Berlin – Riga – Moskau

Jan C. Behrends

Dr. Jan C. Behrends © Dr. Jan C. Behrends Jan C. Behrends (1969) ist seit 2005 Lehrbeauftragter für neueste und osteuropäische Geschichte an der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Zeitgeschichte Osteuropas, Stadtgeschichte, europäische Diktaturen sowie Gewaltforschung. Am Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam ist er Projektleiter des internationalen Forschungsnetzwerkes Violence and State Legitimacy in Late Socialism, das im Rahmen des Paktes für Forschung und Innovation (SAW-Verfahren) durch die Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz gefördert wird.

Statement
"Wir sehen Europa als Kontinent des Friedens. Die Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkrieges sollen uns beruhigen, dass 2014 nicht 1914 ist. Das Europa der Gegenwart sei, so die große Erzählung, nicht mehr der Kontinent des Großen Krieges. Doch diese Selbstbeschwörung findet im Schatten des Konfliktes in der Ukraine statt. Dort begegnet uns allerdings keine Neuauflage von 1914: nein, das Jahr 2014 kennt seine eigenen Gewaltformen.
Der Krieg  ist in der Ukraine ein Mittel des politischen Kampfes. Angriff und Verteidigung bestimmen nun die Logik der Auseinandersetzung. Spätestens mit dem Eingreifen fremder Mächte wurde die Qualität eines Krieges erreicht, in dem mittlerweile Panzer, Raketen und Bomber eingesetzt werden. Auch wenn die europäische Politik es noch abstreitet, handelt es sich um den Krieg des 21. Jahrhunderts. Dieser Krieg kommt ohne formale Kriegserklärung aus, er ignoriert das Völkerrecht. Die levée en masse ist ihm fremd. Er kennt keine klaren Fronten. Über Wochen wird er gleichzeitig geschürt und verleugnet, in ihm kämpfen Spezialeinheiten neben Banditen, das ganze rostende Waffenarsenal der untergegangenen Sowjetunion wird ebenso gebraucht wie die psychologische Kriegsführung in den sozialen Netzwerken. Und am Ende dient alles dem Ziel, die liberale Ordnung auf Distanz zu halten, das, was wir Europa nennen, in seine Schranken zu weisen."


Johannes Grotzky

Prof. Johannes Grotzky © Prof. Johannes Grotzky Johannes Grotzky ist Journalist und Honorarprofessor für Osteuropawissenschaften, Kultur und Medien an der Universität Bamberg. Von 2002 bis 2014 wirkte er als Hörfunkdirektor des Bayerischen Rundfunks und war zuvor in verschiedenen Positionen, u.a. als Leiter der Abteilung Politik, Chefkorrespondent Hörfunk, sowie als Redaktionsleiter Mittel- und Osteuropa in München tätig. Von 1989 bis 2002 leitete er das ARD-Hörfunkstudio Südosteuropa in Wien. Als ARD – Korrespondent lebte er von August 1983 – Juli 1989 über 6 Jahre Moskau Studium an den Universitäten München und Zagreb Slavistik, Balkanologie, Geschichte Ost- und Südosteuropas.  Neben seiner journalistischen Tätigkeit publizierte Grotzky zahlreiche Aufsätze und Bücher, in denen er sich mit den Staaten Osteuropas beschäftigt. Überdies war er langjähriger Autor der Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT und der Neuen Zürcher Zeitung.
 

Liudmila Novikova

Dr. Liudmila Novikova © Dr. Liudmila Novikova Liudmila Novikova ist stellvertretende Leiterin des Internationalen Zentrums für Geschichte und Soziologie des Zweiten Weltkriegs und seiner Folgen sowie Dozentin der Historischen Fakultät der Nationalen Forschungsuniversität „Higher School of Economics“. Sie ist Autorin und Herausgeberin von mehreren Publikationen zum Bürgerkrieg in Russland sowie zur Rolle der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg.


Alexey Miller

Prof. Dr. Alexey Miller © Prof. Dr. Alexey Miller Alexey Miller  (1959) ist Professor an der European University in St. Petersburg und Gastprofessor der Central European University in Budapest. Seine Forschungsschwerpunkte sind Begriffsgeschichte, Vergleichende Geschichte der Imperien, Russischer Nationalismus und Imperium, Erinnerungspolitik in Zentral- und Osteuropa. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer historischen Bücher und Buchreihen. Zurzeit arbeitet er an dem Buch „Erinnerungspolitik in Putins Russland“.

Statement
Im Verlauf des Krieges, der schnell zum Kampf auf Leben und Tod wurde, spielten die Imperien aktiv die ethnische Karte gegen ihre Gegner aus. Sie ermunterten separatistische Strömungen innerhalb der verfeindeten Staaten und führten repressive Maßnahmen gegen abtrünnige oder verdächtige ethnische Gruppen unter ihren eigenen Staatsbürgern ein. Die mächtigen Imperien rieben sich in einem todbringenden Kampf untereinander auf, ihr Zusammenbruch am Ende des Krieges schuf eine Gelegenheit für andere Akteure, mit der Nationalisierung von Staaten in diesem Bereich zu experimentieren.

Ivars Ijabs

Dr. Ivars Ijabs © Dr. Ivars Ijabs Ivars Ijabs (1972) ist Dozent an der Universität Lettlands, Politikwissenschaftler und einer der bekanntesten politischen und kulturellen Berichterstatter in Lettland. Seine Interessen umfassen u.a. die Geschichte politischer Ideen, Nationalismus sowie die Beziehungen zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen in Zentral- und Osteuropa. Er hat mehrere Bücher zur Politiktheorie und lettischen Politik sowie zahlreiche wissenschaftliche Artikel verfasst. Er schreibt regelmäßig eine Kolumne für die lettische Zeitschrift "Rīgas Laiks" und andere Publikationen. Vize-Präsident für professionelle Weiterbildung der Gesellschaft zur Förderung der Baltischen Studien (Association of the Advancement of Baltic Studies - AABS) und Mitglied weiterer wissenschaftlicher Organisationen. Ijabs hat Philosophie und Politikwissenschaften in Lettland, Deutschland und Island studiert. 2010 war er Fulbright Gastdozent an der State University of New Jersey in den USA.


Aivars Stranga

Prof. Aviras Stranga © Prof. Aviras Stranga Aivars Stranga ist Professor und Vorsitzender der historischen Fakultät der Universität Lettlands. Er hat sieben Monographien und über 150 wissenschaftliche und allgemeine Publikationen zu Themen wie Innen- und Außenpolitik Lettlands, internationale Beziehungen zwischen 1918 und 1940 und zur Lettischen Außenpolitik zwischen 1991 und 2000 verfasst. Professor Stranga war Gastprofessor in Stanford, wo er 2002, 2003 und 2009 Vorlesungen zur Geschichte des Baltikums und der Geschichte des Holocausts im Baltikum hielt.

Gespräch zwischen Aivars Stranga und Ljudmila Nowikowa

Statement
Wenn auch bis heute noch heiße Diskussionen darüber geführt werden, wer für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verantwortlich war, so sind sich doch alle einig, dass der Krieg das schicksalhafteste Ereignis des 20. Jahrhunderts war, dessen Ausgang zum Aufstieg der kommunistischen und nationalsozialistischen Diktaturen in Russland und Deutschland sowie der Machtergreifung der Faschisten in Italien wesentlich beigetragen hat. Lettland profitierte hingegen, wie auch mehrere andere Länder, davon – dank des Zusammenbruchs der deutschen und russischen Kaiserreiche wurde es zu einem unabhängigen Staat. Gerade die Erschütterungen des Ersten Weltkriegs führten zu einer rasanten Entwicklung des politischen Bewusstseins in Lettland – innerhalb von ein paar Jahren, ab 1915, entstanden Ideen von immer stärkerer Autonomie innerhalb des russischen Reichs, bis diese schließlich von der Idee einer völligen Unabhängigkeit abgelöst wurden, die letztendlich dank der günstigen internationalen Umstände sowie der Entschlossenheit und des Willens einiger großer lettischer Persönlichkeiten realisiert werden konnte.