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Interviews

Gespräch zwischen Aivars Stranga und Ljudmila Nowikowa

L. N.: Derzeit erinnert man in vielen Ländern Europas an den Beginn des Ersten Weltkriegs. Dieser Krieg hat die politische Karte Europas radikal umgestaltet und zu einem Zerfall der Großreiche auf dem Kontinent und zur Herausbildung einer ganzen Reihe neuer Nationalstaaten geführt. Lettland ist einer dieser Staaten, welche im Zuge des Ersten Weltkriegs und der russischen Revolution als erste unabhängig wurden. Was meinen Sie, wie hat der Erste Weltkrieg zur nationalen Bewusstseinsbildung unter Lettlands Bewohnern beigetragen? Wie wurde der Erste Weltkrieg von der Bevölkerung dieses damals noch imperialen Randgebiets empfunden? Und wie verbanden sich lettischer Nationalismus und imperialer Patriotismus miteinander?

A. S.: Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs gab es fast keinen politischen Nationalismus in Lettland. Nicht einmal die Revolution von 1905, welche in Lettland wirklich vom Volk ausging, brachte politischen Nationalismus hervor. Obwohl zu dieser Zeit bereits Ideen laut wurden, dass Lettland als Bestandteil des Russischen Reiches autonom werden solle, trat dieses Thema hinter solch wichtigen Rufen zurück wie denen nach dem Sturz der Zarenherrschaft, der Einberufung einer konstituierenden Versammlung und der Schaffung einer demokratischen Republik. Als der Erste Weltkrieg begann, entwickelte sich ein recht starker imperialer Patriotismus, der vielleicht sogar stärker war als in vielen anderen Gebieten Russlands. Er wurde von der Vorstellung genährt, dass Deutschland ein Feind der lettischen Bevölkerung sei. Die ethnischen Deutschen, welche in den westlichen Randgebieten des russischen Imperiums lebten, galten im Bewusstsein vieler Letten als uralte Feinde und Verbündete Deutschlands, obwohl die Mehrheit der baltischen Deutschen dem russischen Thron gegenüber loyal blieben. Ein möglicher Sieg Deutschlands im Weltkrieg erschien den Letten wie ein Sieg der vor Ort lebenden deutschen „Barone“, gegen die sich die Revolution von 1905 richtete. Ein Sieg Russlands dagegen konnte die Position der Letten stärken und zu einer Begrenzung des politischen und wirtschaftlichen Einflusses der baltischen Deutschen in der Region führen.

Seinen Höhepunkt erreicht der imperiale Patriotismus in Lettland 1915. Der Grund für diesen Auftrieb war nicht so sehr die Liebe zur Romanow-Dynastie wie die für das Imperium tragische Entwicklung der militärischen Ausschreitungen: Im Frühjahr und im Sommer jenes Jahres okkupierte die deutsche Armee Kurland, einen Teil Lettlands. Als Antwort darauf wurden freiwillige Schützenbataillone unter russischem Oberbefehl geschaffen (insgesamt meldeten sich circa 8000 Menschen als Freiwillige). Hieraus gingen die berühmten Lettischen Schützen hervor, von denen ein Teil später, ab Ende 1917, als Schützen in die Rote Armee gingen. Bis jetzt diskutiert man darüber, ob es überhaupt richtig war, freiwillige Bataillone aus Vertretern einer kleinen Nation zu bilden, welche durch die Mobilisierungen eh schon entkräftet war. Manche meinen, dass es für das lettische Volk ein zu großes Opfer war.

Inzwischen zog sich der Krieg hin und der imperiale Patriotismus in Lettland ebbte nach und nach ab. Die Schützen machten riesige Verluste durch. So verloren die Bataillone im Winter 1916/1917 ein Drittel des persönlichen Bestands. Auch die Lebensmittelsituation verschlechterte sich. Aber sogar unter diesen Umständen war der Thron nicht bereit, Lettland irgendwelche Zugeständnisse zu machen, beispielweise die Autonomie im Bestand des Großreichs anzubieten im Falle, dass Russland im Weltkrieg siegen würde, zu einer Zeit, als die Perspektiven für einen solchen Sieg immer illusorischer erschienen. Mit der Zeit nahm wegen des Krieges auch die Unzufriedenheit zu.

Und vor diesem Hintergrund fand 1917 die Februarrevolution statt, welche in Lettland voller Enthusiasmus begrüßt wurde. Die Revolution brachte demokratische Freiheiten mit sich, aber auch Chaos und Durcheinander, was sich sogar auf die Bataillone der Lettischen Schützen auswirkte, die sich immer durch Disziplin ausgezeichnet hatten. Im Mai 1917 schlossen sich viele Schützen den Sozialdemokraten an – so bildete sich der Kern der zukünftigen „Roten Schützen“. Zur gleichen Zeit hielt ein Teil der Offiziere der zeitweiligen Regierung die Treue, was dazu führte, dass aktive Gegner der bolschewistischen Diktatur die Regierungsreihen verließen, beispielsweise die Obersten Frīdrihs Briedis und Kārlis Goppers, welche Boris Sawinkow bei dem Versuch unterstützten, 1918 Lenin zu stürzen.

Bereits in der ersten Zeit nach der Revolution begann sich der nun auf den Plan getretene politische Nationalismus schnell zu entwickeln. Am deutlichsten trat er hervor, als im Mai 1917 die Partei der lettischen Bauern gegründet wurde – der Lettische Bauernverband (Latvijas Zemnieku savienība, LZS) mit Kārlis Ulmanis und Miķelis Valters an der Spitze. Das Wichtigste für diese Partei war die Schaffung eine föderativen russischen Republik (föderativ und nicht unitarisch) sowie die Bildung eines lettischen Staates im Föderationsverband. So wurde die Idee erörtert, einen Nationalstaat zu schaffen, der allerdings nicht volle Unabhängigkeit genießen sollte.

Im Sommer desselben Jahres veröffentlichte der lettische Dichter Linards Laicens in Moskau ein kleines Buch unter dem Titel „Latvijas valsts“ (Der Lettische Staat), welches in symbolischer Hinsicht bedeutend war. Aber erst nach der Machtergreifung der Bolschewiken im Oktober 1917, die von vielen Letten aktiv unterstützt wurde, begannen die Befürworter eines lettischen Staatswesens über die Notwendigkeit der vollen Unabhängigkeit Lettlands von Russlands zu sprechen. Dieser Gedanke wurde 1918 noch mehr gefestigt, sowohl unter den lettischen Politikern, die auf dem Gebiet Lettlands geblieben waren, welches im Februar 1918 gänzlich von den Deutschen okkupiert worden war, als auch unter jenen Letten, welche sich als Flüchtlinge in den Gouvernements innerhalb Russlands aufhielten.

L. N.: Nach dem Beginn der russischen Revolution, die auf dem Höhepunkt der kriegerischen Auseinandersetzungen stattfand, wurden die Bewohner Lettlands in den Strudel der Revolution und des russischen Bürgerkriegs hineingerissen. Sie haben bereits die roten Lettischen Schützen erwähnt, welche auf der Seite der Bolschewiken waren, aber es gab doch auch Letten, die gegen die Bolschewiken kämpften? Welche Motive standen jeweils dahinter? Und wenn die Letten im russischen Bürgerkrieg in verschiedenen Armeen kämpften, wie schaffte dann Lettland den Übergang in seine Unabhängigkeit?

A. S.: Die Bildung des unabhängigen Lettlands in den Jahren 1918 bis 1920 war dank des unglaublichen Zusammentreffens einer ganzen Reihe von Umständen möglich. Das Wichtigste dabei waren natürlich Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg und der Waffenstillstand an der Westfront, der am 11. November 1918 geschlossen wurde. Dabei war übrigens die Zeitspanne zwischen dem Zusammenbruch der Besatzungsmacht und der neuen Gefahr sehr kurz: Bereits im November beschloss man in Moskau einen Zug gegen Westen zu beginnen und Anfang Dezember drang die Rote Armee auf estnisches und lettisches Gebiet ein.
Zu diesem Zeitpunkt, unter dem Eindruck der Niederlage Deutschlands, gab es ein zweites Schlüsselmoment hinzu, nämlich die persönliche Rolle, die einige große historische Akteure spielten – in erster Linie Kārlis Ulmanis und Miķelis Valters sowie die Führer der lettischen Sozialdemokraten (Menschewiken), darunter auch Fricis Menders und Pauls Kalniņš. Ulmanis beschloss unverzüglich die Unabhängigkeit Lettlands zu verkünden. Die wichtigste Losung, die Valters formulierte, war „Lettland dem lettischen Volk“. Im Unterschied zum Ruf „Lettland den Letten“ bezog sich Valters‘ liberale Losung auf die Schaffung eines ethnisch toleranten lettischen Staates.

Dabei reichte es nicht Lettlands Unabhängigkeit zu verkünden. Die wichtigste Frage war die, wie man das Land vor dem sowjetischen Einmarsch schützen könnte. Die Letten wollten nicht mehr kämpfen, eine übermäßige Erschöpfung durch den Krieg hatte sich breitgemacht. Für die erste lettische bewaffnete Abteilung, welche von Ulmanis gegründet worden war, konnten nur 200 Letten gewonnen werden. Und Anfang 1919 hatte die Rote Armee bereits fast das gesamte Territorium Lettlands besetzt. Aber hier schalteten sich unerwarteter Weise andere Kräfte ein, nämlich deutsche Formationen, zu denen auch die Baltendeutschen vor Ort gehörten, wie auch Freiwillige aus Deutschland, denen es zum Mai 1919 hin gelang, die Roten aus Kurland und Riga zu verdrängen. Unterstützung bekamen sie von lettischen Abteilungen, die im März noch immer nur 600 Mann zählten, sowie von russischen antibolschewistischen Truppen unter dem Kommando von Anatol Lieven und Hauptmann Kliments Didorov.

Der Erfolg ihrer gemeinsamen Anstrengungen beruhte in großem Maße auch auf den Handlungen der Sowjetmacht. Die in Lettland errichtete kommunistische Diktatur mit Pēteris Stučka an der Spitze entfachte eine solch brutale Politik des Terrors, dass sich sogar jene Bewohner Lettlands von den Roten abwendeten, welche anfangs die Errichtung der Sowjetmacht begrüßt hatte. Anfang 1919 hatte ein bedeutender Teil der Bevölkerung Lettlands mit den Bolschewisten sympathisiert – möglicherweise sogar die Mehrheit, aber innerhalb weniger Monate änderte sich die Lage grundlegend. Besonders unpopulär war die Agrarpolitik, welche von den dogmatischen Kommunisten Lettlands umgesetzt wurde, die die Nationalisierung des gesamten Bodens verkündete, auch der bäuerlichen Grundstücke. In kürzester Zeit wurden 249 Sowchosen gegründet, und zwar zu einem Zeitpunkt, als es diese noch nicht einmal mal in Sowjetrussland gab. So gesehen war Stučka in vielerlei Hinsicht sogar ein größerer Extremist als Lenin.

Das in Lettland errichtete Regime war ungeheuerlich grausam, besonders gegenüber dem deutschen Adel. Bereits am 24. April wurde das Dekret über ihre Zwangsaussiedlung nach Sibirien verabschiedet. Bis dahin mussten sie sich in Konzentrationslagern aufhalten. Wären die Kommunisten länger an der Macht geblieben, hätte die Politik gegenüber den Baltendeutschen in einen Genozid münden können. Die Baltendeutschen kämpften deshalb so heldenhaft gegen die Kommunisten, weil es in ihren Augen war ein Kampf ums ethnische Überleben war. Die deutschen Abteilungen wollten Riga unter anderem deshalb erobern, weil sich in den Gefängnissen dort zum Tode verurteilte deutsche Häftlinge befanden, darunter auch adlige Frauen, mit welchen das Stučka -Regime nicht minder brutal umging als mit den Männern. Als sie die Stadt einnahmen, ließen die deutschen Abteilungen ihrerseits ebenfalls einen schrecklichen Terror walten, bei dem sie rund 2000 Menschen töteten. So sah ihre Antwort auf den roten Terror Stučka aus.

Dabei hatten es die deutschen Truppen nicht eilig, Riga den Letten zu übergeben, nachdem sie die Roten aus der Stadt verjagt hatten. Im Gegenteil versuchten sie, sich ganz Lettland und andere baltische Länder zu unterwerfen: Von Riga aus bewegten sie sich nach Norden, wo sie aber im Kampf gegen die Infanteristen der estnischen Armee die erste große Niederlage erlitten. Die estnischen Formationen, die das Gebiet im Norden Lettlands betraten, hatten bereits die Roten von hier verjagt, und in ihren Reihen kämpften damals bereits viele Letten. Im Juni 1919 mussten die deutschen Teile bei Cēsis eine große Niederlage erleiden. Die deutschen Truppen waren zwar nicht gänzlich zerschlagen, aber sie mussten Riga trotzdem zurücklassen.

Ein Teil des lettischen Gebiets hatten die Deutschen unter ihrer Kontrolle, als sie im Oktober 1919 erneut versuchten, Riga einzunehmen, wobei sie gemeinsam mit den „Weißen“ der russischen Abteilungen auftraten (hier handelte es sich nicht um die Truppen Lievens und Didorovs welche nie gegen lettische Einheiten gekämpft hatten). Allerdings wurde Lettlands Bevölkerung zu diesem Moment von einer mächtiger Welle des Patriotismus erfasst: Den Reihen der nationalen Armee, die erst im Juli 1919 geschaffen worden war, strömten massenweise Freiwillige zu. Die Menschen gingen zur Armee und viele von ihnen waren völlig mittellos und besaßen nicht einmal Schuhe. Das Volk selbst trat so auf die Bühne der Geschichte, weil es in einem möglichen Sieg der „Weißen“ eine Bedrohung für die Existenz der lettischen Nation sah. Im November 1919 wurden mit der Unterstützung der Flotte Englands und Frankreichs die deutschen und russischen weißgardistischen Abteilungen endgültig zerschlagen. Sie waren von Paul Bermondt-Awaloff kommandiert worden, hinter dem der deutsche General Rüdiger von Golz stand. Und Ende November 1919 erklärte Lettland Deutschland sogar offiziell den Krieg.

Im Zuge dieser Kämpfe wurde ein großer Teil des Territoriums Lettlands befreit, nur der östliche Teil des Landes – Lettgallen – befand sich noch unter der Kontrolle der Sowjets. Zu diesem Zeitpunkt kam Polen der lettischen Regierung zu Hilfe, welches aus strategischen Gründen nicht zulassen konnte, dass sich nördlich der polnischen Stationierungen die rote Front entlang ziehen würde. Ende Dezember 1919 wurde zwischen Lettland und Polen ein Kriegsbündnis mit dem Ziel geschlossen, Lettgallen zu befreien. Und durch die gemeinsamen Operationen der lettischen und polnischen Truppen, welche 10.000 lettische und 30.000 polnische Infanteristen zählten, wurden im Januar 1920 die Roten endgültig aus Lettgallen verdrängt. Der Gerechtigkeit halber muss gesagt werden, dass im Bestand der lettischen Armee in Lettgallen auch Teile der deutschen Landwehr wacker mitgekämpft hatten, wobei sie sich besonders bei der Einnahme der Stadt Rēzekne auszeichnet hatten. Im Ergebnis wurde ganz Lettland befreit. Polen zog seine Truppen aus dem Gebiet Lettlands ab und erkannte die Macht der lettischen Regierung über Lettgallen an, ungeachtet dessen, dass dieses Gebiet Bestandteil Polens bis zu dessen erster Teilung im Jahr 1772 gewesen war. Polens Staatschef Józef Piłsudski kann mit Recht ein Freund des lettischen Staates genannt werden!

Auf diese Ereignisse folgten freie und demokratische Wahlen zum lettischen Parlament – die konstituierende Versammlung fand im April 1920 statt. Man hatte sich die Unabhängigkeit und die Demokratie des Landes erobert. In den fünf bis sechs Jahren, die seit dem Beginn des Ersten Weltkriegs vergangen waren, durchlief die lettische Nation eine in ihrer Schnelligkeit fast einzigartige Entwicklung, die vielleicht nur mit der Geschichte Estlands zu vergleichen ist. Weder in Estland noch in Lettlang hatte es bis zu diesem Zeitpunkt ein unabhängiges Staatswesen gegeben. Die litauischen Nachbarn dagegen hegten das historische Gedächtnis an das Großfürstentum Litauen. 1920 erinnerte sich im unabhängigen Lettland kaum noch jemand an die patriotischen Demonstrationen zur Unterstützung der Romanows, mit denen die Letten im August 1914 den Beginn des Ersten Weltkriegs feierten ...

L. N.: Lettland verließ den Bestand Russlands zweimal – einmal nach der Revolution, als das Russische Imperium zerfiel, das zweite Mal nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems in der Sowjetunion. Welchen Platz nehmen der Erste Weltkrieg und die russische Revolution im kulturellen Gedächtnis Lettlands heute ein? Wie schreibt man darüber beispielsweise in den Schulbüchern und wie behandelt man diese historischen Ereignisse in Museen und auf Ausstellungen im Hinblick auf die darauffolgende Geschichte des Landes?

A. S.: In den westlichen Ländern hat man schon vor Langem damit begonnen zu erforschen, wie das soziale oder kollektive Gedächtnis konstruiert wird, wie es wirkt, lebt und stirbt, wobei auch diskutiert wird, ob es prinzipiell, neurologisch gesehen, neben dem individuellen Gedächtnis überhaupt ein anderes geben kann. In Lettland hat man sich dem Thema des kulturellen Gedächtnisses erst vor Kurzem zugewandt, dank den Bemühungen und der Energie einer Einzelnen, nämlich Vita Zelče, die Professorin an der lettischen Universität ist. Sie hat nicht nur mit den Forschungen in diesem Bereich begonnen, sondern auch ein wissenschaftliche Institut des sozialen Gedächtnisses gegründet. Ihr haben sich Forscher der jüngeren Generation angeschlossen, darunter Kaspars Zellis, Uldis Neiburgs, Martins Kaprans sowie Didzis Berzinš, die alle Doktoren der Geschichtswissenschaft sind, und noch andere Forscher. Zuerst konzentrierten sie sich auf eine Thematik, die mit dem Zweiten Weltkrieg in Verbindung steht, nämlich auf die Okkupationspraktiken und den Genozid, darunter auch den Holocaust. Berzinš schließt jetzt seine Arbeit an einem umfangreichen Werk über den Platz des Holocausts im sozialen Gedächtnis der Letten ab. Er stellt fest, dass in den Vorstellungen der Letten immer noch die Unterscheidung in „unser” Leiden, also das Leiden der Letten während des Krieges, welches als das Größte und Tragischste gilt, und das Leiden „der anderen”, also der Juden. Trotzdem findet die Vorstellung, dass der Holocaust eine allgemeine Tragödie ist, nach und nach Einzug ins kollektive Gedächtnis der Letten. Das große Verdienst Zelčes und ihrer Kollegen ist auch, dass sie im Rahmen des Aufbaus eines kollektiven Gedächtnisses zum Zweiten Weltkrieg auch jene Einwohner Lettlands berücksichtigen, die in der Roten Armee gekämpft hatten.

Die Problematik des Gedächtnisses zum Ersten Weltkrieg begann man in Lettland relativ spät zu untersuchen. Beispielsweise der oben erwähnte Kaspars Zellis, der methodologisch die Ursprünge solcher Phänomene wie des sozialen Gedächtnisses, des politischen Gedächtnisses, des sozialpolitischen Mythos, der „Memory Wars“ analysierte, ging auch der Formierung des Gedenkens der Lettischen Schützen nach, insbesondere im Zeitraum der Unabhängigkeit von 1918 bis 1940. Damals entstand das mythologisierte Bild des Lettischen Schützen, der oft jeglicher individueller Züge beraubt war und „uns Letten“ symbolisierte. Zellis lenkt die Aufmerksamkeit auch auf die Erscheinung eines politischen und sozialen Mythos, der besagt, dass sowohl die Lettischen Schützen, die im Bestand der Kaiserlich Russischen Armee gekämpft hatten, als auch die Soldaten, die während des Kriegs 1918 bis 1920 für die lettische Unabhängigkeit gekämpft hatten, für ein und dasselbe Ziel – ein unabhängiges Lettland – gekämpft hätten. Dieser Mythos stellte eine direkte Verbindung her zwischen der Schaffung der ersten lettischen Bataillone, die innerhalb der zaristischen Armee 1915 gebildet wurden, und der darauffolgenden Erringung der lettischen Unabhängigkeit.

Parallel zu den Forschungen zum Thema des historischen Gedächtnisses erscheinen auch Arbeiten, die vielen früher unbekannten Seiten des Ersten Weltkriegs gewidmet sind. Zu den innovativsten unter ihnen gehören die Arbeiten der Geschichtswissenschaftlerin Dr. Ineta Lipša, welche sich der Geschichte der Sexualität in Lettland widmen und in denen auch die Zeit des Ersten Weltkriegs untersucht wird. Ihre Studien spiegeln wider, dass sich in der lettischen Geschichtsschreibung Methoden aus der westlichen Geschichtswissenschaft verbreiten. Die Autorin beschreibt auch die „moralische Panik”, welche die lettischen Intellektuellen angesichts des Sexualverhaltens lettischer Frauen während des Krieges ergriff, besonders ihre sexuellen Beziehungen zum Feind – den deutschen Soldaten. In der Bewertung galt ein solches Verhalten fast als nationaler Verrat, es symbolisierte die Unterwerfung der Nation unter den Feind mittels des weiblichen Körpers.

In den Arbeiten des Geschichtswissenschaftlers Eriks Jekabsons wiederum wird die Rollen von Frauen und Kindern bei militärischen Aktionen während des Ersten Weltkriegs und im lettischen Unabhängigkeitskriegs untersucht. Seiner Feder entstammt auch die innovative Arbeit zur Rolle der Juden in der lettischen Armee 1919 bis 1920. Jekabsons räumt hier mit dem Mythos auf, dass Juden nicht für die lettische Unabhängigkeit gekämpft oder sich vorm Armeedienst gedrückt hätten. Einer der Helden in Jekabsons’ Darstellungen ist ein jüdischer Junge namens Kopel Gorelik, der – erst 10 Jahre alt – freiwillig in die lettische Armee eintrat.
In den Forschungen des jungen Historikers Klāvs Zariņš wird die Politik der deutschen Besatzungsmacht in Kurland 1915 bis 1917 betrachtet, darunter auch die Politik der Assimilation der Letten und die Lebensmittelpolitik sowie deren Auswirkungen auf den Alltag der Zivilisten. Zariņš zeigt beispielsweise, dass die Besatzungsmacht im Kampf mit der Zunahme des Hungers 1916 ein offizielles Verbot einführte, wonach die örtliche Bevölkerung im Monat nicht mehr als drei Eier und 150 Gramm Fleisch im Monat kaufen durfte. Die Versorgungslage war so dramatisch, dass sogar die Prostitution aufblühte mit dem Ziel der Essensbeschaffung.

Die angeführten Beispiele zeugen davon, dass sich in der gegenwärtigen lettischen Geschichtsschreibung ein recht breites Spektrum von Untersuchungen zum Ersten Weltkrieg entwickelt.

L. N.: Ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch!


Aus dem Russischen von Anna Burck