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Interviews

Interview mit Prof. Ivo Banac von Anatoly Golubovsky

„Der Geist der Kritik und Selbsterforschung ist charakteristisch für die europäische Identität.“ (Prof. Ivo Banac)

A.G.: Einige Sozialforscher und Kommentatoren bringen viele aktuelle Konflikte – von Terrorangriffen bis zur Rückkehr des Kalten Krieges nach Europa – in Zusammenhang mit dem schmerzhaften Prozess, eine Identität durch eine andere oder durch multiple Identitäten, wie etwa „sowjetische“ durch „postsowjetische“ oder „jugoslawische“ durch multiple „balkanische“ Identitäten, zu ersetzen. Würden Sie dem zustimmen? Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht Identität für die gegenwärtige politische und kulturelle Integration oder Desintegration?

I.B.: Nein, ich würde dem nicht zustimmen, aber insofern als einige Identitäten sicher infrage gestellt und vielleicht sogar verändert werden, formuliere ich meine Nichtzustimmung mit einigen begleitenden Vorbehalten. Die aktuelle Bedeutung von „Terrorismus“ und „Terrorangriffen“ ist höchst zweifelhaft und wird regelmäßig benutzt, um die Gewalt von Gruppen zu delegitimieren, die man ablehnt. Heutzutage dienen sie im Großen und Ganzen dazu, muslimische Gewalt, insbesondere gegen den Westen, zu beschreiben. Es mag dabei auch um bestimmte Identitätsfragen gehen, aber eigentlich tun diese nichts zur Sache. Auch in den Konflikten sich auflösender multinationaler Staaten halte ich Identität nicht für grundlegend. Die postjugoslawischen Kriege waren vorwiegend Unabhängigkeitskriege, als Reaktion auf die Versuche Serbiens, Gebiete zu behalten, die die serbischen Anführer für eigentlich serbisch hielten, obwohl sie innerhalb anderer Teilrepubliken (Kroatien, Bosnien, Kosovo) lagen. Miloševićs Botschaft war: „Ihr könnte unabhängig sein, aber nicht mit unserem Territorium“, die gleiche Botschaft, die Putin verwendete, als er die Krim annektierte und Einfluss auf Teile der Ostukraine nahm. Identitätsfragen kommen dann ins Spiel, wenn man zu beweisen versucht, dass Bosnien Westserbien oder dass die Ukraine Neurussland ist, doch das sind Rechtfertigungen innerhalb von Konflikten, die in erster Linie politischer Natur sind. Natürlich sind imperiale Identitäten nach der Auflösung der Sowjetunion und Jugoslawiens weitgehend verschwunden. Ich weiß nicht, wie es sich in Russland und den anderen postsowjetischen Staaten verhält, aber in den ex-jugoslawischen Staaten gibt es immer noch – wenn auch nicht überall in gleichem Maße – einige Menschen, die ihre Nationalität als jugoslawisch verstehen, und viele mehr, die jugonostalgisch sind. Das ist eine Generationsfrage und erinnert an das bleibende prohabsburgische Gefühl in einigen der posthabsburgischen Staaten.

Identitätsfragen spielen eine größere Rolle in Konflikten innerhalb von komplexen demokratischen europäischen Staaten wie Großbritannien, Belgien und Spanien, wo britische, belgische und spanische Identitäten infrage gestellt werden. Sie spielen auch eine Rolle bei Fragen des Föderalismus in der EU, den die „Euroskeptiker“ ablehnen. Auch sollte man nicht die Integrationsprobleme farbiger und/oder muslimischer Immigrantengruppen in Westeuropa vergessen. Wenn man gleichzeitig schwarz, Moslem und Franzose sein kann, könnten Identitätskonflikte abnehmen. Im Moment ist die Antwort auf diese Frage nicht ermutigend.
 
A.G.: Könnten Sie erläutern, ob und in welchem Maße aus Ihrer Sicht das Konzept „Identität“ auf Sprache und Kultur beruht?

I.B.:
Das sind sicher wichtige Komponenten, doch man sollte die politische Geschichte nicht ausklammern. Die gebildeten Schichten in Osteuropa und auf dem Balkan sprachen bis in die Moderne verschiedene nichtmundartliche Sprachen, doch wurden ihre Erinnerungen an die mittelalterliche Staatlichkeit durch die Kirche oder die Tradition sogar unter heterodoxer Fremdherrschaft lebendig gehalten. Moderne Nationen wurde nicht in einem Vakuum „imaginiert“. Sie stellten spezifische linguistisch-kulturell-politische Mischungen im Zeitalter der Ideologie und des Säkularismus dar.

A.G.: Hat der Zusammenbruch traditioneller Reiche während des Ersten Weltkriegs zur Entstehung neuer Identitäten, neuer kultureller und sprachlicher Einheiten geführt? Oder entstanden diese im Inneren der Reiche und zerstörten sie von innen heraus?
 

I.B.: Ich kann mich nicht an eine einzige neue Identität erinnern, die nach dem Zusammenbruch traditioneller Reiche entstanden wäre. Selbst die tschechoslowakischen und jugoslawischen Identitäten, deren Ursprünge in Österreich-Ungarn liegen, entstanden vor dessen Zusammenbruch. Die sowjetische Identität kam später und war nicht deckungsgleich mit der Revolution. Doch dann bedeutete der Zusammenbruch des russischen Reiches, ebenso wie im Fall des deutschen Kaiserreichs, nur einen begrenzten Gebietsverlust und die Kontinuität der vorherrschenden imperialen Identität. Natürlich beharrte die leninistische Innenpolitik, die aus eigenen Gründen oftmals pragmatisch war, auf der Anerkennung verschiedener „neuer“ Nationalitäten, von denen sich manche, wie im Kaukasus und Zentralasien, vielleicht sprachlich (wenn auch nicht unbedingt kulturell) rechtfertigen ließen, während andere (Karelier, Moldawier) ziemlich zweifelhaft waren.

A.G.: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und Jugoslawiens und nach der deutschen Vereinigung (umgekehrte Dynamiken) hat Europa nochmals einen weitreichenden gesellschaftlichen, kulturellen und nationalen Identifikationsprozess durchlaufen, der traditionell als die Befreiung von den Auswirkungen einer totalitären und autoritären Mentalität sowjetischer Prägung beschrieben wird. Was lässt sich heute über diese Tendenzen sagen? Sind sie zum Abschluss gekommen? In welche Richtung geht die Entwicklung?

I.B.: Man kann wohl behaupten, dass der Zusammenbruch des „Realsozialismus“ zur Befreiung von einer totalitären und autoritären Mentalität in ganz Europa beigetragen hat, auch wenn die Auswirkungen primär jene Länder betrafen, in denen zuvor kommunistische Parteien geherrscht hatten. Und ich nehme auch an, dass dies zu umfassenden gesellschaftlichen, kulturellen und nationalen Identifikationsprozessen beigetragen hat, was nur normal ist, wenn Hindernisse der Selbstbestimmung wegfallen. Aber ist das nicht eine merkwürdige Art, dies zu formulieren? Aus meiner Sicht waren die Sowjetunion und Jugoslawien, und eigentlich auch die DDR, nur aufgrund des kommunistischen Totalitarismus möglich. Nachdem diese Grundlage weggefallen war, brachen auch diese Einheiten zusammen. Daher sollte man den Akzent auf den Prozess der Einführung oder Wiederherstellung der freiheitlichen Demokratie mit all den sozialen und ökonomischen Konsequenzen legen, die der ursprüngliche Prozess nach sich zog. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen, und leider wurde er in manchen Fällen (Russland) umgekehrt. Angesichts der Betonung von Kontinuität und der Vermeidung von Konflikten in zumindest einigen Versionen des Übergangs war dies nicht anders zu erwarten. Die Richtung der Entwicklung hängt daher vom Widerstand der alten Eliten und der Herrschaftsstrukturen ab. Manche bezeichnen dies als Folge der „unvollendeten Revolution“, das heißt des Scheiterns, den Verbrechen und den damit einhergehenden politischen Einstellungen der kommunistischen Vergangenheit Rechnung zu tragen, was dazu führt, dass die Vollendung des Übergangs zur Demokratie und zur Marktwirtschaft scheitert.

A.G.: Wie sieht die Zukunft nationaler und kultureller Identitäten im geeinten Europa aus? Welche Auswirkungen haben diese auf die europäische Integration?

I.B.: Wenn Sie mit dem „geeinten Europa“ die EU meinen, die das einzige „real existierende“ geeinte Europa darstellt, dann gibt es hier keine echten Überraschungen. Wir haben eine Gemeinschaft von Nationalstaaten, die alle so alt sind wie der europäische Prozess der nationalen Einigung (der frühestens im 16. Jahrhundert einsetzt), geeint durch eine Reihe gemeinsamer politischer und wirtschaftlicher Richtlinien, denen man die Idee einer gemeinsamer europäischen Identität übergestülpt hat. Das bedeutet nicht, dass nicht dieselbe Identität in jenen europäischen Ländern existiert, die keine EU-Mitglieder sind, wie etwa die Schweiz; aber es bedeutet, dass ihr Potenzial für eine noch tiefergehende Einigung nur unter dem Schutz des EU-Schirms lebendig ist.

A.G.: Politische Korrektheit, Toleranz, Multikulturalität – kann man diese Ideen als Elemente der modernen europäischen Identität betrachten?

I.B.: Ja, ebenso wie europäischen Exzeptionalismus, Intoleranz, Nationalismus und Imperialismus. Es wäre töricht, bei der Gestaltung der heutigen europäischen Identität die europäischen Fehler zugunsten der positiven europäischen Werte zu ignorieren. Tatsächlich ist der Geist der Kritik und Selbsterforschung charakteristisch für die europäische Identität.

A.G.: Was ist die kulturelle und identitäre Grundlage der neuen Konfrontation zwischen Ost und West? Würden Sie diese Konfrontation in diesen Begriffen definieren?

I.B.: Der Westen, das heißt die euro-atlantischen Staaten, betrachten die freiheitliche Demokratie und den Kapitalismus als universelle Rahmenbedingungen, die überall eingeführt werden können. Die autoritären und totalitären Staaten des Ostens, selbst jene mit verbrauchten universalistischen Ansprüchen wie etwa China, betonen stets kulturelle Grenzen gegenüber dem westlichen Universalismus von Demokratie und Markt. Das derzeitige ideologische Paradigma so unterschiedlicher Mächte wie China, Russland, Iran und Ägypten beharrt auf westlicher Dekadenz und der inhärenten Schwäche westlicher Permissivität und Maßlosigkeit. Doch sie versagen sich den demokratischen Vorzug der Selbstkorrektur, der dem westlichen Denken innewohnt. Damit sind wir wieder bei der alten slawophilen Interpretation der Spaltung zwischen Osten und Westen angelangt – der Osten als die Zivilisation der Gnade und der Westen als die Zivilisation des Gesetzes. Die realen Gründe für die derzeitige Konfrontation zwischen Ost und West sind profaner – es handelt sich um alles andere als vielversprechende Versuche eigennütziger Eliten, das Machtmonopol (und den Ausschluss eines demokratischen und wirtschaftlichen Wettbewerbs) aufrechtzuerhalten.

A.G.: Wie denken Sie über die Versuche, eine eurasische Integration zu schaffen? Wo liegen ihre historischen und kulturellen Ursprünge? Können wir von der eurasischen Integration als einer Realität sprechen oder ist sie nur eine Zukunftsperspektive?

I.B.: Einigungen können nur gelingen, wenn sie auf Gleichheit und Zusammenarbeit beruhen. 1940 bot der japanische Imperialismus etwas an, das man als Großostasiatische Wohlstandssphäre bezeichnete, doch ihr Inhalt beruhte auf einem Ausschluss des Westens und auf der angeblichen Überlegenheit der Yamato-Rasse. Der Eurasianismus war ebenso ein Projekt der Verzweiflung, als er erstmals in der aufregenden Atmosphäre der Emigration russischer Intellektueller in den 1920er Jahren aufkam, wie in Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Die Vorstellung, die russische Kultur sei nicht „europäisch“, ist zugegebenermaßen etwas exzentrischer als die Aussicht, dass sich der Sowjetstaat zu einer christlich-orthodoxen Theokratie entwickelt. Ich glaube mit Unamuno, dass Russland ebenso zu Europa gehört wie andere Länder an der Grenze Europas, wie beispielsweise Spanien (das Unamuno als hispano-afrikanische Zivilisation bezeichnet hat), und dass die einzige Perspektive für Russland die Aussöhnung mit Europa ist. Das kann dauern, aber es ist der einzige Ausweg aus Russlands gegenwärtiger misslicher Lage. Daher ist es bedrückend zu sehen, dass viele Länder, wie etwa die Türkei, die gerade aufgrund ihrer Offenheit gegenüber Europa ausgezeichnete Fortschritte gemacht hatten, vom europäischen Weg abweichen.

A.G.: Könnten Sie eine Einschätzung oder Prognose der Konfliktdynamik im postsowjetischen oder, darüber hinaus, im posttotalitären europäischen Raum abgeben?

I.B.: Alles wird davon abhängen, ob sich die euro-atlantischen Werte bewähren. Hier ist Vorsicht geboten: Wenn das Glaubenssystem des Westens bloß Augenwischerei ist, wenn sein realer Inhalt zynisches Konsumdenken, Permissivität und moralischer Relativismus sind, dann wird seine inhärente Schwäche nicht reichen, um gegenüber einer entschiedenen ideologischen – politischen oder spirituellen – Alternative zu bestehen. Das ist die einzige echte Sorge im posttotalitären europäischen Raum.

Aus dem Englischen von Barbara Hess