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Renaturierung
Indigenes Wissen für Umweltschutz

Klimawandel – Snowchange und das Landschafts-Rewilding-Programm haben sich zusammengetan, um Kivisuo, einen Hotspot der Artenvielfalt in Finnland, zu sichern.
Snowchange und das Landschafts-Rewilding-Programm haben sich zusammengetan, um Kivisuo, einen Hotspot der Artenvielfalt in Finnland, zu sichern. | Foto (Ausschnitt): Mika Honkalinna © Snowchange

Das Klima und die Ökologie unseres Planeten werden immer mehr zerstört. Es ist das Ergebnis der globalen Plünderung und des Missbrauchs von Ressourcen über Jahrzehnte und Jahrhunderte, die die Menschheit in ihre heutige Krise geführt haben, wie viele Wissenschaftler nachgewiesen haben. Auch wenn wir heutzutage in einer großen, umfassenden Gesellschaft leben, die eine gemeinsame Vorgehensweise beim Ressourcenmanagement und beim Umweltschutz ermöglicht, ist die Umsetzung nicht einfach. Wir müssen uns auch mit Gerechtigkeitsfragen und dem sogenannten „Grünen Kolonialismus” befassen, um eine neue tragfähige Lösung zu finden.
 

Von Tero Mustonen

Der Schutz von Pandas, Eisbären und dem Regenwald – in den Köpfen vieler Menschen stehen diese Ikonen des Naturschutzes sinnbildlich für die Lösung der Umweltzerstörung. Doch nicht jeder weiß, dass hinter den Praktiken und Themen des Naturschutzes eine sehr koloniale Geschichte steckt.
 
Yellowstone, der älteste „Nationalpark“ in den USA, wurde im 19. Jahrhundert eingerichtet, um die „ursprüngliche und unberührte“ Natur zu schützen, während die industrielle Revolution im Westen Amerikas wütete. Assiniboine, Blackfeet, Crow und Sioux sowie andere Indigene Völker haben das Areal von Yellowstone Jahrhunderte vor seiner Gründung zuvor besessen und genutzt, doch beim Anlegen des Parks wurden sie mit Gewalt vertrieben.
 
Ähnlich erging es den Indigenen Maasai, die traditionell in der Serengeti lebten, dem weltbekannten Naturschutzgebiet in Tansania, bevor die britische Kolonialverwaltung sie dort auswies und einen Park anlegte. Im September 2020 wurde der Zulu-Fischer Celimpilo Mdluli im iSimangaliso-Welterbe-Park im südafrikanischen KwaZulu-Natal erschossen, weil er angeblich wilderte. Doch seine Gemeinschaft der Nibela ist eigentlich der traditionelle Eigentümer des Areals und hat das Recht, dort zu jagen und zu fischen.
 
Wenn wir uns mit der Krise unseres Planeten befassen, müssen wir so komplexe Probleme, für die es keine Richtlinie oder bekannte Präzedenzfälle gibt, auf neue Weisen lösen, um die Fragen der Gerechtigkeit in der Vergangenheit, und aktuell – wie in Mdulis Fall – auch im Naturschutz, anzugehen.
 
Die finnische Kooperative Snowchange ist ein Netzwerk bestehend aus traditionellen Indigenen Gemeinschaften in der borealen Zone und in der Arktis. Bereits 2018 haben wir zusammen mit der Europäischen Investitionsbank und Rewilding Europe aus den Niederlanden das Landschafts-Rewilding-Programm gegründet. Es bietet eine ehrgeizige und weitreichende Lösung für diese Probleme.
 
In diesem Programm basiert unsere Vorgehensweise auf dem Verständnis, dass wir drei Hauptprobleme angehen müssen, um die notwendige Veränderung in unseren Augen zu gewährleisten: Erstens müssen Umweltschutz und Renaturierung unterschiedlich erfolgen. Daher verbindet Snowchange in unseren Maßnahmen beim Rewilding der Landschaft Indigenes und traditionelles Wissen mit wissenschaftlichen Ansätzen, zum Beispiel bei der Erstellung ökologischer Basisinformationen, der Überwachung von Daten und vor allen Dingen, indem wir die in den Gemeinschaften vorhandene Weisheit mit einbeziehen. Wir setzen diese Rechte durch gemeinsame Forschung und die Erstellung von Ranger-Programmen und kooperative Aktionen um.

Zweitens kann Renaturierung den Schutz unberührter Kerngebiete nicht ersetzen, sofern diese noch existieren. Wir müssen Lösungen finden, wie die zentralen und biodiversen Schutzgebiete durch beispielsweise Kohlenstoffsenken gesichert werden können, indem wir auf das Wissen und die traditionelle Führung der Indigenen Gemeinschaften bauen.

Abschließend ist wichtig festzustellen: Mehr Land wird nicht geschaffen. Deshalb müssen Schutzzonen für Biodiversität und CO2-Lösungen durch das, was wir „Rewilding“ nennen, entstehen. Es handelt sich dabei um Maßnahmen in Landschaften, in denen zerstörte Lebensräume durch traditionelles Wissen und Wissenschaft wieder zu neuem Leben erweckt werden konnten. Einige der ersten Ergebnisse an unseren Standorten sind dabei erstaunlich, während die Gemeinschaften diesen Prozess lenken müssen. In Linnunsuo (Sumpfgebiet der Vögel) gibt es beispielsweise wieder mehr als 195 Vogelarten und einen Pfad zu einer Kohlenstoffsenke, die jährlich mehr als 900.000 Kilogramm CO2-Freisetzung verhindert.

Indigenes Wissen als kostbare Ressource

In Finnland begrüßen wir landesweit die Rolle des traditionellen Wissens aus den Dörfern, um zu verstehen, wie und warum Dinge sich verändert haben.
 
Wir verbinden dies mit wissenschaftlicher Expertise und Maßnahmen vor Ort, um ein neues Verständnis aller Aspekte vergangener Schäden und früherer ökologischer Grundlagen zu erhalten, bevor wir uns schließlich um das bestmögliche Ergebnis bei der Renaturierung bemühen.
 
Wir können nicht so tun, als wären „Rewilding”-Gebiete seit der Eiszeit unberührte Lebensräume. Dennoch scheint es eine messbare Zahl von Maßnahmen zu geben, die die negativen Auswirkungen des Klimawandels auf die biologische Vielfalt mildern können.
 
Wie schon erwähnt, konnten wir nach der Renaturierung im ostfinnischen Linnunsuo die Freilassung von jährlich 900.000 Kilogramm Kohlendioxid-Emissionen in die Atmosphäre verhindern. In dem einstigen Vogel-Sumpfgebiet gab es vor dem „Rewilding” noch zwei bis drei Vogelarten in dem Moorgebiet, heute leben dort wieder fast 200 Vogelarten. Die Überwachung und die Koordination dieser Maßnahmen erfordern auch traditionelles Wissen, um die Anzahl der Vögel und Vogelarten sowie anderer Lebensformen zu bestimmen, die in diese Gebiete zurückkehren.
 
Am Vainosjoki, einem Fluss der Skolt-Sámi, hat eine Reihe von Teams unter Leitung der samischen Koordinatorin Pauliina Feodoroff den arktischen Fluss renaturiert, der nun Forellen und Äschen ein neues Zuhause bietet. Die Arbeit begann 2013, als die Sámi die wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen von Snowchange darüber informierten, dass der gesamte Flusslauf in den Jahren 1969-1972 von staatlicher Seite aus verändert wurde. Die angegebenen Gründe für die damalige Umgestaltung sind unterschiedlich: von einer „neuen Schiffsroute“ bis zu einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme in Dörfern mit hoher Arbeitslosigkeit.

Mensch und Natur: Teile desselben Systems

Dennoch gingen dabei die einstige Gewässerkunde und die Laichgebiete der Lachsfische, inklusive der Äschen und Forellen, vor 50 Jahren verloren. Zwischen 2013 und 2017 rekonstruierten Wissenschaftler und ältere Sámi die früheren Stellen, an denen Steine und die Laichgebiete lagen und wo der Fluss verlief. Zwischen 2017 und 2020 arbeiteten lokale Sámi-Teams von Snowchange an der Renaturierung und dem „Rewilding” des gesamten Flusses über fünf Kilometer. Ein Großteil der Arbeiten wurde mit Schaufeln und bloßen Händen verrichtet.
 
Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass Forellen und Äschen die Laichgebiete akzeptiert haben und ihr Verbreitungsgebiet von vor 1968 wieder neu entdecken. Es ist in mehrfacher Hinsicht ein wichtiges Beispiel als Maßnahme gegen den durch den Klimawandel bedingten Rückgang. Erstens haben Kaltwasser-Fische in den renaturierten Lebensräumen mehr Zeit und Platz. Zweitens hat das Projekt von Vainosjoki bewiesen, dass Renaturierung machbar ist und in „verlorene“ Lebensräumen neues Leben erwachen kann, wenn Indigenes Wissen und wissenschaftliches Arbeiten ineinandergreifen und so neue Lösungen erarbeitet werden, um Ökosysteme zu schützen. Drittens trug die Renaturierungsmaßnahme zur Identität und zum Selbstwertgefühl der Sámi bei und schuf Arbeit für sie. Für die Dorfbewohner*innen war es wichtig zu sehen, dass Schäden beseitigt werden können; es hat einen Neuanfang gegeben und auch die Natur akzeptiert die Renaturierungs-Aktionen, wenn sie von den ursprünglichen Völkern des Landes geleitet werden, den Sámi. Der Weltklimarat, von der UN als zwischenstaatliche Organisation gegründet, arbeitet zu den Auswirkungen des Klimawandels auf globaler Ebene. Er unterstützt ebenfalls die Einbeziehung von Indigenem und lokalem Wissen im Umgang mit den Auswirkungen des Klimawandels.
 
Es ist wichtig, die Stimmen derer, die am meisten betroffen sind – Indigene und lokale Gemeinschaften – in den Mittelpunkt der UN-Klimaprozesse zu bringen und das Verständnis zu fördern, dass Menschen und Natur keine Feinde sein müssen – sie sind eigentlich Teile desselben Systems. Wir als globale Gesellschaft haben diese Botschaft nur meistens vergessen.
 
Die Zukunft sieht nicht allzu finster aus: Das Landschafts-„Rewilding”-Programm konnte in nur zwei Jahren über 26.000 Hektar finnische und samische Torfmoore, Wälder, Flüsse und Seen erwerben und kostengünstig mit der Renaturierung und dem „Rewilding” beginnen. Wir sind jetzt in der Lage, den Wandel so zu gestalten, wie wir es nachhaltig tun wollen.

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