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Kommunikation
Ferngespräch

dekolonial – Antikes Telefon mit Wählscheibe
Antikes Telefon mit Wählscheibe | Foto (Detail): picture alliance / abaca | TNS/ABACA

Seit die Corona-Pandemie die Entwicklung digitaler Austauschformate beschleunigte, telefoniert unsere Autorin jeden Sonntag mit ihrem Vater. In Zeiten, in denen die alte Normalität aus den Angeln gehoben wurde, ist plötzlich Raum für dichte Erinnerungen.

Von Elisabeth Wellershaus

Mein Vater und ich brüllen noch immer in den Lautsprecher – wie bei den wenigen Telefonaten, die wir früher geführt haben, als wir noch in übergroße Hörmuscheln krähten und unsere Stimmen aus der anderen Seite des Telefonknochens heraushallten. Heute sitzt mein Vater meistens auf der Terrasse oder steht auf der Straße in seinem kleinen andalusischen Wohnort, je nachdem, wo die Verbindung besser ist. Ich sitze an meinem Berliner Schreibtisch oder stehe auf dem vollgestellten Balkon, je nachdem. In einer Welt, in der Familien wie unsere über die Kontinente verteilt leben, ist der Austausch mit nahestehenden Menschen im Anderswo längst Normalität geworden. Mit Mobilfunk und Videochats sind wir Tag und Nacht erreichbar. Und doch steckt im Gespräch mit der Ferne noch immer nicht zwangsläufig mehr Nähe. Deshalb brüllen mein Vater und ich weiter ins Telefon. Weil zwischen Deutschland, Spanien und unseren Herkunftsgeschichten viel Raum für Missverständnisse liegt.
 
Als Alexander Graham Bell 1892 die erste Fernsprechverbindung von New York nach Chicago freischaltete, lagen FaceTime, Whatsapp und Webcam gedankliche Lichtjahre entfernt. Dafür hatte die westliche Welt acht Jahre nach der Berliner Konferenz bereits eine Ahnung davon, wie hartnäckig sich manche politische Verbindung zwischen den Kontinenten halten würde. Aus sämtlichen afrikanischen Kolonien wurden Jahrzehnte später unabhängige Staaten. Doch der Raubbau an den Bodenschätzen „der Anderen“ setzt sich bis ins 21. Jahrhundert fort. Bis heute prügelt die Welt sich um Rohstoffe wie Coltan – unter anderem, um den weltweiten Mobilfunk in Gang zu halten.
 
Bell schaltete die Verbindung zwischen zwei relativ nahe gelegenen amerikanischen Städten zu einer Zeit frei, als die Verstrickungen zwischen globalem Norden und Süden noch überschaubar wirkten. Das Verhältnis zwischen ehemals kolonisierten Ländern und dem paternalistischen Europa etwa war von einseitiger Raffgier und unverhältnismäßigen Machtdynamiken geprägt. Vorherrschend war eine Weltsicht, in der die einen die anderen aus Überzeugung an die gottgegebene – und rassistisch argumentierte – Vormachtstellung dominierten. Es waren Überzeugungen, die eine Familien wie die meine noch viele Jahre später „ungewöhnlich“ erscheinen ließen: eine Hamburger Kapitänstochter, die sich Anfang der 1970er-Jahre im franquistischen Spanien in einen Hotelfachschüler aus Äquatorialguinea verliebte. Zufällig hatten meine Mutter und mein Vater Zeit am selben Ort verbracht – sie im Urlaub, er im Exil. Die partielle Sprachlosigkeit über die Schieflage ihrer Erfahrungen bestimmt bis heute unser Familienleben.

  • dekolonial – Bild aus den 1970er Jahren: Ende der 1970er Jahre redeten die Autorin und ihr Vater noch gelegentlich aneinander vorbei. © Elisabeth Wellershaus
    Bild aus den 1970er Jahren: Ende der 1970er Jahre redeten die Autorin und ihr Vater noch gelegentlich aneinander vorbei. Heute führen sie eine glückliche Fernbeziehung.
  • dekolonial – Bild der Autorin und ihres Vaters von 2018 © Elisabeth Wellershaus
    „Auf einmal gibt es Raum für Gespräche, die zuvor routinemäßig zwischen Herbst und Sommer pausierten. Für dichte Erinnerungen, die mein Vater an das Dorf seiner Kindheit hat. Oder für die verblassten – etwa an eine Muttersprache, an deren Worte er sich nicht erinnern kann.“
  • dekolonial – Der amerikanische Ingenieur Alexander Graham Bell (1847-1922) telefoniert 1892 von New York nach Chicago. Spanisch-amerikanische Illustration. © picture alliance / Heritage-Images | Index / Heritage-Images
    Der amerikanische Ingenieur Alexander Graham Bell (1847-1922) telefoniert 1892 von New York nach Chicago. Spanisch-amerikanische Illustration.

Dröhnende Stille 

Von September bis Juli etwa lebten meine Mutter und ich in Deutschland, mein Vater in Spanien, im Sommer kamen wir als Familie in Andalusien zusammen. Und irgendwann verlernte ich Spanisch, jene Sprache, die mir als kleines Kind relativ leicht über die Lippen gekommen war. Mein Schulenglisch reichte damals bestenfalls für eine Bestellung im Eisladen. Und so standen mein Vater und ich uns einige Sommerferien lang stumm gegenüber.

„Wann ist uns die Sprache abhanden gekommen?“, fragt die Schriftstellerin Dilek Güngör in einem Text auf Zeit online. Sie beschreibt darin das Schweigen, das zwischen ihr und ihrem Vater herrscht. Die dröhnende Stille, die irgendwann in ihrer Teenagerzeit einsetzte, die bis heute andauert und die sie mittlerweile auch verbindet.

Vor Jahren hat mein Vater mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, seine Geschichte aufzuschreiben. Es war ein entschlossener Versuch, die latente Stille zu durchdringen, die sich auch über unser Verhältnis gelegt hatte. Ihm schwebte eine Auseinandersetzung der unverfänglicheren Art vor: eine Erinnerungscollage und Geschichte im Heldenformat, in der er vom alten Torremolinos erzählen wollte. Von der Zeit, in der er meine Mutter kennengelernt hatte, in der er sich zwischen Filmstars und Hippies bewegte und in der sein Restaurant von entfernten Verwandten des britischen Königshauses frequentiert wurde.

Natürlich wollte die Journalistin in mir, wie die Tochter, mehr von ihm. Mich interessierten die Ecken, Kanten und Brüche in seiner Geschichte. Doch verhalten ließ ich mich auf schillernde Erinnerungen an die 1960er- und 1970er-Jahre ein. Es stellte sich heraus, dass mein Vater nicht lange brauchte, um über die Partygeschichten von einst auch auf die komplizierteren Erlebnisse im Exil zu kommen. Auf sein fragiles Verhältnis zu Europa, die Familie, die er in Jugendjahren zurückgelassen hatte, auf ein Lebensgefühl im Dazwischen. Bis heute sind wir dabei, Material zu sammeln, wenn wir uns sehen. Manches gibt er unumwunden preis, anderes muss ich aus ihm herauskitzeln. Aufnahmegerät und Notizbuch fungieren dabei wie Zaubermittel: Sobald der Rahmen offizieller wird, lösen sich Worte und Erinnerungen. Daniela Dröscher hat sie in einem Essay sehr schön beschrieben: die Selbstermächtigung, die im Erzählen der eigenen Biografie liegt. Sie berichtetet von der Wandlung ihrer Mutter, die sich im Gespräch über die Vergangenheit öffnete, sobald der neugierige Blick der Tochter mit dem der Journalistin und Schriftstellerin verschmolz – von der Basis, auf der Gespräche jenseits des Fernen entstehen können.

Das „Ferngespräch-Verhalten“ 

Nach einem Jahr mit dem Corona-Virus hat sich das „Ferngespräch-Verhalten“ von uns allen ohnehin verändert. Der digitalen Kommunikation kommt mittlerweile ein Stellenwert zu, der vor allem ökologisch zu begrüßen ist. Es hat sich herausgestellt, dass man nicht für jedes kleine Meeting ins Auto oder Flugzeug steigen muss. Auf so vielen anderen Ebenen haben wir uns dennoch aus den Augen verloren. Aber Distanz und Isolation sind nicht die einzigen Phänomene, die uns aus dem Jahr 2020 in Erinnerung bleiben werden. Manche Beziehung hat sich in der Abschottung auch intensiviert. Nach 45 Jahren des innig Sporadischen ruft mein Vater heute mit einer Regelmäßigkeit an, die mich noch immer verblüfft. So ist in Zeiten, in denen die alte Normalität aus den Angeln gehoben wurde, eine unerwartet neue entstanden.
 
Auf einmal gibt es Raum für Gespräche, die zuvor routinemäßig zwischen Herbst und Sommer pausierten. Für dichte Erinnerungen, die mein Vater an das Dorf seiner Kindheit hat. Oder für die verblassten – etwa an eine Muttersprache, an deren Worte er sich nicht erinnern kann. Wenn mein Vater über Afrika spricht, bewegt er sich traumwandlerisch zwischen einer Vergangenheit voller Möglichkeiten und einer Gegenwart voller Gefahren. In welches Land ich auch beruflich reise, Südafrika, Kamerun oder Zimbabwe, stets ruft er vorab in den Hörer, dass es dort besonders gefährlich sei. Mich zieht es auf den Kontinent, den er seit Jahrzehnten auf Abstand hält. Mein Verhältnis zu Afrika ist durch dieselbe liebevolle Fernbeziehung geprägt wie das Verhältnis zu meinem Vater. Seines definiert sich durch die unvereinbar scheinende Kindheit und Jugend in Äquatorialguinea, die mit seinem erwachsenen Ich kaum noch in Verbindung steht. So verschwimmen unsere Wahrnehmungen von einem Kontinent, zu dem man uns, dort, wo wir heute leben, eine eindeutige Verbindung unterstellt. Doch am Ende ergänzen sich die Ungenauigkeiten unserer Perspektiven. Unser Verhältnis zum Thema Herkunft bleibt diffus, und genau damit wird unser Verständnis füreinander deutlich. Am Ende steckt im Rauschen unserer Ferngespräche auch eine unüberhörbare Klarheit.

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