Dr. Bruno Gross am 3. März 2015 Rede von Dr. Bruno Gross zur Neueröffnung der Bibliothek im Goethe-Institut Bratislava

Das Goethe-Institut verfolgt im Rahmen seiner Digitalstrategie neue Ansätze in der Bibliotheksarbeit, die digitale Möglichkeiten und neue Lernweisen einschließen. Die Bibliothek in Bratislava wurde zu einem interaktiven Ort der Lernens und des Austauschs umgebaut.

Es gilt das gesprochene Wort.
 
Sehr geehrter Herr Botschafter Götz,
liebe Frau Binder,
lieber Herr Franke,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Freunde und Partner des Goethe-Instituts Bratislava,

Bibliotheken haben seit jeher eine besondere Rolle als Orte der Wissensarchivierung und Wissensvermittlung gespielt. Noch vor einigen Jahren konnten nur wenigen Elite-Universitäten Zugang zu den wichtigen Quellen bieten. Ihre Bibliotheken waren wahre „Tempel des Wissen“, zu denen Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler extra hinreisten, um bestimmte Quellen einzusehen.

Mit der Digitalisierung hat ein Wandel eingesetzt: Dank Online-Katalogen und einer massiven Digitalisierung von Büchern und Dokumenten sind viele Quellen bereits jetzt von jedem Ort der Welt aus einsehbar – vorausgesetzt man hat einen Internetanschluss.
Damit haben Bibliotheken in der digital vernetzten Welt scheinbar ihre Funktion verloren; es liegt die Vermutung nahe, dass sie weniger stark genutzt werden. Doch das Gegenteil ist der Fall. Wenn man heute eine der großen Bibliotheken betritt, ist man verwundert, wie gut sie besucht sind. Dabei kommen die Besucher nicht in erster Linie, um Quellen einzusehen, sondern weil sie wissen, dass sie hier einen Ort finden, der frei zugänglich ist und optimale Bedingungen für das Lesen und Schreiben bietet.
Fest steht: Die Rolle und die Funktion von Bibliotheken haben sich in den letzten 2 Jahrzehnten massiv verändert.

Was bedeutet der Wandel der Nutzung von Bibliotheken für das Goethe-Institut? Es ist unsere Aufgabe zu hinterfragen, was unsere kleinen „Spezialbibliotheken“ leisten können und wofür und für wen sie da sind.

Seit letztem Sommer verfolge ich aufmerksam die Neukonzeption der Bibliothek in Bratislava. Wenn wir uns hier umsehen wird schnell klar: es geht um ganz neue Vorstellungen davon, was eine Bibliothek ist bzw. sein kann.

Das Goethe-Institut möchte Räume für Begegnungen und Gelegenheiten des Austauschs schaffen. Die Voraussetzung dafür sind in jedem Land andere. Unsere Aufgabe ist es, genau hinzusehen und zuzuhören, um auf die Bedürfnisse der Menschen vor Ort einzugehen und nicht an ihnen vorbeizureden. Und das immer wieder aufs Neue bzw. in einem kontinuierlichen Dialog mit den Einwohnern der jeweiligen Stadt.

Dass unsere Bibliotheken Orte für Schüler, Studierende, und literarisch Interessierte sind, die einen Bezug zu Deutschland und zur deutschen Sprache haben, ist selbstverständlich. Was aber, wenn in einem Land plötzlich viel weniger Menschen Deutsch lernen bzw. weniger gute Sprachkenntnisse haben? Und was, wenn die Bevölkerungszahl insgesamt schrumpft? Wie kann sich eine Bibliothek auf den Wandel einer Stadt einstellen, um wirklich das zu bieten, was nachgefragt wird?

Dies waren entscheidende Fragen bei der Neukonzeption einer Goethe-Bibliothek, die auf der Höhe der Zeit sein möchte.
In Bratislava ist es gelungen einen Ort zu schaffen, der auch Menschen anspricht, die möglicherweise kein Deutsch sprechen und ev. noch keinen Bezug zu Deutschland haben. Sie kommen dennoch hierher, weil sie die Atmosphäre anspricht oder auch ganze einfach deshalb, weil es guten Kaffee gibt. Sie besuchen die Bibliothek, um sich mit Freunden zu treffen oder um hier zu arbeiten. Manche organisieren auch Pressekonferenzen oder eigene Veranstaltungen in diesen Räumlichkeiten.

Und wer weiß, vielleicht treffen diese Menschen hier auf Gesprächspartner aus Deutschland oder auf ein interessantes Titelblatt oder eine Veranstaltung des Goethe-Instituts, die sie anspricht. Ich stelle mir vor, dass auf diese einfache Weise, gewissermaßen durch zufällige Begegnungen ein Interesse an Deutschland, seinen Menschen, seiner Kultur und möglicherweise seiner Sprache geweckt wird.
Das Goethe-Institut möchte mit seinen Bibliotheken zu ungezwungenen Begegnungen und lockerem Austausch einladen. Ich freue mich, dass dies in Bratislava offensichtlich bereits gelungen ist. Erzählen Sie ruhig weiter, dass es diesen Ort in gibt!

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und weiterhin einen schönen Abend.