Interview mit Ulla Lenze „Für mich war Syrien eine Offenbarung“

Ulla Lenze
Ulla Lenze | © Julien Menand

Was ist eigentlich Heimat? Bezeichnen wir einen bestimmten Ort, eine Sprache oder vielleicht sogar ein Gefühl als Heimat? Millionen Menschen befinden sich derzeit auf der Flucht, leben im Exil und fühlen sich nicht selten heimatlos.

Als das Goethe-Institut in Damaskus 2012 aufgrund der Sicherheitslage geschlossen werden musste, verloren Mitarbeiter, Künstler, Schüler und Kulturschaffende nicht nur einen Ort der Begegnung, sondern gleichzeitig ein Zuhause. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Goethe-Institut Damaskus | Im Exil“ lädt das Goethe-Institut deutsche und syrische Künstler ein und schafft einen Raum des transnationalen Kulturaustausches.

Vor mehr als zehn Jahren hat die deutsche Schriftstellerin Ulla Lenze für knapp zwei Monate in Damaskus gelebt und geschrieben. Im Gespräch erzählt sie, mit welchen Erinnerungen sie an das Damaskus vor Kriegsausbruch zurückdenkt, was Heimat für sie persönlich bedeutet und inwieweit Literatur Räume öffnen kann.
 
Im Rahmen des Projektes „Goethe-Institut Damaskus im Exil“ reisen Sie nach Australien. Was erwarten Sie von dieser Veranstaltungsreihe?
 
Es ist meine erste Reise nach Australien, was an sich schon sehr aufregend ist, allein schon der 24 Stunden Flug. Dass diese Reise zugleich einem Land und insbesondere einer Stadt gewidmet ist, Damaskus, die unglaubliche Zerstörung erlitten hat - physisch und in den Seelen der Menschen - bewegt mich sehr. Die Stadt, wie sie einst war, existiert aber in unserer Erinnerung, und ich denke, dass wir Künstler sie vielleicht gegenwärtig machen können mittels der Werke und Gespräche. Das hat etwas trauriges und tröstendes zu gleich.

„Ich vermisse diese Stadt“

Ihr Aufenthalt als Stadtschreiberin in Damaskus liegt dreizehn Jahre zurück. Mit welchen Gefühlen erinnern Sie sich an Ihre Zeit in Syrien?
 
Für mich war Syrien eine Offenbarung. Unverhofft stand ich in einer mich verzaubernden Welt, die biblisch alt war, mit ihrem Suq, den christlichen Kirchen, der Umayyaden-Moschee und dem engen Gassengewirr der Altstadt. Und die zugleich allen Komfort und allen Charme einer modernen Großstadt bot. Zudem kümmerten sich alle um mich, als wäre ich eine enge Verwandte, selbst Fremde – es herrschten Gastfreundschaft, Herzlichkeit, Wärme. Ich vermisse diese Stadt. Natürlich gab es damals auch viele Probleme, von denen mir unter vorgehaltener Hand berichtet wurde; die äußere Stabilität hatte einen Preis. Das wusste ich, aber wie so viele hätte ich nicht gedacht, dass der Kampf um Demokratie einen jahrelangen Krieg auslösen würde.

Blick auf Damaskus im Jahr 2004 Blick auf Damaskus im Jahr 2004 | © Ulla Lenze Auf Ihren Lesereisen lernen Sie Menschen und Orte auf der ganzen Welt kennen. Wo fühlen Sie sich zuhause? Was bedeutet „Heimat“ für Sie? 
 
Ein Zuhause ist etwas, das man sich selber schafft. Ich habe mein Zuhause seit einigen Jahren in Berlin gefunden. Heimat, auch wenn der Begriff belastet ist durch die deutsche Geschichte, habe ich in meiner Geburtsstadt Mönchengladbach in Nordrhein-Westfalen, auch das weckt stets intensive Gefühle, viele frühe Kindheitserinnerungen. Ganz egal, ob die Gefühle positiv oder negativ sind, man kann sich ihnen nicht entziehen. Das ist Heimat.

„Ich bin keine Diplomatin“

Im Ausland – so schrieben Sie einmal selbst –  sind Sie „Kulturvermittlerin“ und „Verkörperung deutscher kultureller Identität“. Können Sie das etwas näher erläutern?   
 
Diese Begriffe benutze ich keineswegs in zustimmender Weise, sondern beschreibe mit ihnen die Rollenerwartungen, die mitunter an mich herangetragen werden, wenn ich als Schriftstellerin im Ausland reise. Man glaubt, durch mich etwas über Deutschland zu erfahren. Was ja auch nicht ganz furchtbar falsch ist. Aber ich bin Schriftstellerin und kann nur für mich selbst und für mein Werk stehen. Ich bin keine Politikerin oder Diplomatin.
Im Grunde beginnt diese Doppelrolle aber bereits in dem Moment, wenn man aus dem einfachen Innenraum des Schreibens heraustritt, ein Buch in die Welt entsendet und es von da an kommentierend begleitet. Es ist aber kein Problem - nur eine Kuriosität, die mitunter auch für lustige Momente sorgt, weil man anhand der Fragen im Gegenzug viel über das Deutschlandbild anderswo erfährt.

Die antike Oasenstadt Palmyra im Jahr 2004. Die antike Oasenstadt Palmyra im Jahr 2004. | © Ulla Lenze Berlin, Damaskus, Istanbul, Mumbai: Welchen Einfluss haben Ihre Auslandsaufenthalte auf Ihr schriftstellerisches Schaffen?
 
Im Fall von Istanbul und Mumbai, zwei großartige und gigantische Städte, in denen ich viel Zeit verbringen durfte, kam der Roman Die endlose Stadt zustande. Er spiegelt mitunter die Erfahrung von endlosem Raum und der Nichtfassbarkeit einer Megacity wieder – ähnlich unabschließbar und lebendig wie eine Person, die nie im Bild von ihr aufgeht. 

Meine Zeit in Damaskus im Jahr 2004 hat zu einem Online-Tagebuch geführt. Das war nicht ganz freiwillig, sondern vertraglich so vereinbart und sorgte bei mir für ziemlichen Stress. Ich war einfach nicht gewohnt, meine Erlebnisse derart schnell öffentlich verfügbar zu machen. Heute bin ich froh, dass es diese Texte gibt, egal wie sie entstanden sind. Sie bewahren viel von meinem täglichen Erleben auf, und doch nicht alles – damals herrschte eine starke Zensur im Land, und ich wollte weder mich noch meine Gesprächspartner in Schwierigkeiten bringen.

Literatur als Raumöffner

In Ihren Romanen beschreiben Sie häufig Menschen, die sich transnational bewegen und die die Fähigkeit besitzen, sich in unterschiedlichen Kulturen orientieren zu können. Was denken Sie: Inwieweit kann Literatur die Einstellungen und Vorstellungen der Leser zu Themen wie Kultur, Migration und/ oder aktuellen Flüchtlingsfragen nachhaltig beeinflussen?
 
Ich sehe die Aufgabe von Literatur nicht in politischer Aufklärung oder irgendeiner Form von Einflussnahme. Manchmal aber öffnet Literatur einen Raum, in dem der Leser überhaupt erst zu den Fragen vorstößt, ohne dass unbedingt Antworten folgen müssten. Das ist schon sehr viel. In der Literatur, wie in jeder Kunst, geht es um begriffsüberschreitende Erfahrung, und nicht um Information. 

Meistens ist es zudem so, dass diejenigen, denen man politisch etwas würde beibringen wollen, sowieso nicht zu den eigenen Lesern gehören. Wenn in meinen Büchern, wie zum Beispiel in Die endlose Stadt, dennoch politische und gesellschaftliche Themen auftauchen, dann dadurch, dass sie in der gegenwärtigen Welt eine Rolle spielen und sich diese Themen aus den Figuren und Szenen ablesen lassen. Aber das geschieht nie in belehrender Absicht, sondern in ästhetischer, der Bewegung des Textes und der Figuren folgend. Ich versuche, mich selber möglichst herauszuhalten. 

Vielen Dank für das Gespräch.