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Egon Gál
„Ich hatte nicht das Gefühl, dass wir in Zeiten der Lüge leben“

Egon Gál im Gespräch
„Die 1960er-Jahre waren auch das Jahrzehnt des Nachdenkens über die Zukunft“: Egon Gál im Gespräch. | Collage (Detail): © privat/TEMPUS CORPORATE

Egon Gál (* 1940) ist ein slowakischer Philosoph. Der studierte Chemiker wechselte 1989 zur Philosophie und lehrte an verschiedenen Fakultäten der Comenius-Universität in Bratislava. Das Interview führte Tereza Reichelova, die in Prag Philosophie und Politologie studiert hat und als Autorin und Projektmanagerin bei Civic Belarus arbeitet.

Reichelova: Erzählen Sie uns von Ihrer Kindheit?

Gál: Ich stamme aus der Gemeinde Partizánska Ľupča in der Mittelslowakei. Dort kam ich im August 1940 als Sohn jüdischer Eltern zur Welt. Als ich vier Jahre alt war, wurden meine Mutter und ich nach Theresienstadt deportiert. Meine Mutter, mein Bruder und ich kehrten später nach Ľupča zurück. Mein Vater starb während eines Todesmarsches. Vor dem Krieg waren wir Landbesitzer und reich – 1948 wurde unser gesamter Besitz beschlagnahmt, also zogen wir nach dem Krieg nach Bratislava.

Reichelova: Fühlten Sie sich „jüdisch“?

Gál: Nein, das war überhaupt kein Thema für mich. Nach unserer Rückkehr aus Theresienstadt waren wir die einzige jüdische Familie in Ľupča. Alle anderen kamen nicht wieder. Ich erzähle Ihnen, wie ich zum ersten Mal mit der Frage meiner Identität konfrontiert wurde: Das war, als ich 50 Jahre alt war. 1989 arbeitete ich in einem Forschungszentrum. Es war ungefähr 1990, als rund 20 Mitarbeiter entlassen werden mussten – einen davon kannte ich sehr gut. Als ich eines Tages zur Arbeit kam, hing da am Schwarzen Brett ein Plakat mit der Aufschrift „Diese Juden sind für meine Entlassung verantwortlich“. Darauf standen sechs, sieben Namen – aber keiner von ihnen war Jude. Also ging ich hin und sagte: „Liebe Kollegen, keine dieser aufgelisteten Personen ist Jude. Ich bin Jude!“ Das war das erste Mal, dass mir die Bedeutung, ein Jude zu sein, bewusst wurde.

Reichelova: Wie erging es Ihnen nach dem Krieg in Bratislava? Es muss schwierig gewesen sein für Ihre Mutter – alleine mit zwei kleinen Kindern.

Gál: Es war dramatisch. Wir hatten ja fast nichts mehr. Ich habe noch einen Schreibtisch, ein Bücherregal und eine riesige Deckenlampe aus dem frühen 20. Jahrhundert. Das sind geschnitzte Möbel, gar nicht stilvoll. Doch diese wenigen Dinge standen einst in unserem Haus in Ľupča. Ich lebte seither immer in Hochhäusern, bei jedem Umzug schleppe ich diese Erinnerung von einer Wohnung zur anderen.

Reichelova: Wie erlebten Sie den Aufstieg der Kommunisten?

Gál: Das war so lange kein großes Thema, bis sie uns unser Eigentum wegnahmen. Ich habe auch diese Phase einfach durchgestanden, ohne groß darüber nachzudenken. Wir haben uns einfach unserem Schicksal gefügt.

Reichelova: Sie gingen in Bratislava zur Schule. Wie machte sich der Wandel dort bemerkbar?

Gál: Ich begann meine Schulzeit an der katholischen Schule „Notre Dame“, wo im ersten Jahr, 1948, noch Nonnen unterrichteten. Schon im Jahr darauf waren sie verschwunden. Nun waren die Lehrer Genossen. Hatten wir gerade noch vor jeder Stunde unser Gebet gesprochen, sangen wir nun kommunistische Lieder.

Reichelova: Entwickelten Sie damals schon Ihre Leidenschaft für die Naturwissenschaften?

Gál: Nein. In der Grundschule wird noch nichts in Stein gemeißelt. In unserem Haus wohnte aber ein sehr netter Mann, ein Professor an einer chemisch-technischen Hochschule. Er brachte mich später auf den Gedanken, Chemie zu studieren.

Die 1960er-Jahre waren auch das Jahrzehnt des Nachdenkens über die Zukunft.

Egon Gál

Ich bewarb mich um einen Studienplatz und bestand die Aufnahmeprüfung. Der Beruf des Chemikers war allerdings nie mein großer Traum gewesen. Trotzdem verdiente ich damit meinen Lebensunterhalt, bis ich 50 Jahre alt war.

Reichelova: Heute lehren Sie Philosophie und Ethik an der Comenius-Universität in Bratislava. Erzählen Sie mir von Ihren Umwegen, die Sie zur Philosophie brachten.

Gál: Das war wirklich ein Zufall. Die 1970er- und 1980er-Jahre waren irgendwie entspannter. Selbst als ich in der Forschung tätig war, hatte ich Zeit, mich intensiv mit philosophischer Literatur zu beschäftigen. Ich traf mich mit Gleichgesinnten, wir lasen uns vor und hielten regelmäßig Vorträge. Es war eine bunt gemischte Gruppe – Techniker, Naturwissenschaftler, Pädagogikstudenten, einige von der mathematischen Fakultät, religiöse Menschen und Atheisten. Ziemlich vielfältig.

Reichelova: Manche Bücher waren zu der Zeit verboten. War es denn möglich, an philosophische Klassiker heranzukommen?

Gál: Die Klassiker waren gar nicht verboten. In der Slowakei wurde sogar ein Band mit dem Titel „Philosophische Fragen“ veröffentlicht. Er erschien im Pravda Verlag (pravda, slowakisch: Wahrheit). Sie publizierten nicht nur die Klassiker, sondern auch eine Reihe mit dem Titel „Zeitgenössische bürgerliche Philosophie“ mit Werken von Ludwig Wittgenstein, Michel Foucault, Max Weber und anderen. Die einzige Bedingung war: Das Vorwort musste „angemessen“ sein.

Reichelova: Wie erlebten Sie das Jahr 1968, das ja auch das Ende des Prager Frühlings bedeutete?

Gál: Damals träumte ich bereits von einem Wechsel in die Philosophie. Ich war noch keine 30 Jahre alt und wollte meinen Lebensunterhalt mit dem verdienen, wofür ich eine Leidenschaft hatte. Die 1960er-Jahre waren auch das Jahrzehnt des Nachdenkens über die Zukunft. Zum ersten Mal in unserem Leben hatten wir ein Gefühl von Freiheit. Wir verwirklichten uns in alternativen Gruppen. Einige meiner Freunde wurden Künstler, organisierten Ausstellungen. Wir kämpften zwar nicht gegen das Regime, aber wir führten unsere Leben in einer Art und Weise, dass die Auswirkungen der politischen Situation auf uns selbst so gering wie möglich waren.

Über einen politischen Kontext jener Zeit dachte ich zum ersten Mal im Zusammenhang mit der Bürgerrechtsbewegung Charta 77 und den Schriften von Václav Havel nach. Da wurden mir zwei Dinge klar. Erstens schämte ich mich dafür, dass ich an den allgegenwärtigen Parolen vorbeiging und den sozialistischen Kontext ignorierte. Zweitens fühlte ich mich irgendwie angegriffen. Wissen Sie, ich hatte damals nicht das Gefühl, dass wir in Zeiten der Lüge leben. Ich empfand unser Leben als durchaus sinnvoll. Ja, wir ignorierten die Bewegung und haben uns doch auf unsere Weise weiterentwickelt.

Der Westen, wie wir ihn uns vorgestellt hatten, war ganz anders.

Egon Gál

Reichelova: 1989 fiel der Eiserne Vorhang, vier Jahre später zerriss die damalige Tschechoslowakei. Wie haben Sie das erlebt?

Gál: Der Anfang der 1990er-Jahre verlief für uns wie im Traum. Wir dachten, wir wären endlich Teil des Westens geworden. Aber der Westen, wie wir ihn uns vorgestellt hatten, war ganz anders als der, dem wir nun angehörten.

Reichelova: Inwiefern?

Gál: Einerseits gab es Identitätspolitiken, andererseits prägten enorme Ungleichheiten, neoliberale Ideologien und vieles mehr die Gesellschaft. Wir haben das alles mechanisch vom Westen übernommen. Wir waren betrunken von der Freiheit, trotz der sozialen Ungleichheit und des Aufkeimens nationalistischer Strömungen. Was mich am meisten deprimierte: Plötzlich sah man auf den Straßen Obdachlose, plötzlich hörte man von all diesen armen Regionen rund um die Slowakei. Und dann der besagte Nationalismus: Ethnisch definierte Parteien entstanden – ich war schockiert und machte mir große Sorgen.

Alte Kindheitserinnerungen kamen wieder hoch, Zeiten, in denen ich „der Andere“ war und nicht dazugehörte. Ich war zu Hause und doch in der Fremde. Wahrscheinlich kennen Sie die Erfahrung eines Lebens in der Diaspora nicht – ich kann Ihnen sagen, Sie spüren den Unterschied, auch wenn Sie ihn explizit gar nicht beschreiben können.

Reichelova: In den 1990er-Jahren strebte die Tschechische Republik in die Europäische Union. Ich nehme an, in der Slowakei war es genauso, oder?

Gál: Ja, nur hatten wir damals das Pech, dass Vladimír Mečiar Premierminister wurde. Sein Politikstil war rau und ruppig, wodurch unsere Aussichten auf einen EU-Beitritt immer kleiner wurden. Doch dann kam Mikuláš Dzurinda – die Integration ging bald voran, und wir bekamen den Euro.

Die meisten Slowak*innen sind heute pro-europäisch eingestellt. Natürlich gibt es auch hier eine starke nationalistische Partei, die etwa 15 Prozent der Wählerstimmen erreicht. Aber Soziolog*innen behaupten ja, das sei eine normale Konstante. Demnach gibt es in jeder Gesellschaft immer rund 15 Prozent Menschen, die auf die eine oder andere Art Extremisten sind.

Reichelova: Befürchten Sie, dass es in Europa wieder Krieg gibt?

Gál: Tatsächlich ist unentschieden, ob die Zukunft von Desintegration oder Integration, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit oder Integration und pro-europäischer Politik geprägt sein wird. Noch vor ein, zwei Jahren hätte ich die Gefahr für bewaffnete Konflikte in Europa als hoch eingeschätzt. Heute bin ich optimistischer.

Reichelova: Wie sehen Sie die zukünftigen Entwicklungen?

Gál: Wirft man einen Blick auf das Europa der letzten 200 Jahre, sieht man eine Erfolgsgeschichte. Europäer*innen sind gesünder, reicher und leben länger als Menschen in den meisten Teilen der Welt. Es gibt weniger Gewalt – und trotz alledem leben wir mit dem Gefühl der permanenten Krise. Das ist schon eigenartig, und man fragt sich, woher das kommt.

Tatsächlich wächst im heutigen Europa die Ungleichheit. Das ist das eine. Doch wir müssen auch noch etwas ganz Grundlegendes betrachten: die menschliche Natur. Die ersten Moralvorstellungen entstanden vor langer Zeit in kleinen Gemeinschaften von vielleicht 150 Mitgliedern. Im Lauf der Menschheitsgeschichte wurden diese Gemeinschaften immer größer. Die Frage nach den Ursachen für diese Erweiterung der Gemeinschaften ist meiner Meinung nach eine zentrale. Religiöse Erzählungen spielen dabei eine wichtige Rolle. Und Emotionen, die den Kern bilden, um den sich die menschliche Moral bildet.

Wirft man einen Blick auf das Europa der letzten 200 Jahre, sieht man eine Erfolgsgeschichte.

Egon Gál

Die größte Gemeinschaft, die emotional empfunden wird, ist die Nation. Geht es darüber hinaus, geht es stets um rationale Entscheidungen und nicht um Solidarität und moralische Werte. Die Frage ist nun, ob es ein europäisches Narrativ geben kann, mit dem wir uns identifizieren können: das Gefühl, dass es viele „Europas“ auf der Welt gibt, dass es Probleme gibt, die über alle Staatsgrenzen hinweg gelöst werden müssen. Dabei geht es um ökologische Probleme, soziale Netzwerke und die Erkenntnis, dass das Kapital keine Grenzen kennt. Diese Sichtweisen müssen sich durchsetzen.

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