Dr. Bruno Gross am 24. August 2015 Dr. Bruno Gross zur Eröffnung des XIII. Kongresses der IVG

Vom 23. bis 31. August 2015 fand in Shanghai an der Tongji Universität der Kongress der Internationalen Vereinigung für Germanistik (IVG) statt. Das diesjährige Thema lautete „Germanistik zwischen Tradition und Innovation“

Es gilt das gesprochene Wort.
 
Sehr geehrte Damen und Herren,
 
Es ist mir eine große Freude und Ehre, heute zu Ihnen sprechen zu dürfen.

Das Goethe-Institut und der IVG Kongress sind der gleiche Jahrgang! Beide wurden im Jahr 1951 gegründet. Damit sind sie eigentlich nicht mehr die Jüngsten, sondern schon fast im Rentenalter. Wer sich jedoch näher mit dem IVG oder dem Goethe-Institut befasst, der wird schnell feststellen: hier gibt es Dynamik, frische Ideen und kontroverse Diskussionen. Insofern bin ich sehr gespannt auf die folgenden Tage.

Mein herzlicher Dank geht an dieser Stelle an das Präsidium des IVG für die Einladung zu dieser wichtigen Veranstaltung sowie an die Tongji Universität für die große Gastfreundschaft.
 
Das Goethe-Institut ist mit 159 Instituten in über 90 Ländern vertreten. Unsere Aufgaben sind die Förderung der Kenntnis deutscher Sprache im Ausland, die Pflege der internationalen kulturellen Zusammenarbeit und die Vermittlung eines aktuellen Deutschlandbildes. Über eine halbe Million Menschen pro Jahr lernen in einem Sprachkurs des Goethe-Instituts Deutsch oder legen eine Prüfung ab.
 
Das ist eine beachtliche Zahl. Noch mehr Menschen lernen Deutsch in der Schule und der Hochschule. Laut der jüngsten Umfrage des Netzwerks Deutsch gibt es gegenwärtig weltweit über 15 Mio. Deutschlerner.
 
Sah es vor fünf Jahren noch so aus, als wenn die Zahl der Deutschlerner mittelfristig zurückgeht, so steigt sie momentan wieder. Die Umfrage hat ergeben, dass in 60% der ausgewerteten Länder die Zahl der Deutschlerner zunimmt. Das trifft insbesondere auf Indien, Brasilien, Ägypten aber auch China zu.
 
Im Wesentlichen wird Deutsch in China an Hochschulen gelernt. In den letzten Jahren ist aber auch der Deutschunterricht an den Schulen stark ausgebaut worden. An den chinesischen Mittelschulen ist Deutsch mit steigender Tendenz die am meisten gelernte europäische Fremdsprache, abgesehen von Englisch. 2012 kündigte das chinesische Erziehungsministerium an, Deutsch als Unterrichtsfach an bis zu 200 Schulen neu einführen zu wollen. Unsere Goethe-Institute in China sind bereit, dieses Vorhaben tatkräftig zu unterstützen.
 
2013 unterzeichnete das Goethe-Institut mit dem Vizeminister des chinesischen Bildungsministeriums ein Memorandum zur Zusammenarbeit im Bildungsbereich. Dies ist eine hervorragende Chance, um insbesondere die Qualifikation von Deutschlehrkräften und den Ausbau von Deutsch als Unterrichtsfach an Mittelschulen weiter zu stärken.
 
Weltweit lernen 13 Millionen Schülerinnen und Schüler an rund 95 000 Schulen Deutsch. Das Goethe-Institut arbeitet mit dem Großteil dieser Schulen zusammen, es berät im Hinblick auf die Curricula, unterstützt beim Aufbau von Multiplikatoren-Netzwerken und bietet Lehrerqualifikation an. Wir sind an den Schulen aber auch durch eine bunte Mischung von Aktionen, mit denen für Deutsch als Fremdsprache geworben wird, präsent. Das können beispielsweise Deutsch-Wettbewerbe, Ausstellungen, Lesungen und Musiktourneen sein. Einige von Ihnen haben sicher schon mal ein Deutschmobil gesehen, das Schulen ansteuert.
 
Eine der wichtigsten Motivation für Schülerinnen und Schüler, das Fach Deutsch in der Schule zu wählen, ist noch immer eine engagierte Lehrkraft, der es gelingt, die Schülerinnen und Schüler für die deutsche Sprache zu begeistern. Unser Ziel ist es, Lehrerinnen und Lehrer darin zu unterstützen, hochwertigen, praxisnahen und lebendigen Deutschunterricht zu geben, der neugierig auf Deutschland und seine Sprache macht!
 
Die Qualifikation von Deutschlehrkräften ist eine Kernaufgabe des Goethe-Instituts. Seit mehr als 60 Jahren setzt das Goethe-Institut Standards in der Vermittlung von Deutsch als Fremdsprache (DaF) und ist weltweit der führende Anbieter von Fortbildungen für Deutschlehrende. Dabei arbeiten wir eng den nationalen Deutschlehrerverbänden, zusammen. Kooperationen bestehen mit Lehrerfortbildungsinstitutionen und Hochschulen in unseren Gastländern, Deutschlehrende nehmen Fortbildungsangebote der Goethe-Institute wahr und tauschen sich auf Deutschlehrertagen aus. Darüber hinaus vergibt das Goethe-Institut jedes Jahr weltweit ca. 2000 Stipendien für Deutschlehrende, die in Deutschland mit Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt ihre Kenntnisse in Methodik und Didaktik auffrischen, Deutschland kennenlernen und teilweise auch ihre Kenntnisse der deutschen Sprache verbessern.
 
Wir bieten jedoch auch verstärkt Online-Fortbildungen an. Dies hilft, gerade in großen Flächenländern wie China die Reichweite unserer Angebote zu erhöhen. Wir reagieren damit auf die Herausforderungen der zunehmenden Digitalisierung unserer Welt, die auch vor den Klassenzimmern nicht Halt macht. Gerade für Lehrer ist es wichtig, die neuen digitalen Möglichkeiten zu kennen, um die Chancen, die sich im Hinblick auf einen interessanten Unterricht bieten, nutzen zu können.
 
Ich freue mich, dass dem Goethe-Institut auf dem diesjährigen Weltkongress des IVG die Ausrichtung einer Sektion zur Sprachdidaktik und Sprachvermittlung übertragen wurde. Dies betrachten wir als Bestätigung unserer Arbeit auf dem Gebiet der Deutschlehrerqualifizierung in den vergangenen Jahren. Unser Dank gilt in diesem Zusammenhang dem Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland, das mit Sondermitteln die Tagungsteilnahme von vielen der Vortragenden in unserer Sektion unterstützt und ein umfangreiches kulturelles Begleitprogramm zum Kongress ermöglicht.
 
Jetzt habe ich viel über Deutsch in der Schule gesprochen. Lassen Sie mich noch kurz auf Deutsch als Wissenschaftssprache eingehen, ein Thema, dass insbesondere im Hinblick auf den deutsch-chinesischen Austausch von großer Wichtigkeit ist. Denn aus keinem anderen Land kommen mehr Studierende an deutsche Hochschulen als aus China.
 
Im vergangenen Jahr hat sich das Goethe-Institut stark mit dem Thema „Deutsch als Wissenschaftssprache“ befasst. Auslöser hierfür war die Beobachtung, dass Deutsch in der akademischen Lehre teilweise vernachlässig wird.
 
Deutsche Hochschulen streben stark nach einer Internationalisierung. Sie möchten so aufgestellt sein dass sie für die besten internationalen Studierenden interessant sind. Im Zuge der Internationalisierung wurde in vielen Fächern vermehrt dazu übergegangen, vornehmlich oder sogar ausschließlich in englischer Sprache zu unterrichten und zu publizieren.
 
Zunehmend werden rein Englischsprachige Studiengänge angeboten. Unbestritten ist Englisch inzwischen die globale lingua franca und damit eine sehr gute Möglichkeit, sich international zu verständigen. Deutschland braucht den internationalen wissenschaftlichen Austausch, den Fachkräftezuzug ebenso wie die Studierenden ausländischer Herkunft.
 
Eine Lehre nur auf Englisch von Nicht-Muttersprachlern birgt jedoch Gefahren: Im Bereich der Wissenschaften fungiert Sprache als ein hochentwickeltes semantisches System, ist Sprache immer auch eine kognitive Technik und ein Instrument der Welterfassung. Jede Sprache erlaubt aufgrund der ihr eigenen Struktur einen jeweils anderen, einzigartigen Zugang zum Forschungsgegenstand und erweitert damit den Reflexionsraum.
Für die Wissenschaft wäre es somit verheerend, wenn sie sich nur in einer Sprache weiterentwickeln könnte und wenn Wissenschaftler und andere kreative Köpfe nicht mehr in ihrer Muttersprache, sondern ausschließlich auf Englisch arbeiten würden. Interessant in diesem Zusammenhang ist das Statement des Automobilunternehmens Porsche: „Ingenieure haben die besten Einfälle, wenn sie sich bei deren Artikulation der Muttersprache bedienen.“
 
Das Beherrschen der deutschen Sprache ist für ausländische Studierende natürlich nicht nur im universitären Kontext wichtig, sondern auch für den Alltag in Deutschland. Sich beim Bäcker, in der Bibliothek, im Sportverein und beim Kneipenbummel sprachlich sicher, selbstbewusst und mit Freude an der Sprache zu bewegen ist Lebensqualität. Und wer nach dem Studium in Deutschland arbeiten möchte, braucht zumeist ebenfalls sehr gut deutsche Sprachkenntnisse.
 
Damit bewegen wir uns in einem Spannungsbogen: für den internationalen wissenschaftlichen Austausch und innerdisziplinären Fachdiskurse ist Englisch wichtig, Deutsch hat in Wissenschaft und Forschung aber auch wichtige Funktionen, sodass es sich lohnt, sich für Deutsch in der akademischen Lehre einzusetzen. Welche Rolle soll die deutsche Sprache in der Wissenschaft künftig spielen? Das ist eine kulturpolitische Grundsatzfrage.
 
Im vergangenen Jahr hat sich das Goethe-Institut zusammen mit Partnern intensiv mit dieser Frage und anderen aktuellen Fragen zur deutschen Sprache auseinandergesetzt. Unter dem Titel „Deutsch 3.0“ haben wir in Zusammenarbeit mit dem Duden, dem Institut für Deutsche Sprache und dem Stifterverband für die deutsche Wissenschaft und weiteren Partnern über die Zukunft der deutschen Sprache debattiert. In über 40 Veranstaltungen an verschiedenen Orten im In- und Ausland konnte der Besucher sehr viel Wissenswertes über die deutsche Sprache erfahren und mitdiskutieren.
 
Nicht nur die Bedeutung von Deutsch als Wissenschaftssprache wurde thematisiert. Auch die Entwicklung von Dialekten und Regiolekten, die Rolle des Deutschen in der Wirtschaft, der Stand der Germanistik im Ausland und vieles Weitere wurde mit führenden Partnern aus Wissenschaft, Bildung, Wirtschaft und Politik diskutiert. Entstanden ist eine vielschichtige Momentaufnahme zur deutschen Sprache, die Sie online einsehen können.
 
Auch in Zukunft werden wir die Diskussion und Reflektion über die Zukunft der deutschen Sprache fortsetzen. Im Dezember wird es eine Veranstaltung dazu geben, wie die deutsche Sprache in der wissenschaftlichen Lehre gestärkt werden kann. Ein sehr aktuelles Thema, über das zurzeit kontrovers diskutiert wird und das sicherlich auch zu dem diesjährigen Schwerpunkt des IVG Kongresses „Germanistik zwischen Tradition und Innovation“ passt.
 
Ich wünsche Ihnen in dem kommenden Tagen viele interessante Begegnungen und Erkenntnisse und einen erfolgreichen Verlauf des Kongresses. Herzlichen Dank!