Jim Rakete und Moritz Rinke bringen Istanbul nach Berlin

Der Fotograf Jim Rakete und der Autor Moritz Rinke haben in einer Ausstellung des Goethe-Instituts Protagonisten der Istanbuler Protest-Generation porträtiert. Die zwanzig Fotografien und einen gemeinsamen Film zeigen sie nun in Berlin. Anlässlich der Eröffnung diskutieren der Künstler Halil Altındere, die Schriftstellerin Müge İplikçi und die Autoren Zafer Şenocak und Murat Uyurkulak über Europa.

Berlin
10. Dezember 2013 bis 13. Juni 2014

Jim Rakete Wenige Tage vor den blutigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Demonstranten auf dem Taksim-Platz haben Moritz Rinke und Jim Rakete mit Filmkamera und Leica junge Leute aus Istanbul befragt: über ihre Stadt, ihr Leben, ihre Familien, ihre Hoffnungen und ihr Verhältnis zu Europa. Nach wenigen Tagen hatten sie ein Puzzle aus Gesichtern und Stimmen beisammen, das wie ein Polaroid eines Generationenbildes den Unruhen am Taksim-Platz vorauslief. Zwanzig Fotografien und einen Film haben Rakete und Rinke zusammengestellt für „Gelecek ve Yüzleşme - Face & Future“, ein vielschichtiges, leidenschaftliches Bild von Istanbul, eine Liebesklärung. Nun stellen sie die Ausstellung, die während ihres Stipendiums an der Kulturakademie Tarabya entstanden ist, in Berlin vor.

Die Türkei und Europa – ein Traum?
Was aus europäischer Sicht zuweilen aussieht wie der Zickzackkurs einer aufstrebenden Nation mit zweistelligen wirtschaftlichen Zuwachsraten, entpuppt sich bei genauerem Hinhören auch als ein vorhersehbarer Konflikt, verstärkt durch eine vergleichsweise junge Demografie und einen unverbrüchlichen Generationenzusammenhalt. Anlässlich der Ausstellungseröffnung sprechen der Künstler Halil Altındere, die Schriftstellerin Müge İplikçi und die Autoren Zafer Şenocak und Murat Uyurkulak über die Träume und Hoffnungen, die mit den EU-Beitrittsverhandlungen der Türkei verbunden sind und über ihren Realitätsgehalt.

Die Podiumsgäste
Halil Altındere ist Multimedia- und Aktionskünstler und Kurator kurdischer Abstammung. Seine humorvoll-konfrontativen Objekte, Video- und Fotoarbeiten waren unter anderem auf der 9. Istanbul Biennale und der documenta 12 in Kassel zu sehen. Müge İplikçi, die in der Türkei und den USA lebt, ist bekannt geworden durch ihre feministischen Kurzgeschichten. Der Schriftsteller und Essayist Zafer Şenocak wuchs in Istanbul und München auf. Seit seinem Debüt 1983 veröffentlichte er 23 Bände mit Lyrik, Prosa und Essays; zuletzt „Der Pavillon“, 2009. Murat Uyurkulaks Romane thematisieren die politische Entwicklung in der Türkei der letzten Jahrzehnte, „Rache“ von 2002 spricht insbesondere vom Schicksal der Kurden in der Türkei.

Die Künstler
Jim Rakete, 1951 in Berlin geboren, fotografierte bereits während der Schulzeit für Tageszeitungen, Magazine und Agenturen. Bekannt wurde Rakete durch seine meist in Schwarz-Weiß gehaltenen Porträtfotografien von Prominenten. Schwerpunkt ist zunächst die Musikszene, später widmet er sich verstärkt der Porträtfotografie in den Bereichen Film, Theater und Politik. Von 1977 bis 1986 leitete er das Kreativlabor Fabrik. Dort entstanden Plattencover für zahlreiche Bands. Parallel managte er Musiker wie die Nina Hagen Band, Spliff, Nena und Die Ärzte. In den 1990er-Jahren pendelte Rakete zwischen Hamburg und Los Angeles, drehte als Director of Photography Musikvideos und Werbespots, bevor er 2001 nach Berlin zurückkehrte.

Wiederholt engagierte er sich mit seiner Arbeit für humanitäre Hilfsprojekte, so etwa für den fairen Handel mit Entwicklungsländern oder für Berliner Straßenkinder und Jugendliche in Not. Die Größen der deutschen und internationalen Musik- und Filmbranche begleitet Jim Rakete fotografisch oft über viele Jahre. 2007 erscheint der Bildband „1/8 sec. Vertraute Fremde“, eine Hommage an die Fotografie mit der Plattenkamera. Seit 2009 fotografiert er den Stand der Dinge.

Moritz Rinke wurde 1967 in Worpswede geboren. Einige seiner preisgekrönten Geschichten und Essays erschienen unter dem Titel „Der Blauwal im Kirschgarten“ sowie „Das große Stolpern“. Für sein Stück „Der Mann, der noch keiner Frau Blöße entdeckte“ wurde er 1997 mit dem Literaturpreis des PEN Club ausgezeichnet und für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert, ebenso wie für Republik Vineta, das zum besten deutschsprachigen Stück 2001 gewählt und 2008 für das Kino verfilmt wurde. Im Sommer 2002 fand in Worms die Uraufführung von „Die Nibelungen“ statt.

Rinkes erste Arbeit für den Film (September), in dem er auch als Schauspieler debütierte, wurde 2003 zu den Internationalen Filmfestspielen in Cannes eingeladen. 2010 erschien sein erster Roman „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“, der auf Anhieb ein Bestseller wurde. Sein neuestes Stück „Wir lieben und wissen nichts“ wurde am Schauspiel Frankfurt uraufgeführt und wird an mehr als dreißig Bühnen gespielt. ZDF/ARTE drehten einen Film mit und über Moritz Rinke.


Termine:

Ausstellung „Gelecek ve Yüzleşme - Face & Future“
10. Dezember 2013 bis 13. Juni 2014
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9:00 Uhr – 17:30 Uhr
(geschlossen vom 21. Dezember 2013 bis 5. Januar 2014)

Ausstellungseröffnung mit Podiumsdiskussion
10. Dezember 2013, 18.00 Uhr

ProjektZentrum Berlin der Stiftung Mercator
Neue Promenade 6
10178 Berlin

Eintritt frei, keine Anmeldung erforderlich