständnis. Hier sind alle Staaten Europas ebenbürtig und tauschen sich nicht erst seit heute jenseits der Tagespolitik über Fragen aus, die Kunst und Kultur bewegen. Doch Europa ist mehr denn je ein kulturelles Projekt, welches noch zu sehr im Windschatten der wirtschaftlichen Globalisierung verharrt. Um aus diesem Windschatten herauszutreten, müssen gemeinsame Ansätze entwickelt werden. So wurden bereits viele Initiativen mit den Mitteln des Europäischen Integrationsfonds gestartet. Formate wie das europäische Jugendparlament und die Initiativen im Rahmen von EUNIC zeigen, wie eine koordinierte europäische auswärtige Kultur- und Bildungspolitik aussehen könnte. Diese Projekte machen nicht an den Grenzen Europas halt, sondern blicken zu unseren Nachbarn, teilweise sogar noch weiter.

So beschäftigt sich das Projekt "More Europe" mit der Zukunft einer europäischen Außenkulturpolitik. Mit seinen Veranstaltungen wirft es zentrale Fragen nach der Ausgestaltung einer europäischen Außenkulturpolitik auf: Wie kann das Selbstverständnis einer europäischen Außenkulturpolitik aussehen? Wer sind die Träger einer solchen Außenkulturpolitik? Und in welchen Formaten wird sie umgesetzt? Zuerst muss die Frage nach dem Selbstverständnis und der Wahrnehmung einer europäischen Außenkulturpolitik im außereuropäischen Ausland geklärt werden. Daher freue ich mich auf den Beitrag aus einer besonderen außereuropäischen Perspektive, der des deutsch-französischen Kulturzentrums in Ramallah. Ist europäische Außenkulturpolitik eine lokal von den jeweiligen Akteuren aus Europa geprägte und damit letztlich bi-, bisweilen tri- oder multinationale Außenkulturpolitik? Oder eine integrative, die ein hergestelltes Ganzes – EUROPA – auch vermitteln kann?

Vielleicht kann es eine europäische Außenkulturpolitik ohne eine entsprechende europäische Kultur- und Bildungspolitik im Innern nicht geben. Diese Frage ist weder auf den Ebenen der Politik noch zwischen den europäischen Mittlerorganisationen hinreichend geklärt, so dass hier ein offenes Feld vor uns liegt. Unsere Partner in den Transformationsländern – aber auch jenseits des Atlantiks – warten darauf, dass sich Europa in seinen Außenbeziehungen auch in kultureller Hinsicht positioniert. Ob dies angesichts der Internationalität der Kunst- und Kulturszenen in Europa einerseits und der gleichzeitigen nationalen bzw. regionalen Selbstverortung der Akteure in Europa andererseits in nächster Zeit gelingen kann, muss noch offen bleiben.

Nicht nur in Europa ist zu sehen, dass mit Bildung, einer der Grundvoraussetzungen für Kunst und Kultur, und dem Zugang zu Wissen, weltweit einer der wichtigsten Ressourcen, die soziale Frage der Globalisierung verknüpft ist. Gerade in den Bereichen der Aus-, Weiter- und Fortbildung liegt ein Zugang, um Antworten auf die Fragen der Zeit zu finden. Was Bildung und insbesondere kulturelle Bildung leisten kann, zeigt sich in den dynamischen und lokal oft nicht einfachen Projekten, bei denen es darum geht, eine Auseinandersetzung mit Konflikten und deren Bewältigung mit „kulturellem Handwerkszeug“ voranzubringen. Kunst- und Kulturschaffende widmen sich mit künstlerischen Mitteln Konflikten und nehmen diese zum Anlass, über das menschliche Zusammenleben nicht nur zu reflektieren, sondern es unmittelbar zu beeinflussen und gesellschaftliche Prozesse des Umdenkens einzuleiten.

Als eines von vielen Beispielen möchte ich das südafrikanische Projekt des Goethe-Instituts „Überwunden – Im Spannungsfeld von Kunst und Trauma“ herausgreifen . Hier trafen im Rahmen einer Konferenz und kultureller Interventionen verschiedene afrikanische Sichtweisen aufeinander, die denselben Ausgangspunkt hatten: Welche Rolle können Kunst und Kultur bei der Reflexion und aktiven Auseinandersetzung mit gesellschaftlich einschneidenden Ereignissen einnehmen? Die Teilnehmer aus Ruanda, Kongo, Angola, Uganda, Südafrika, Simbabwe und Sudan fanden vielfältige Antworten und kehrten mit weiteren Projektideen und konkreten Folgeprojekten in ihre Heimatländer zurück. Eines ist allen gemeinsam: Künste dienen als Medium, um Tabus zu brechen, Themen anzusprechen, die aus verschiedenen Gründen nicht ansprechbar sind. So auch „Antigona Oriental“, das Theaterprojekt von Volker Lösch, das sich mit der Militärdiktatur in Uruguay und der Rolle der Frauen als politische Gefangene auseinandersetzt.

Die Schwierigkeit bei der Bearbeitung dieser Themen besteht darin, dass es uns vor allem außerhalb Europas nur schwer gelingt, einen Dialog auf Augenhöhe zu führen. Wo von einem Dialog auf Augenhöhe gesprochen wird, wird eben auf das Fehlen dieser Augenhöhe verwiesen, denn wäre sie vorhanden, müsste sie nicht gesondert betont werden. Das bedeutet: Für einen Dialog, ein Fließen der Worte, müssen Grundvoraussetzungen geschaffen werden, die einen barrierefreien Austausch ermöglichen. Dies kann in kulturellen Formaten oder gemeinsamen Plattformen gelingen, bei denen jeder dem anderen mit dem gleichen Respekt, der gleichen Aufmerksamkeit begegnet.

Eben hier liegt die große Stärke der Künste und der Kultur: Nur wenn wir Wissen vorurteilsfrei teilen und zur Verfügung stellen, besteht die Chance, dass es angenommen wird. So liegt gerade in der Öffnung der Künste und der Kultur hin zu Formaten, die eine Teilhabe am „kulturellen Handwerkszeug“ und eine weitreichende Vernetzung mit den Kulturszenen der Welt ermöglichen, eine Chance, in der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik aktiv und gestalterisch tätig zu werden.

Dass dies ein möglicher Weg ist, zeigen die im Rahmen kultureller Bildung entwickelten Formate, die einen starken Bezug zur künstlerischen Praxis haben, etwa Kulturmanager-Programme, Fortbildungen für Verleger in Osteuropa, Weiterbildungsprogramme für indische Musiklehrer, für Restauratoren in der Mongolei oder Dokumentarfilmer in Südostasien . Die Nachfrage nach diesen Angeboten bestätigt, dass wir damit einen richtigen Weg beschreiten. Zudem erreichen wir mittels innovativer Formate auch neue Akteure. Diese wiederum bereichern die Diskussion um bisher unbekannte Fassetten. So werden die Künste Mittler zwischen Gesellschaften, ermöglichen dabei zugleich eine kritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und tragen so zu ihrer weiteren Entwicklung bei. Doch auch die Kunst- und Kulturszenen müssen und werden sich mit einer derartigen Öffnung verändern. Die Grenzen zwischen Außen und Innen verschwimmen immer mehr: Akteure aus unterschiedlichen Teilen der Welt tauschen sich in gegenseitiger Wertschätzung aus, ohne dass sie von außen oder innen bewertet würden. Unsere Aufgabe als Kulturmittler ist es, den Raum für diesen Austausch zu schaffen. Dieser Prozess führt zur Genese neuer Stilrichtungen, Denkansätze und Ausdrucksformen. Durch Reflexion und stetigen Perspektivenwechsel treiben sie als gesellschaftlicher Motor nicht nur die Bewältigung von Krisen und Konflikten voran; sie verhandeln auch offen Werte und Fragen zum gesellschaftlichen Zusammenleben. Wenngleich die Risiken nicht unerwähnt bleiben sollen, schärft die permanente produktive Auseinandersetzung mit diesen Fragen das Verständnis für eine komplexe mehrdimensionale und interkulturelle Gesellschaft. Die Erfahrungen europäischer Kunst- und Kulturschaffender aus diesem Blickwinkel – eingesetzt in den eigenen Lebensumfeldern nationaler und regionaler Strukturen – können zugleich in den Prozess der Gestaltung einer europäischen Gesellschaft und Identität einfließen und dazu beitragen, dass eine europäische Integration auch jenseits der wirtschaftlichen Dimension möglich wird. Kunst und Kultur und ihren Formaten kommt weiterhin eine bedeutende, eigenständige Rolle zu, die die Akteure und Mittler annehmen müssen, um Konflikte bewältigen zu können und nicht marginalisiert zu werden.

In diesem Sinne betrieben, führt Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik verschieden Gruppen zusammen und ist stabilitätsfördernd und Frieden stiftend.