Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Sprache
Opa, was haben denn die Semiten getan?

Verschiedene verstreute Buchstaben
© das goethe

Liebe und Hass wohnen in der Sprache – denn mit ihren Begriffen ordnen wir unsere Welt. Wir geben also als Großeltern, Eltern, Altersgenoss*innen auch immer unbewusst weiter, was uns selber geprägt hat. Meist geschieht dies spontan – etwa wenn wir auf Fragen der Jüngeren antworten.

Von Michael Blume

Feinde der Freiheit wie die deutschen Nationalsozialisten haben das oft schneller begriffen als ihre Verteidiger*innen und daher gezielt Begriffe übernommen und vergiftet: So wurden „Semiten“ zu einer angeblichen „Rasse“ umgedeutet und „Jude“ als Begriff mit „böser Verschwörer“ verbunden. Kaum an der Macht, entfernten die Nationalsozialisten sogar alle deutsch-jüdischen Namen aus der Buchstabiertafel: Aus D wie David wurde D wie Dora, aus S wie Samuel wurde S wie Siegfried – und aus N wie Nathan wurde N wie Nordpol!

Dabei gibt es kaum einen Namen, der so stark das Deutsche und Jüdische verband wie Nathan: der Prophet der Bibel, der auch den König herausfordert, und der weise Held in „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing (1729 – 1781), unbestritten eines der größten deutschen Werke. Nordpol ist dagegen nicht einmal ein Name, sondern wie Adolf Hitler in seiner Rede „Warum wir Antisemiten sind“ 1920 ins Münchner Hofbräuhaus brüllte, der Ort, von dem angeblich die „Arier“ losgezogen sind.

Und obwohl die Nationalsozialisten nach all ihren Morden und Verbrechen endlich militärisch besiegt wurden, lebt ihre Sprache größtenteils unbewusst weiter. Das tückischste Gift ist das, das nicht schmeckt, nicht riecht, nicht gespürt und doch weitergegeben wird. Niemand wird als Rassistin oder Antisemit geboren – doch zwischen den Generationen wird das alte Gift oft wachgerufen und tradiert.

Sprache durch bessere Geschichten aufhellen

Doch selbstverständlich gibt es Hoffnung. Wir wissen zwar inzwischen aus der Hirnforschung sicher, dass es nicht reicht, Vorurteile zu widerlegen – die Aussage „Es sind nicht alle Juden reich!“ ist völlig richtig, hebt aber die unbewussten Verknüpfungen zwischen „Jude“ und „reich“ nicht auf. Stattdessen kommt es darauf an, die falschen und giftigen Vorstellungen hinter den Begriffen durch bessere und hilfreiche Wortbilder zu ersetzen.

Nein, „die Semiten“ waren nie „eine Rasse“ – es gibt Jüd*innen aller Hautfarben, ebenso wie es Christ*innen, Muslim*innen und Humanist*innen jeder Herkunft gibt.

Sem – auf hebräisch „Name“, was für ein Name! – ist nach jüdischer Überlieferung schon im Talmud einer der Söhne des Noah. Er habe mit diesem an der Arche gebaut, während der Sintflut mit seiner Familie die Tiere versorgt und danach eine ganz besondere Aufgabe erfüllt: Mit seinem Enkel Eber (dem ersten „Hebräer“) habe Sem das erste Lehrhaus, die erste Alphabetschule im heutigen Jerusalem eröffnet. Und alle Menschen – ob Frauen oder Männer, Fürsten oder Sklaven – hätten bei ihnen die erste Alphabetschrift der Erde lernen dürfen. Daher würden wir bis heute die ersten beiden Buchstaben des Hebräischen für die Benennung der ganzen Alphabete verwenden – Aleph für Stier (man kann ihn im umgedrehten A noch erkennen!) und Beth für Haus: Aleph-Beth.

Im Unterschied zu den vielen älteren Schriftsystemen wie den babylonischen Keilschriften, den chinesischen Zeichen und den ägyptischen Hieroglyphen sei damit erstmals ein „kinderleichtes“ Schriftsystem gelehrt worden, das von jedermann und jederfrau erlernt werden konnte. Nun also entstand die Idee der „Bildung“ – da der Mensch laut der Bibel nach Gottes „Ebenbild“ geschaffen worden sei, sollte jedes Menschenkind seine Fähigkeiten ausbilden, mindestens Lesen und Schreiben lernen dürfen! Großeltern, Eltern, ja die ganze Gemeinde ist seit über zwei Jahrtausenden verantwortlich, nicht nur die Sprache, sondern auch die Schrift zu lehren.
 

Semitismus und Bildung

Klar, dass viele andere schon in der Antike voller Unverständnis, bald auch mit Neid, Hass und Angst auf das entstehende Judentum schauten, dessen Angehörigen man die Tempel zerstören und die Heimat nehmen konnte – solange sie nur ihre Schriften lehren durften, blieben sie beieinander. Dass Jüd*innen trotz aller Diskriminierungen und Verfolgungen oft Großes leisteten, dass bei einem weltweiten Bevölkerungsanteil von gerade einmal 0,2 Prozent über 20 Prozent aller bisherigen Nobelpreise auf jüdische Preisträger*innen entfielen – all das liegt an der Wertschätzung der Bildung.

Und einer von ihnen, Jesus, der Sohn eines Handwerkers, konnte dann sogar so gut lesen und schreiben, dass er schon im Alter von zwölf Jahren tagelang mit den Schriftgelehrten in Jerusalem diskutierte. Nach ihm entstand das Christentum und der heute weltweit verwendete Kalender. Auch die christliche Bibel, der Koran des Islam, die Schriften der Bahai und die Texte der meisten nichtreligiösen Weltanschauungen bis hin zu den gemeinsamen Erklärungen der Menschenrechte wurden in Alphabetschriften verfasst.

Bei genauerem Hinsehen erkennen wir sogar einen kleinen, aber bedeutenden Unterschied: Im klassischen Hebräisch und Arabisch wird konsonantenarm geschrieben – und zwar immer von rechts nach links. In Griechisch, Latein, Kyrillisch und allen ihnen folgenden Alphabeten finden wir dagegen auch die Vokale – und geschrieben werden sie immer von links nach rechts.

Der vermeintlich kleine Unterschied hat enorme Auswirkungen

In einem Konsonantenalphabet müssen wir Wort für Wort die Vokale einsetzen und dafür die rechte Seite unseres Gehirns voll einsetzen: Bedeutet W-r-t denn nun Wort, Wert, Warte oder gar Wahrheit? Das bindet menschliche Gehirne so sehr, dass sowohl im Judentum wie im Islam alle Bilder aus den Gottesdiensten entfernt wurden; die Konzentration sollte allein der Schrift gebühren. Deswegen dürfen die jüdische Thora und der islamische Koran auch nur in ihren Ursprungsalphabeten rezitiert werden.

Und Mehrfachbedeutungen klären kann dann auch nur eine Lehrerin oder ein Lehrer – weswegen die Rolle von Sem und seinem Enkel so bedeutend war. Sie hätten, so die Überlieferung, eben nicht nur die Buchstaben gelehrt, sondern auch die Bedeutungen jeden Wortes erklärt!

Das also ist der Grund, warum nach den alten Überlieferungen nicht nur Sem, sondern auch sein Enkel Eber an der Akademie in Jerusalem unterrichtet hätte: Ihre Aufgabe erschöpfte sich nicht in der Vermittlung von Buchstaben, sondern bestand auch in der Weitergabe von Wissen und Weisheit über Generationen hinweg. Bis heute beginnt im Judentum das religiöse Pessach-Fest mit Fragen der Kinder – auf die die Erwachsenen zu antworten haben. Sprache, Schrift, ja das Leben selbst entfaltet sich nie im Monolog nur einer Seite, sondern im Dialog der Generationen miteinander.

Die Vokalalphabete – auch diesem Text liegt ein solches zugrunde – ließen und lassen sich im Vergleich zu den Konsonantenalphabeten viel klarer und schneller erfassen: Wort heißt Wort, und Wahrheit heißt Wahrheit!

Genau das aber, so warnte schon der antike Grieche Sokrates, berge auch eine große Gefahr: Wer solche Alphabetschriften lese, könne sich viel früher von Lehrer*innen lösen und laufe Gefahr, zwar viel Wissen, aber keine Weisheit zu erwerben. Es drohe die Verführung junger Menschen, die schon nach der Beherrschung der Buchstaben meinen könnten, keine Lehrenden und keine Schulgemeinschaft mehr zu brauchen. Wie heute um das „neue Medium“ Internet, so gab es auch schon vor Jahrtausenden kontroverse Diskussionen um das „neue Medium“ Alphabetschrift!

Medien im Fluss der Generationen

Und so schließt sich für uns ein Kreis: Jedes Medium – jede Sprache, jede Schrift, Radio, Film und Internet – weist einzigartige Stärken, aber auch bestimmte Gefahren auf. Deutsche Lehrer*innen müssen immer wieder lachen, wenn ich sie daran erinnere, dass es noch in den 1960er-Jahren an den Schulen Tornisterkontrollen gab, um sogenannte Schundliteratur wie Science-- Fiction- und Western-Romane ausfindig zu machen. Heute, so versichern mir die Lehrenden dagegen, wären sie froh über jedes freiwillige Buch im Schulranzen eines Schulkindes!

Es lohnt also, hin und wieder zu fragen: Welche Sprache, welche Schriften, welche Medien geben wir unseren Kindern und Enkeln wann weiter – sei es als Großeltern oder Eltern, als Lehrende oder auch einfach als Freunde? Wie sprechen, schreiben, erzählen wir in der Öffentlichkeit? Verbreiten wir Wissen – oder versprühen wir, mehr oder weniger bewusst, altes Gift?

Im Jahr 2021 werden wir in Deutschland endlich auch eine neue Buchstabiertafel erhalten – ohne die hasserfüllten Eingriffe der Nationalsozialisten. Selbstverständlich werden wieder viele darüber schmunzeln oder gar höhnen: Was bedeutet schon Sprache? Haben wir denn nicht alle Wichtigeres zu tun?

Doch die Verständigen werden wissen, wie kostbar und wertvoll Wörter und Zeichen sind – sowie die Geschichten, die wir zwischen den Generationen austauschen. Zukunft ereignet sich, wenn wir miteinander sprechen.

Top