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Afrika
Eine Queere Familie

Arya Jeipea Karijo (sitzend) inmitten einiger Mitglieder ihrer LGBTQI+-Familie
Arya Jeipea Karijo (sitzend) inmitten einiger Mitglieder ihrer LGBTQI+-Familie | Foto (Ausschnitt): © Julian Manjahi/Goethe Institut Nairobi

Arya Jeipea Karijo ist eine Transgender-Frau aus Nairobi in Kenia. Sie ist Mitte 30 und gehört zu den vielen Menschen aus dem südlichen Afrika, die im Rahmen des Projektes Familiensache interviewt wurden. Sie erzählte von ihrer „Wahlfamilie“, die aus fünf queeren Personen und einer heterosexuellen Frau besteht. Sie hatten sich bei einer Demonstration für LGBTQI+-Rechte kennengelernt und leben nun zusammen – mit Arya als „Mutter“ der anderen.

Von Lendl Izaaks

Wie es dazu kam? Alle in der Familie haben unzählige Diskriminierungen erfahren müssen, darunter auch Zwangsräumungen ihrer Wohnungen. „Das ergab sich dann irgendwie ganz von selbst. Es war keine bewusste Entscheidung nach dem Motto: Klar, ich will sowieso Kinder, ich mache das“, erzählt Arya. Sie kannte die Leute schon lange – und so beschlossen sie irgendwann, zusammenzuziehen und als Familie einander beizustehen. „Wenn zwei, drei oder vier Leute zusammenleben, sollten wir die Gemeinschaft auch als Familie betrachten“, sagt Arya. „Es geht dabei auch um Rechte – etwa das, an Wahlen teilnehmen zu dürfen.“

Familiensache, das ist ein Digitalprojekt mehrerer Goethe-Institute aus Ländern südlich der Sahara. Im vergangenen Jahr machten sich deren Mitarbeiter*innen auf zu einer Entdeckungsreise und besuchten zahlreiche Familien. Es ging ihnen darum, einen möglichst repräsentativen Einblick in die unterschiedlichen Landeskulturen zu erhalten. Die Gespräche drehten sich um eine Vielzahl von Themen – ein Schwerpunkt lag aber auf den sich langsam wandelnden Einstellungen zur „traditionellen“ Familie. So ergaben die Interviews auch wertvolle Einblicke in die Situation marginalisierter Gruppen wie den LGBTQI+-Communitys. Diesen Menschen fehlt oft die Bindung zur Familie, sodass Freund*innen ihre Stelle einnehmen.

Auch wenn die Befragten unterschiedlichen Kulturen angehören, eint fast alle eine ähnliche Auffassung von der Familie als soziale Einheit. Demnach ist eine Verbindung zwischen Mann und Frau die notwendige Voraussetzung für eine Familiengründung. Diese kann monogam, aber auch polygam sein. Für andere Lebensentwürfe ist in diesen Vorstellungen kein Platz. Und so ist auch nicht verwunderlich, dass selbst LGBTQI+-Menschen, die in einem sehr religiös geprägten Elternhaus aufwuchsen, später nur selten Halt im Glauben ihrer Familie suchen.

Dementsprechend schwer haben es die wenigen LGBTQI+-Familien. Es verwundert daher nicht, dass nur wenige Menschen im Rahmen des Projektes Familiensache ihre LGBTQI+-Zugehörigkeit offenbarten.

Homosexualität wird als etwas gesehen, das die weißen Kolonialherren nach Afrika einschleppten.

Tabus und Schamgefühle hindern die meisten daran. Sie werden marginalisiert und von der Mehrheit gemieden oder ignoriert, weil diese Lebensformen im Widerspruch zu den traditionellen monotheistischen Glaubenssystemen stehen.

Ihre Furcht vor der Öffentlichkeit ist nachvollziehbar, denn die von der Norm abweichenden sexuellen Orientierungen sind tabuisiert. Beleidigungen, Ausgrenzungen, auch körperliche Gewalt sind häufig und bleiben für die Täter*innen meist folgenlos. Homosexualität wird in den Ländern südlich der Sahara als Symptom einer „Modernisierung“ gesehen, als etwas, das die weißen Kolonialherren nach Afrika einschleppten.

Dabei gibt es auch in den alten traditionellen Sprachen bereits Bezeichnungen für homosexuelle Menschen, die – wenn auch nicht mehr so sehr in der Öffentlichkeit – noch immer in Gebrauch sind. In der Ovambo-Kultur Namibias etwa wird der Vater für die Homosexualität seines Kindes verantwortlich gemacht. Wenn ein Elternteil über die Homosexualität des eigenen Kindes öffentlich spricht oder die Bezeichnungen für die sexuelle Orientierung freimütig verwendet, so bringt er Schande über sich, sein Kind und seine Familie. Homosexualität ist ein Tabu, und wenn sie doch thematisiert wird, löst dies Scham oder Diskriminierung aus. Es sind vor allem die Älteren, die mit diesen Vorstellungen die Jüngeren in ihren Menschenrechten verletzen.

Der Glaube und die Teilnahme am Gemeindeleben sind vielen Menschen sehr wichtig, insbesondere Christ*innen und Muslim*innen. In Burundi und Ruanda etwa betonten während der Interviews viele Menschen, wie wichtig es ihnen ist, die religiösen Werte auch an ihre Kinder weiterzugeben. Die traditionellen Lebensweisen werden dabei nicht infrage gestellt, die althergebrachten Sitten und Gebräuche sind unerschütterlich.

Liberalere Einstellungen wie die der 30-jährigen Lindie Blaauw sind da eher selten. Sie stammt aus einer afrikaansen und traditionell christlichen Familie in Namibia: „Die gleichgeschlechtliche Ehe bedeutet für mich einfach nur: Lebt doch so, wie ihr wollt! Werdet glücklich!“ Lindie engagiert sich in der Kirche, ist sogar Mitglied der Band, die während der sonntäglichen Messe aufspielt. Auch Bernarda Joaquina Kaculete (27 Jahre) aus Angola, eine gebildete Feministin und gläubige Christin, verteidigt die Rechte Homosexueller. Wie sie aus Familien weiß, sei Homosexualität nun einmal nichts Neues in Afrika. Bernarda hat in Norwegen und den USA studiert.
 

Die gleichgeschlechtliche Ehe bedeutet für mich einfach nur: Lebt doch so, wie ihr wollt! Werdet glücklich!

Lindie Blaauw-Petorius, Namibia

Johann Potgieter (47 Jahre) und Daniel Digashu (30 Jahre) bezogen zum Zeitpunkt des Interviews gerade ihre neue Farm in Namibia. Zusammen mit dem 12-jährigen Sohn einer verstorbenen Tante Daniels bilden sie eine ungewöhnliche Familie – was die ältere Verwandtschaft gleichwohl kommentarlos akzeptiert. Johann ist das „Oberhaupt“ der Familie und verantwortlich für die Finanzen, das Haus und die Fahrzeuge auf der Farm. Die Akzeptanz der Namibier*innen für diese Lebensform überraschte ihn: „Bevor wir von Südafrika hierher gezogen sind, hatten wir uns das Leben hier viel schlimmer vorgestellt – doch so, wie es aussieht, fügen wir uns überall ziemlich gut ein.“ Daniel stimmt ihm zu und erzählt, wie herzlich sie in der Verwandtschaft aufgenommen wurden – ungeachtet ihrer sexuellen Orientierung. Ganz ohne Vorbehalte waren sie dann aber wohl doch nicht, sagt er: „Finanziell unterstützt hat uns jedenfalls niemand von unseren Verwandten.“

Das Paar engagiert sich in der namibischen LGBTQI+-Community, die derzeit die Einwanderungsbehörde des Landes heftig kritisiert. Dabei geht es um den Fall eines anderen gleichgeschlechtlichen Paares aus Namibia, das vergeblich versucht, für ihre in Südafrika von einer Leihmutter ausgetragenen Zwillinge die entsprechenden Dokumente zu bekommen. Doch die Behörden reagieren nicht, die Öffentlichkeit interessiert sich nicht dafür.

Wie in den traditionellen Kulturen Afrikas üblich, wird das Thema am liebsten einfach totgeschwiegen. Doch die jungen Leute, die zunehmend auch Kontakt zu anderen Kulturen haben und in eher urbanen Umfeldern leben, ändern diese tief verwurzelten Einstellungen – wenn auch nur sehr langsam.

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