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Ressourcen schonen
Keine Spuren hinterlassen

Kleine, kegelförmige Hütte im Schnee
Eine verschneite „Goathi“, in der früher Fleisch und Fisch geräuchert wurde. | Foto (Ausschnitt): © Susanne Hætta

Nicht mehr zu ernten als das, was man benötigt – das ist das Grundverständnis der Sámi. Wie passt das zusammen mit einer kapitalistischen Gesellschaft, in der die Natur immer weiter ausgebeutet wird? Susanne Hætta schreibt über die Bedrohung der Indigenen durch den Klimawandel.

Von Susanne Hætta

In der Gegend, aus der mein Vater stammt, nur wenige Meter von der Hütte meiner Familie entfernt, liegt ein überwucherter Torfhaufen am Waldrand, von dem nur noch Baumstämme zu erkennen sind. Heute ist er fast immer mit Gras und Blumen bewachsen, früher wurde er als kleine „Goahti” genutzt, eine der kegelförmigen Torfhütten der Sámi, in der mein Vater damals Fisch oder Rentierfleisch räucherte. Als Kind spielte ich manchmal in der Goathi und konnte erst viele Jahre später verstehen, warum man sie nicht mehr benutzte und so verfallen ließ.

Die Sámi sind die Indigene Bevölkerung der arktischen Regionen Norwegens, Schwedens, Finnlands und Russlands. Ich selbst bin eine Sámi und lebe in der nördlichsten Region des norwegischen Teils von „Sápmi“, wie wir unser Land nennen. Auch wenn wir sehr moderne Menschen sind, haben wir doch eine gemeinsame Kultur und nutzen die verschiedenen natürlichen Ressourcen vielfach auf traditionelle Weise. Auch als Sámi, die ihren Lebensunterhalt nicht mit der Natur verdient, ernte ich, gehe fischen und spüre das Gewicht des Erbes meiner Vorfahren, jedoch nicht als Bürde, sondern als eine Verantwortung, die ich mit Stolz übernehme. 

Nahezu unüberwindlich scheinen die enormen Ungleichheiten in Mentalität und Verständnis von Realität zwischen einem kolonialen Kapitalismus und einer nachhaltigen und umsichtigen Nutzung der natürlichen Ressourcen. Letztere beinhaltet eine größere Verpflichtung gegenüber der Tradition, der Familie und dem eigenen Lebensraum. Um dies zu erreichen, bedarf es Respekt und Dankbarkeit gegenüber den Schätzen der Natur. Wir richten uns nach einem natürlichen Kreislauf, saisonal abhängig und nachhaltig. Die Frau, die Rentierflechten erntet, damit sie für die Rentierherde etwas zusätzliches Futter hat, weiß, dass sie im nächsten Jahr nicht an derselben Stelle pflücken darf. Jahr für Jahr stets in einer für die Natur verträglichen Menge. Die Vegetation braucht Ruhe, erst wenn sie sich erholt hat, kommt sie an diesen Ort zurück. Ein See wird von den örtlichen Bewohner*innen nie leergefischt, es wird nur so viel geangelt, wie die Menschen jährlich benötigen. Nicht jeder und jede lebt danach, doch die Indigene Bevölkerung verfügt als Gemeinschaft über dieses Wissen. Es liegt selten mehr als eine Generation zurück und kann wiederentdeckt und neu belebt werden.

DIE NATUR WIRD FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR VERKAUFT

Es könnte daher so einfach sein, danach zu leben, scheint aber fast unmöglich für die Menschen, die zu den Orten und ihrer darin verankerten kulturellen Mentalität keinen Bezug mehr haben. Denn der Kapitalismus wird von Menschen gefördert, so merkwürdig es manchmal erscheinen mag, wenn große Maschinen sich ihren Weg durch Landschaften bahnen, die nicht ihre eigenen sind, um Ressourcen, meilenweit entfernt von ihrer eigenen Heimat entfernt, zu gewinnen.  

Aber sind wir Indigene Völker nicht auch ein Teil des Problems? Vielleicht sollten Sámi keine Scampi aus vietnamesischen Zuchtfarmen essen, Japaner*innen sollten keine Königskrabben aus Norwegen verspeisen und Amerikaner*innen keinen schottischen Zuchtlachs. In der Klimakrise, in der wir zweifellos schon seit langem sind, ist es ein Paradoxon, dass wir unseren Blick wieder auf das Lokale wenden müssen, um sowohl die Verpflichtungen nachhaltigen Wirtschaftens zu erfüllen, als auch, um die Emissionen aus den weltumspannenden Lieferketten zu verringern. 

Das samische Grundverständnis von der Natur haben wir mit vielen anderen Indigenen Völkern gemein: Es soll nichts hinterlassen werden, was nicht auf natürlichem Weg wieder verschwindet, es soll nur so viel geerntet werden, wie man benötigt. Wir pflegen starke Familienbande und fühlen uns der Familie und unserer engeren, lokalen Gemeinschaft verpflichtet, was sich unter anderem in der Organisation unserer Gesellschaft, in unseren Geschichten und Mythen widerspiegelt. 

Leider hören uns die breitere Gesellschaft, Gesetzgeber*innen und nationale Politiker*innen nur selten zu. Deshalb sind die Naturschutzorganisationen ein starker Verbündeter gegen die ständigen Eingriffe in samische Lebensbereiche geworden. Die Konsequenzen einer ökologischen, nachhaltigeren Naturbewirtschaftung werden unumgänglich global zu weniger Arbeitsplätzen führen, aber auch zu weniger Transport und dadurch bedingt zu niedrigeren Emissionen. Nicht zuletzt ebenso zu geringerem Profit für die Unternehmer*innen, die sich oft nicht einmal im selben Land oder auf demselben Kontinent befinden, wie die Natur, derer sie sich bedienen – sei es durch Windkraft oder Bodenschätze im Bergbau.
Die Politiker*innen weigern sich, unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen, die den Indigenen Völkern das Recht einräumen würden, über ihre Lebensräume und Ressourcen selbst zu entscheiden. Allerdings muss die Ausbeutung der Natur durch internationale Konzerne gestoppt werden, die einzig auf größtmöglichen Profit aus sind. Die Natur wird derzeit für eine Handvoll Dollar oder für das Versprechen von ein paar Arbeitsplätzen verkauft.  

Der Erinnerung nachhelfen

Das Wort „Entwicklung” scheint im Kapitalismus eine geradezu religiöse Bedeutung bekommen zu haben; es steht für die heilige Kuh, die nicht berührt oder geschlachtet werden darf. Das große Problem ist nur, dass „Entwicklung” nicht für alle dasselbe bedeutet. So können die Kräfte des Kapitals rücksichtslos die Natur ausbeuten und die Urbevölkerung überrollen, denn es ist tabu, an der „Entwicklung” zu rütteln: ein sich immer weiter hineinfressender Bagger mit bodenlosem Appetit, aber ohne Augen. Will kein*e Politiker*in die Verantwortung übernehmen, um diese Entwicklung aufzuhalten? 

Liegt es allein an den Unternehmen, die nach rein kapitalistischen und auch kolonialen Prinzipien agieren, Verantwortung für die Lebensräume, die Natur und die Ressourcen der Indigenen Völker zu übernehmen, dann steuern wir unserem Untergang entgegen. Das geschieht ja bereits. Die nationalen Politiker*innen in den einzelnen Ländern haben nicht die Möglichkeiten, sich den Konzernen wirksam entgegenzustellen. Deshalb ist es unbedingt notwendig, international zusammen zu arbeiten. Eine Renaissance für die Wertschätzung der Indigenen Völker und einer nachhaltigen Nutzung der Natur muss folgen. 

Während ich dies schreibe, ist es Hochsommer im nördlichen Sápmi. Die Mücken schwirren, die Fische springen und wir warten gespannt auf die diesjährige Ernte unseres Goldes, der Moltebeeren. Das bringt mich zurück zu der Goathi, die neben der Hütte errichtet wurde, die heute unser Ferienhaus ist, in der Gegend, aus der die Familie meines Vaters stammt und die dort heute noch lebt. Die Goathi ist noch mehr überwuchert, als ich es von meinem letzten Besuch in Erinnerung habe. Bald wird sie im Waldrand verschwinden und nur wir wissen dann, dass sie einmal hier gestanden hat. Es ist ein guter Gedanke. 

Deshalb fotografiere ich. Um zu wissen, der Erinnerung nachzuhelfen, damit es auch meine Kinder und Enkelkinder noch wissen, sie sich daran erinnern und hoffentlich in dieser Welt mit Respekt bewegen, sodass die Natur gebraucht, aber nicht aufgebraucht wird. Dass Du Dir nicht mehr davon nimmst, als Du brauchst. Dass Du keine Spuren hinterlassen sollst, die die Natur nicht mehr verwischen kann. 

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