Filmvorführung & Diskussion Alles könnte anders sein

Stil aus „SRBENKA“ Stil aus „SRBENKA“

Sa, 15.01.2022 -
So, 16.01.2022

Goethe-Institut Peking in „798”

Reframing the Real

Angesichts von globalen Krisen, der Zunahme von Rassismus, populistischen und nationalistischer Bewegungen und dem Verschwinden von gesellschaftlichen Spielräumen in vielen Ländern geraten Menschen und Akteur*innen zunehmend unter Druck. Was immer die Menschen bewegt, sich zu engagieren, inspiriert auch Filmemacher*innen. 

An den kommenden zwei Wochenenden veranstaltet das Goethe-Institut China in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm eine Dokumentarfilmreihe unter dem Titel „Reframing the Real: Alles könnte anders sein“. In zwei Teilen präsentieren wir internationale Produktionen, die exemplarisch unterschiedliche Herangehensweisen und inhaltliche Facetten aus dem Themenbereich Mensch und Gesellschaft widerspiegeln: vom Kampf gegen den Rassismus und für die Gleichberechtigung über die Flüchtlingskrise und die gesellschaftliche Spaltung, die Veränderungsprozesse in der Stadt und auf dem Land bis hin zur politischen Praxis der jungen Generation in der Schule… Ohne Solidarität ist keine Veränderung möglich.

Wir freuen uns besonders, chinesische und internationale Filmemacher*innen zu Q&As nach den Screenings begrüßen zu können und laden Sie zur Teilnahme und zu hoffentlich lebhaften Gesprächen ein.

Dokumentarfilmreihe „Reframing the Real“:
Filmvorführung und Diskussion „Alles könnte anders sein“ (1/2)


Partner: Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm

Programm
Samstag, 15. Januar 2022, 13:00 - 20:30
13:00 - 14:40 Filmvorführung „SRBENKA“
15:00 - 16:30 Filmvorführung „Der zweite Anschlag“ mit Q&A
16:50 - 18:30 Filmvorführung „Taste of Hope“ mit Q&A 
19:00 - 20:30 Filmvorführung „I had a dream“   

Sonntag, 16. Januar 2022, 13:00 - 18:30
13:00 - 14:40 Filmvorführung „We the people“  
15:00 - 16:30 Filmvorführung „Word of bandits“  
16:45 - 18:30 Filmvorführung „Elections“  

Sprache der Filme: Originalton mit chinesischen Untertiteln
Sprache der Q&As: Chinesisch, chinesische Gebärdensprache
Ort: Goethe-Institut China 
Adresse: Originality Square, 798 Art District, Jiuxianqiao Road No. 2, Chaoyang District, Beijing
Für die Teilnahme klicken Sie bitte die Links unten. Die Anmeldung beginnt am 10. Januar um 12 Uhr. 
 

Die Filme

Srbenka
Regie: Nebojsa Slijepcevic | Kroatien | 2018 | 72 Min.
Nominiert für den MDR-Filmpreis

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Der Kroatienkrieg Anfang der 1990er Jahre wirft nach wie vor lange dunkle Schatten in die Gegenwart. Ressentiments, Vorurteile und Traumata beeinflussen die Bevölkerung, sodass der Konflikt ungebrochen aktuell und schwelend scheint. „Srbenka“ beginnt mit einer Protagonistin, die berichtet, wie es war, als Serbin in Kroatien aufzuwachsen. Bereits in der Schule ist sie deswegen ausgeschlossen, beleidigt und bedroht worden. Ihr tiefer Schmerz trägt sich durch den Film und wird von den anderen Protagonisten geteilt – Serben und Kroaten gleichermaßen.

Slijepčević begleitet die Vorbereitungen einer Theateraufführung unter der Regie von Oliver Frljić. Es geht um die Ermordung eines zwölfjährigen serbischen Mädchens und ihrer Familie 1991 in Zagreb. Immer noch sind die Lager zu dieser Gräueltat gespalten und das Bühnendrama legt den Finger in die Wunde: Wieso sind die Mörder nie verurteilt worden? Wie kann es sein, dass die Ermordung eines Kindes politisch instrumentalisiert wird? Und was ist mit den vielen namenlosen kroatischen Kindern, für die niemand ein Stück schreibt? Die Proben, das Ensemble und die jugendlichen Laiendarstellerinnen ermöglichen eine rohe und emotional aufrüttelnde Spiegelung der Geschehnisse. Sichtbar wird die gesellschaftliche Spaltung und Ratlosigkeit über einen scheinbar unlösbaren Konflikt, der sich in einem seelenlosen Etikettieren von Menschen manifestiert. (Kim Busch)


Der zweite Anschlag
Regie: Mala Reinhardt | 2018 | Deutschland | 62 Min.

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Lobende Erwähnung ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness, 
Nominiert für den Filmpreis Leipziger Ring und den Young Eyes Film Award
Ibrahim Arslan überlebte als Kind den Brandanschlag auf sein Elternhaus in Mölln, bei dem drei Mitglieder seiner Familie starben. Heute sagt er, seine Familie habe nicht nur einen, sondern zwei Anschläge erlitten. Nachdem die Molotowcocktails erloschen waren, wurden die Arslans ein weiteres Mal zum Ziel von Attacken: aus Medien, Politik und Gesellschaft. Diese Attacken waren schlimmer als die Brandsätze, denn sie wären vermeidbar gewesen, sagt Arslan. Mala Reinhardt fragt in ihrem Film, warum viele Opfer rechtsradikaler Gewalt bis heute die gleichen Erfahrungen machen müssen, angefeindet und kriminalisiert werden. Mit beeindruckender Klarheit analysieren die Betroffenen, die sich inzwischen untereinander vernetzt haben, welche Rahmenbedingungen dafür sorgen, dass Rassismus hierzulande noch immer gesellschaftsfähig ist. Nun gilt es, zuzuhören. (Luc-Carolin Ziemann)

über den Produzent
Patrick Lohse, geboren 1983, studierte an der Folkwang UdK in Essen Fotografie. In seinen künstlerischen Arbeiten nutzt er Strategien des Dokumentarischen um visuelle Gegenmodelle und spekulative Perspektiven auf die Wirklichkeit zu entwickeln. Er lebt und arbeitet in Bochum.


Taste of Hope
Regie: Laura Coppens | Deutschland, Schweiz | 2019 | 71 Minuten

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Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des genossenschaftlichen Wirtschaftens. Es verbreitet Angst, weil es den kleinen Rädchen im gigantischen Wirtschaftsgetriebe die Macht gibt, über Sinn, Zweck und Drehzahl der ganzen Maschine zu entscheiden. Es ist eines der letzten großen Emanzipationsprojekte: die Befreiung vom Frust, die eigenen Geschicke in den nicht immer geschickten Händen fremder Leute zu wissen. Die seit 2016 bestehende Teeveredelungskooperative Scop-TI im südfranzösischen Gémenos geht auf einen solchen Befreiungsakt zurück: 1.336 Tage lang besetzte die Belegschaft die Produktionsstätten der Fralib-Teefabrik und erpresste vom „arbeitgebenden“ Weltkonzern einen Neuanfang unter eigener Regie.

Wie genau diese Regie aussieht und ob sie den revolutionären Geist des Maschinen-Kidnappings in eine funktionierende, für alle existenzsichernde Produktionsroutine zu überführen vermag, ist die Grundfrage von Laura Coppens’ Film, der damit zu einer Art Rechenschaftsbericht wird – über Einnahmen und Ausgaben, über Einsichten und Verausgabung. Auf einem Fließband schickt sie uns in einen genossenschaftlichen Arbeitsalltag, der doch wartungsintensiver ist, als sich das die eine oder der andere vorgestellt hatte. Im Leitungsbüro hängt ein Konterfei von Che Guevara, bei der Bank hängt ein Kreditverfahren in der Luft. Der Kampf geht weiter. (Text: Sylvia Görke)

Über die Regisseurin
Laura Coppens wurde 1980 in Ost-Berlin geboren. Sie promovierte 2014 an der Universität Zürich. Seitdem arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bern und unterrichtet Dokumentarfilm. Ihr PhD-Filmprojekt CHRILDREN OF SRIKANDI feierte die Premiere an den Internationalen Filmfestspielen Berlin und gewann mehrere Preise, darunter den Internationalen Jurypreis für den besten Dokumentarfilm am Identities Queer Film Festival 2013 in Wien. Neben ihrer Tätigkeit als Dozentin und Filmemacherin arbeitete Laura auch als Programmleiterin der Sektion Südostasien und der Sektion Queer Asia von ASIAN HOT SHOTS BERLIN, einem Festival für unabhängige asiatische Film- und Videokunst in Berlin. Als Kuratorin war Laura in mehreren Filmfestivaljurys tätig, wie z.B. in der Berlinale Teddy Award Jury. Der Dokumentarfilm TASTE OF HOPE ist Lauras Debüt als alleinige Regisseurin.


I Had a Dream
Regie: Claudia Tosi | Frankreich, Italien | 2018 | 84 Min.

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Ausgezeichnet mit einer Goldenen Taube im Internationalen Wettbewerb Langfilm, mit dem Preis der Interreligiösen Jury und mit dem FIPRESCI Preis

Zwei Männer flankieren diesen Film: Silvio Berlusconi, der 2008 zum vierten Mal italienischer Ministerpräsident wurde, und Donald Trump, der ein knappes Jahrzehnt später als amerikanischer Präsident vereidigt wurde. Für Manuela, eine Abgeordnete des italienischen Parlaments, und Daniela, eine Lokalpolitikerin, ist dieser dergestalt männlich markierte Zeitraum der Inbegriff für den politischen Regress. Seit Jahren kämpfen die beiden für mehr Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, für bessere Gesetze zum Schutz vor häuslicher Gewalt gegen Frauen und für ein diverseres Gesamtbild politischer Verantwortungsträger.

Ist die Politik tot? Diese brutale Frage leitet Claudia Tosis Langzeitstudie über die Entwicklungen des letzten italienischen Jahrzehnts an. Mit einem Verlust von 6,7 % der Stimmen unterlagen die Demokraten 2018 deutlich gegen die populistische und europaskeptische Fünf-Sterne-Bewegung. Dass Demokratie, zivilgesellschaftlicher Zusammenhalt und Fortschrittswille noch einmal derart infrage stehen, dass der überwunden geglaubte Berlusconismus noch in einem solchen Ausmaß nachwirkt, hätten Manuela und Daniela nicht für möglich gehalten. (Lukas Stern)


We the People
Regie: Claudine Bories, Patrice Chagnard | Frankreich | 2019 | 102 Min.

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2018 war der sechzigste Geburtstag der Fünften Französischen Republik. Während die Nationalversammlung zwischen rotem Plüsch, Marmor, Blattgold und Wortschnörkeln über eine Modernisierung der Verfassung debattierte, packten die Aktivisten der Gruppe „Les Lucioles du Doc“ etwas Ähnliches an, allerdings auf ganz andere Weise. Sie haben drei Gruppen von Menschen, die sonst in der Gesellschaft wenig zu sagen haben, zusammengebracht, um über ihre Wünsche an eine neue Verfassung zu diskutieren: männliche Strafgefangene, die Frauenvereinigung „Femmes Solidaires“ aus Villeneuve-Saint-Georges sowie Schülerinnen und Schüler eines Gymnasiums.

Der Austausch zwischen den Gruppen läuft aus technischen Gründen über kollektiv vorgeführte Videos und gestaltet sich solidarisch im Großen und konfliktreich im Detail. Erstes Ziel von „Nous le peuple“, so nennen sich die Beteiligten selbstbewusst, ist eine Anhörung ihrer Delegierten vor Abgeordneten der Nationalversammlung. Oder wäre die Enttäuschung vielleicht zu groß, wenn die Vorschläge dort wieder nur auf die Arroganz der Macht stießen? Der aus der Haltung teilnehmender Beobachtung gedrehte Film zeigt, wie es aussehen könnte: Macrons Motto von der „République en marche“, ernst und tätlich in Angriff genommen. Und er fragt, ob sich Teilhabe auch anders als mit den spektakulären Aktionen der Gelbwesten einfordern lässt. (Silvia Hallensleben)


Words of Bandits
Regie: Jean Boiron Lajous | Frankreich | 2019 | 90 Minuten

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Ohne Solidarität gäbe es schon lange keine Hoffnung mehr. Seit 2015 sind die Grenzen im italienisch-französischen Roya-Tal geschlossen. Vergeblich versuchen unzählige Flüchtlinge, das italienische Städtchen Ventimiglia Richtung Frankreich zu verlassen und werden immer wieder zurückgeschickt. Doch damit möchten sich die freigeistigen Einwohner dieser eigenwilligen Region nicht zufriedengeben. Gemeinsam stellen sie sich gegen das Gesetz, beherbergen junge Migrantinnen und Migranten, versorgen sie hinter dem Rücken der Polizei mit Brot – tun schlichtweg alles, um diesen Menschen eine Zukunft zu ermöglichen. In den nebeligen Felsschluchten, jenseits der großen europäischen Metropolen, gibt es also eine Gemeinschaft, die zusammenhält und einfach nur helfen möchte, Widerstand leistet – aus Liebe zu ihrer Heimat, aus Menschenliebe, aus dem solidarischen Glauben an eine Welt, in der wir friedlich zusammenleben können und für die es sich zu kämpfen lohnt. „Words of Bandits“ zeigt eine Oase der Hoffnung. Ein Film über das Ankommen und Weiterkommen und vor allem das Sich-Näherkommen. (Julia Weigl)


Elections
Regie: Alice Riff | Brasilien | 2018 | 101 Minuten

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Wie die Demokratie funktioniert (und wo sie hakt), lernt man am besten, indem man sie praktiziert. In einer öffentlichen Highschool in São Paulo stehen die Wahlen zur Schülervertretung an. Verschiedene Teams konkurrieren um die besten Ideen, das coolste Wahlplakat und die meisten Stimmen. Es gilt, sich nicht zu populistischen Aktionen hinreißen zu lassen und persönliche Interessen hintanzustellen.

Genau wie in der „großen“ Politik balancieren die Kandidatinnen und Kandidaten in ihren Rededuellen zwischen ehrlichem Engagement und oberflächlichen Showeffekten. Doch als plötzlich die Polizei vor den Schultoren steht, wird augenblicklich deutlich, wie wichtig es ist, dass die Schülerschaft mit einer Stimme sprechen kann.

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