Dr. Bruno Gross am 15. Januar 2016 Dr. Bruno Gross zur Wiedereröffnung des Goethe-Instituts Belgrad

Nach mehrmonatigen Sanierungs- und Modernisierungsarbeiten feierte das Goethe-Institut Belgrad am 15. Januar seine offizielle Wiedereröffnung.

Es gilt das gesprochene Wort.
 
Dobro veče
Poschtovani minister gospodine Tasovac, (Kultusminister der Republik Serbien),
Sehr geehrter Herr Dittmann, (Botschafter der Bundesrepublik Deutschland),
poschtovane dame i gospodo,
liebe Kolleginnen und Kollegen des Goethe-Instituts,
 
želim vam srećnu novu godinu!
 
Wir haben uns heute hier zur Wiedereröffnung des neuen Gebäudes des Goethe-Instituts Belgrad versammelt. Ein sehr schöner Anlass, den wir gebührend feiern möchten. Erlauben Sie mir aber dennoch einen  kurzen Rückblick. Im vergangenen Jahr waren die Herausforderungen an Europa groß. Ich beziehe mich hier ganz bewusst nicht auf die Europäische Union allein, sondern auf ganz Europa, zu dem selbstverständlich auch Serbien gehört.

Zu den großen Herausforderungen zählen zunehmende rechtsradikale Tendenzen in einigen Ländern Europas sowie teilweise ein Wiederaufblühen fremdenfeindlicher Gesinnung und Gewalt. Es gilt, solchen Tendenzen entscheidend entgegenzutreten und Europa als einen gegenüber anderen Kulturen und Glaubensrichtungen offenen und toleranten Ort zu stärken.
Das Goethe-Institut steht für ein offenes und demokratisches Europa, in dem ein kulturelles Miteinander gelebt wird. Eines unserer Hauptziele lautet demnach: Das Goethe-Institut stärkt den europäischen Integrationsprozess und vermittelt die kulturelle Vielfalt Europas sowie Deutschlands Beitrag dazu.

Die kulturelle Vielfalt stärken ist auch unsere Handlungsmaxime beim  Umgang mit Flüchtlingen - eine weitere große Herausforderung unserer Tage. Das Goethe-Institut hat in den vergangenen Monaten in Syrien und den Nachbarländern Syriens aktiv die Flüchtlingsarbeit unterstützt. Dazu zählen beispielsweise Angebote für Kinder in den Flüchtlingslagern sowie Hilfe bei der Traumaverarbeitung.

Meine Kolleg/-innen und ich stehen für ein offenes Deutschland, das Menschen, die vor Krieg und Zerstörung fliehen, aufnimmt und ihnen ein menschenwürdiges Leben ermöglicht. Ausgehend von dieser Überzeugung unterstützen wir auch Flüchtlinge in Deutschland mit Informationsangeboten sowie Möglichkeiten zum Erlernen der deutschen Sprache.

Diese Aktivitäten sind ein kleiner Ausschnitt unserer Arbeit. Das Goethe-Institut als das weltweit tätige Kulturinstitut der Bundesrepublik Deutschland fördert die Kenntnis der deutschen Sprache im Ausland und pflegt die internationale kulturelle Zusammenarbeit. Wir sind mit über 150 Instituten in mehr als 90 Ländern aktiv. Das Goethe-Institut Belgrad ist Teil dieses weltweiten Netzwerks.

In Belgrad ist das Goethe-Institut sei 1970 vertreten und für den kulturellen Austausch mit Serbien, Montenegro und dem Kosovo zuständig. Seit seiner Gründung hat es sich mehrfach gewandelt und neuen Herausforderungen gestellt. In das Gebäude, in dem wir uns heute versammelt haben, ist es bereits 1983 eingezogen. Zunächst zählten zu seinen Aufgaben die kulturelle Programmarbeit sowie die Informationsarbeit über Deutschland. Seit 2008 bietet das Goethe-Institut Belgrad zudem Sprachkurse und Prüfungen an, die sich wachsender Beliebtheit erfreuen. 2015 lernten rund 2000 Serben am Goethe-Institut Belgrad Deutsch. Die Fortbildungen für serbische Deutschlehrende sind ein weiterer wichtiger Aspekt unserer Spracharbeit. Wir führen kostenlose Fortbildungen für Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer in ganz Serbien durch.

Neben der Spracharbeit ist uns die Bibliotheksarbeit sehr wichtig. Wir sehen in der Literatur eine sehr gute Möglichkeit für den Kulturaustausch und die Vermittlung eines aktuellen Deutschlandbildes. Im Hinblick auf unsere Bibliothek möchten wir natürlich mit der Zeit gehen! Die gerade abgeschlossene Renovierung zeigt, dass eine Bibliothek heute kein staubiger Raum voller Bücher ist, in dem nicht gesprochen werden darf. Im Gegenteil! Unsere Bibliothek ist ein lebendiger Lern- und Begegnungsort, der zum Stöbern und Verweilen einlädt. Es gibt Ecken, in denen man sich zu Gesprächen treffen kann oder auch Rückzugsmöglichkeiten zum Lernen. Es wird sogar Kunst gezeigt. Durch die elektronische Verbuchung bei der Ausleihe von Büchern ist die Bibliothek nun auch viel länger geöffnet und kann auch samstags genutzt werden.

Ich konnte mich heute im Laufe des Tages bereits selbst davon überzeugen, in welch neuem Glanz die Bibliothek das Goethe-Institut Belgrad erstrahlt. Aber nicht nur die Bibliothek, sondern auch der Rest dieses schönen historischen Gebäudes! Es wurden erforderliche Brandschutzmaßnahmen durchgeführt sowie kräftig renoviert. Klassen- und Lehrerzimmer sind neu eingerichtet, Büros und der Veranstaltungssaal sind nun auf dem neusten Stand.

Die Arbeit des Goethe-Instituts genießt in Serbien und seiner Hauptstadt ein hohes Ansehen. Ein großes Interesse deutscher Kulturschaffender an den Traditionen und aktuellen Entwicklungen in Ex-Jugoslawien einerseits, sowie eine Vielzahl von Karrieren serbischer Künstler in deutschsprachigen Ländern andererseits haben stets eine lebhafte Wechselwirkung erzeugt. Der kulturelle Austausch unserer Länder wurde von schmerzhaften Ereignissen in der jüngeren Geschichte überschattet. So sind beispielsweise viele Menschen während des Balkankonflikts nach Deutschland geflohen, unter ihnen auch viele Künstler und Kulturschaffende. 

Serbien befand sich in den letzten Jahrzehnten in einem schwierigen Transformationsprozess, zudem auch die kontinuierliche Annäherung an Europa und die Europäische Union gehört. Erlauben Sie mir hierzu eine kleine persönliche Geschichte: Ich bin in Rumänien geboren und nur wenige Kilometer von der heute serbischen Grenze aufgewachsen. Damals habe ich unser Nachbarland im Vergleich zu Rumänien als sehr fortschrittlich empfunden. Nun ist Rumänien bereits Teil der Europäischen Union und ich hoffe sehr, dass Serbien in naher Zukunft folgen wird. 

Das große Interesse Serbiens an Europa und an Deutschland und damit auch an seiner Sprache und Kultur ist eine Chance für das Goethe-Institut. Es gilt, Schritt zu halten mit den politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen, die Themen, die die Menschen unserer Länder beschäftigen, aufzugreifen und neue Formen der Kommunikation zu nutzen. Kurz: im Kultur- und Bildungsaustausch auf der Höhe der Zeit zu sein.

All das möchte das Goethe-Institut in Belgrad leisten. Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Arbeit in der Zukunft sind gegeben. Zum einen mit dem neu renovierten Gebäude, zum anderen dank Ihnen, den langjährigen Partnern und Freunden des Goethe-Instituts. Viele Menschen sind mit dem Goethe-Institut Belgrad eng verbunden: Nutzerinnen und Nutzer der Bibliothek, Kursteilnehmer und Besucher unserer Kulturveranstaltungen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Künstler und Kulturschaffende, andere Kulturinstitutionen, Schulen und nicht zuletzt die Stadt Belgrad selbst. Ihnen allen gilt mein ganz herzlicher Dank für ihre Unterstützung und ihr Engagement, mit dem Sie das Goethe-Institut zu einem so lebendigen Ort des Austauschs, des gemeinsamen Lernens und des interkulturellen Dialogs machen. Auch dem Kulturministerium sowie der deutschen Botschaft möchte ich an dieser Stelle für ihre stetige Unterstützung  danken.

Wir feiern heute die Wiedereröffnung des alten Gebäudes des Goethe-Instituts. Daneben gibt es aber noch mindestens einen weiteren Grund zum Feiern. Ich darf heute den Beginn der Filmakademie für junge Regisseure verkünden. Jeweils acht ausgewählte junge Filmemacher der Region Südosteuropa werden ein Jahr lang mit Filmfestivals in Belgrad sowie großen internationalen Regisseuren, Drehbuchautoren und Filmfirmen zusammenarbeiten. Die Aktivitäten der Akademie werden Sie über die Sozialen Medien und über Veranstaltungen verfolgen können.

Dieses Projekt steht für die Arbeitsweise des Goethe-Instituts, bei der es vor allem darum geht, über Kunst und Kultur in einen Dialog zu treten. Gerade in den Projekten, in denen junge Menschen aus verschiedenen Ländern über einen längeren Zeitraum zusammenarbeiten, entstehen neue, spannende Ansätze sowie enge Kontakte und Freundschaften zwischen unseren Ländern. Besonders freut es mich, dass die Filmemacher der Akademie aus verschiedenen Ländern der Region Südosteuropa kommen. Sicher gibt es hier viele Unterschiede wie beispielsweise die Sprachen und Traditionen, aber auch viele Gemeinsamkeiten. Der Dialog über diese Unterschiede, die verschiedenen Perspektiven auf die Geschichte Europas und das Auffinden der Gemeinsamkeiten, dem, was uns verbindet, genau das ist es, was Europa ausmacht und was wir durch unsere Arbeit fördern möchten.

Feiern Sie nun mit uns die Wiedereröffnung des Goethe-Instituts Belgrad. Genießen Sie den Abend, schauen Sie sich in Ruhe in unserem Haus um, entdecken Sie Neues und liebgewonnenes Altes.