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Klimawandel in Jakutien
„Die Natur vertraut uns nicht mehr“

Rentiere auf einer Farm im Aldansky Distrikt, Jakutien.
Die Nahrungssuche wird schwieriger: Rentiere auf einer Farm im Aldansky Distrikt, Jakutien. | Foto (Ausschnitt): © picture alliance / Artyom Geodakyan/TASS/dpa | Artyom Geodakyan

Die Seen frieren später zu, weniger Fisch wird gefangen und Eisstraßen schmelzen: In Jakutien ist der Klimawandel schon lange kein theoretisches Konzept mehr. Unser Autor Wjatscheslaw Schadrin über das schwindende Verhältnis der Menschen zur Natur.

Von Wjatscheslaw Iwanowitsch Schadrin

Viele reden über Klimaveränderungen und die meisten sehen dabei ausschließlich auf den Temperaturanstieg. Auch wenn im Gebiet der Kolyma-Mündung die größten Veränderungen festgestellt wurden – statistisch gesehen ist die Temperatur hier in den letzten 20 Jahren insgesamt um 5,8 Grad gestiegen –, für die hier lebenden Indigenen Völker ist nicht nur das Klima bedeutend. 

Das Wichtigste, was die traditionelle Lebensweise der Völker des Nordens beeinflusst, ist das Wetter. Denn das Wetter bestimmt, wo die Rentiere weiden und wo das Nomadenlager aufgeschlagen werden muss, wann und wohin die Tiere, Vögel und Fische weiterziehen und wie sie sich verhalten. Im Laufe der Jahrhunderte haben die Völker des Nordens traditionelles Wissen angesammelt, das es ihnen ermöglicht hat, unter extremen Bedingungen zu überleben. Der schnelle Klimawandel in den letzten Jahren, der durch andere derzeitige Transformationen noch verstärkt wird, bereitet den Indigenen Völkern jedoch ernsthafte Probleme. Sie sind noch nicht in der Lage, das Ausmaß der Geschehnisse richtig einzuschätzen und können sich nicht schnell genug an die neuen Bedingungen anpassen.  

Im Norden wenden die Menschen bis heute traditionelle Methoden zur Beobachtung und Vorhersage des aktuellen, saisonalen und langfristigen Wetters an: Seit Jahrhunderten gehört die Beobachtung der Sterne, des Mondes, der Sonne und des Himmels dazu sowie ihre Kenntnisse über Schnee und Wind. Das Verhalten der Tiere und der Zustand der Pflanzen, aber auch die eigenen Befindlichkeiten sind eine ganz eigene Sprache, die es zu verstehen gilt. Eine besondere Rolle spielen spirituelle Praktiken, einschließlich Träume, Visionen und Vorhersagen von Schaman*innen. Doch das traditionelle Wissen über das Wetter ändert sich und seit Kurzem stimmen die Vorhersagen nicht mehr. Die Ältesten sagen, dass es fast unmöglich geworden ist, auf lange Sicht diese Vorhersagen zu treffen. Einer von ihnen erklärte: „Die Natur vertraut uns nicht mehr“. Von den Wettervorhersagen jedoch, hängt die Beständigkeit der Rentierzucht, der Erfolg der Jagd und des Fischfangs ab. Heutzutage stellt das eine extreme Herausforderung dar. 

Veränderungen in Gewässern am auffälligsten 

Vor allem die zunehmenden Klima- und Naturanomalien (stärkere Niederschläge, Überschwemmungen, Dürren und Brände, Orkane und plötzliche Stürme) und Wetterumschwünge (Temperaturanstieg und Regenfälle im Winter, Schneefälle und Schneestürme im Sommer) bereiten den Gemeinschaften besondere Sorge. All das beeinflusst die genannten traditionellen Wirtschaftszweige: Rentierzucht, Jagd und Fischfang. So gab es zwischen 2010 und 2019 im Kolyma-Becken sieben sehr schneereiche Jahre, sodass Weideplätze sehr schwer zu finden waren. Diese zunehmenden Bedrohungen für die Indigenen Völker sind die größte Herausforderung für die Stabilität der Region. Nach unserer Vorstellung ist die Natur rational und für alles gibt es eine Erklärung. Unsere Ältesten sagen: „Anscheinend rächt sich die Natur an uns (an den Menschen). Wir gehen zu grausam mit ihr um“. 

Fast alle bemerken die Veränderungen in ihrer Umwelt. Ein Rentierzüchter erzählt: „Wir sehen nach dem Wetter und bemerken die Veränderungen: Seen treten über ihre Ufer, kleine Flüsse werden zu großen, auf den Weideplätzen finde ich mir unbekannte Pflanzen, in der Tundra vermehren sich die Zwergweidenbüsche. Wir benutzen sie als Brennholz. Als ich ein Kind war, mussten wir sie lange suchen, heute gibt es viele. In den Flüssen findet man jetzt neue Fischarten. Früher zogen wir mit den Rentieren langsam Richtung Norden zum Meer. Jetzt müssen wir uns wegen der Mücken, die unsere Rentiere plagen, beeilen. Zudem sehen wir stetig neue Strömungen und sehr wenig Eis im Meer. Wegen ständiger Wetterschwankungen ist es sehr schwierig, die Rentiere mit ausreichend Futter zu versorgen und Seen und Quellen für Trinkwasser zu finden". Bereits jetzt sind die Rentierweideflächen der Tundra an der unteren Kolyma um 30% geschrumpft, da spezielle Buscharten die nahrhafte Rentierflechte großflächig verdrängen.  

Besonders auffallend ist die Veränderung der Flüsse und Seen. Wann das Eis zu treiben beginnt und die Zeit, in der die Flüsse zufrieren hat sich entscheidend verschoben. In unserer Region gibt es mehr Überschwemmungen, die Flüsse führen mehr Wasser, sodass die Ufer stärker unterspült werden. Aber die Ursache ist weniger die Strömung, sondern vielmehr der auftauende Permafrostboden. Und das ist eine große Gefahr, da fast alle unsere Dörfer an Flussufern liegen.  

In den letzten Jahren warnen die Einheimischen auch vor einem anderen Problem: Vieh, das an Milzbrand verendet und begraben worden ist, sowie alte Friedhöfe, mit Gräbern von Pest- und Pockentoten könnten freigespült werden. Früher war diese Bedrohung hypothetisch, jetzt ist sie real. Wissenschaftler*innen vermutem, Mikroorganismen von vor 20.000 bis 30.000 Jahren könnten aus einem Kälteschlaf erwachen –im Labor gibt es dafür bereits Beispiele. Das wäre eine potentielle Gefahr für die ganze Menschheit, da diese Mikroorganismen dann von Zugvögeln in der ganzen Welt verbreitet werden und verschiedene Mutationen ausbilden könnten. 

Die Ältesten an der Unteren Kolyma sagen, die Erde sinke ein, weil sie wesentlich feuchter geworden sei. Manche Seen verschwinden, weil der auftauende Permafrostboden so durchlässig wird, dass sie schlichtweg in die Flüsse auslaufen. Damit verlieren viele Menschen ihre Fischfangorte. 

„Straßen des Lebens“ bedroht

Immer häufiger beklagen die Fischer*innen, der Fisch sei verschwunden. Sie werfen Netze an denselben Stellen und zur selben Zeit wie früher aus, fangen aber nichts. Wissenschaftler*innen erklären, die Fische meiden die flacheren Bereiche wegen der starken Wassererwärmung und weichen in die Tiefe aus. Die Fischwanderungen haben sich auch verändert. Während ich diesen Artikel schreibe, bekomme ich einen Anruf aus meinem Heimatdorf Nelemnoje, das an einem Nebenfluss der Kolyma liegt. Meine Landsleute sind überrascht, dass der Fluss noch nicht zugefroren ist. Je später der Fluss zufriert, desto weniger Fische werden gefangen. Üblicherweise nutzen wir diese Zeit zum Eisangeln und zur Zubereitung von Stroganina – eines unserer klassischen Gerichte. Gegen Mitte November gibt es schon keinen Fisch mehr, darum sind die Menschen gezwungen, unter Einsatz ihres Lebens, auf das dünne Eis zu gehen. Und auch das sind Herausforderungen des Klimawandels. 

Der auftauende Permafrostboden schadet außerdem der Infrastruktur: Flugplätze werden lahmgelegt, Häuser beginnen zu verfallen, da die Pfahlfundamente stark auftauen, der Verschleiß der Versorgungsnetze, Fernübertragungs- und Kommunikationsleitungen nimmt rasant zu. Die kürzliche Umweltkatastrophe, das Auslaufen von 20.000 Tonnen Dieseltreibstoff auf der Halbinsel Taimyr, hat das Ausmaß dieser Bedrohung für die ganze Arktis gezeigt.    

Die örtliche Bevölkerung macht sich Sorgen wegen der Zerstörung der Saisonstraßen im Norden, lediglich im Winter gibt es stabile Eisstraßen. Zurzeit „wackeln“ diese allerdings wegen des auftauenden Permafrostbodens. Die Eisstraßen werden ein oder zwei Monate später eröffnet und einen früher geschlossen. Da das Eis auf den Seen und Flüssen im Herbst lange dünn bleibt und im Frühling der Schnee schon Ende März zu schmelzen beginnt, sind die Eisstraßen nur zwei bis drei Monate statt der üblichen fünf bis sechs Monate nutzbar. Das wirkt stark auf das Leben der Einheimischen. Alles was sie brauchen, und zwar die Kohle für die Heizkraftwerke, Dieselöl für die Kraftwerke, Treibstoff für Fahrzeuge und vor allem Lebensmittel, wird auf diesen „Straßen des Lebens“ angeliefert.  

Die Menschen machen sich nun Sorgen, dass die Industrie weiter in ihre Territorien vordringt. Wegen des auftauenden Permafrostbodens könnten die Bodenschätze leichter gefördert werden. Das macht die Böden unbrauchbar für die traditionelle Landwirtschaft der Indigenen. Das passiert nicht nur direkt, sondern auch indirekt: Moderne Infrastrukturprojekte wie Straßen, Stromleitungen, Lärm wirkt sich ebenso auf die örtliche Tierwelt aus. Hinzu kommt die fortschreitende Umweltverschmutzung.

Diese Aspekte halten viele Vertreter*innen der Indigenen für die wichtigsten Herausforderungen des Klimawandels. Einer der Ältesten im Norden sagte einmal: „Wir haben hier jahrtausendelang gelebt, vieles hat sich geändert, doch unsere Vorfahren fanden sich immer zurecht. Doch ohne unser Land werden wir nicht überleben können“. 

Deshalb ist der Klimawandel aus der Sicht unserer Völker keine theoretische Überlegung über die ferne Zukunft, sondern schon heute eine reale Bedrohung unserer Existenz. 

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