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Interviews

Interview von Liudmila Novikova mit Jan Claas Behrends

„Identität ist eine dynamische Charakteristik, es ist die Erwiderung auf die schwierige Frage ‚Wer bin ich (wer bist du)‘, bei der alte Antworten gar nicht unbedingt vergessen, sondern sicherlich neu gedacht werden.“ (Gasan Gusejnov)

L.N.: 2014 fanden anlässlich des Beginns des Ersten Weltkrieges vor einhundert Jahren in vielen Ländern Europas zahlreiche Gedenkveranstaltungen statt. Wir sehr hat sich aus Ihrer Sicht die Welt in den vergangenen hundert Jahren verändert, wenn man aus dieser Perspektive zurückschaut? Wie sehr unterscheiden sich die heutigen Beziehungen zwischen den europäischen Ländern und Russland von denen vor einem Jahrhundert? Was sind, Ihrer Auffassung nach, die wichtigsten Kontinuitäten und Brüche?

J.B.: Das Europa des Jahres 2014 ist ein postimperialer Kontinent. Während Europa, und im Grunde genommen der größte Teil der Welt, 1914 von einer Handvoll Imperialmächte kontrolliert wurde, wird der Kontinent heute von Nationalstaaten bestimmt. Man könnte daher behaupten, dass ein Europa der Imperien aufgrund der Veränderungen, die 1918/19 und 1989/91 stattgefunden haben, von einer größeren Zahl kleinerer Nationalstaaten ersetzt wurde. Doch die europäischen Staaten unserer Zeit genießen nicht die unumstrittene Souveränität der Imperien vor 1914. Seit den 1950er Jahren haben sich die meisten dieser Staaten freiwillig der Europäischen Union (oder einem ihrer Vorläufer) angeschlossen, ursprünglich ein Wirtschaftsbündnis, das jedoch zunehmend auch zu einer politischen Macht wurde. Sie haben einen großen Teil ihrer Souveränität an die EU in Brüssel abgegeben. Auch in Verteidigungsfragen sind die europäischen Staaten nicht mehr in große Allianzen aufgeteilt; vielmehr kooperieren ihre Streitkräfte unter dem Dach des westlichen Bündnisses – abgesehen von wenigen Ausnahmen wie Schweden oder der Schweiz, die neutral sind. Damit kommen wir zur letzten großen Veränderung des vergangenen Jahrhunderts. Seit 1944 sind die Vereinigten Staaten eine europäische Macht. De facto beruht die Sicherheit der meisten europäischen Staaten mehr oder weniger auf ihrem Bündnis mit dem militärischen und wirtschaftlichen Machtzentrum der Welt. Man kann Europa während des Kalten Krieges und nach dem Fall des Kommunismus nur in Verbindung mit den USA verstehen. Kein anderer einzelner Staat hat den Kontinent stärker beeinflusst: Politisch, wirtschaftlich, aber auch kulturell hat Amerika die europäische Landschaft verändert.

Die Vereinigten Staaten sind seit Langem die stärkste Macht weltweit. Nach dem Ersten Weltkrieg beschloss Washington, Europa zu verlassen, und beobachtete den Zusammenbruch der Ordnung von Versailles als Außenstehender. Doch das, was ein Frieden sein sollte, erwies sich als vorübergehender Waffenstillstand; unter der Führung der Nazis sann Deutschland auf Rache und war entschlossen, sich den Kontinent zu unterwerfen: coûte que coûte. Trotz ihrer ideologischen Feindschaft erwiesen sich Berlin und Moskau als Partner bei der Zerstörung der internationalen Ordnung nach 1918. Erst Hitlers Angriff auf Stalins UdSSR führte zu der unbehaglichen Allianz zwischen Moskau und dem Westen. Der Zweite Weltkrieg endete mit Stalins Triumph und der Gründung eines Sowjetreichs vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte Westeuropa ebenso im Schatten der USA, wie der Osten des Kontinents, auf andere Weise, zu einem Teil des sowjetischen Imperiums wurde. Nach dreißig Jahren Krieg, Revolution und Genozid – 1914–1945 – war das Europa des Kalten Krieges ein Ort der unsicheren Stabilität und des unbehaglichen Friedens. Die Ordnung von Jalta, die die Westmächte akzeptiert hatten, wurde letztlich nicht durch regelmäßige Volksaufstände gegen die missliebigen Regime destabilisiert und zerstört, sondern durch die Handlungen, die aus der Mitte des Sowjetreichs kamen. Man kann behaupten, dass der Kommunismus so oder so gefallen wäre. Aber die Art, wie er fiel, und die Geschwindigkeit, mit der sich die UdSSR und ihr europäisches Reich auflösten, war – in Francis Fukuyamas berühmten Worten – das Werk Michail Gorbatschows. Nach dem Ende des Kommunismus in Europa erwarteten viele im Westen „das Ende der Geschichte“, das heißt den vollständigen Sieg des freiheitlichen Staates und der Marktwirtschaft. Mehr als zwei Jahrzehnte später können wir diese Vorhersage als letzte Täuschung des 20. Jahrhunderts bezeichnen.

Russland war, in besonderer Weise, Teil dieses europäischen Jahrhunderts. Zusammen mit Deutschland, Österreich und dem Osmanischen Reich gehörte es zu den Imperien, die am Ende des Ersten Weltkriegs zerbrachen. Nach dem Sieg der Bolschewiken im Russischen Bürgerkrieg wurde es ein Pariastaat. In der Zwischenkriegszeit stand die Sowjetunion zumeist abseits der europäischen Politik; nur die Konsolidierung von Stalins Macht, die rasche Industrialisierung und die Bedrohung, die von Nazi-Deutschland ausging, brachten sie zurück in die europäische Arena. Der überwältigende, aber teure Sieg im Zweiten Weltkrieg etablierte Moskau auf der Weltbühne als Supermacht. Doch der Traum Stalins und seiner Nachfolger, mit den USA zu konkurrieren, hatte auch einen hohen Preis. Der Reichtum des Landes wurde fast ausschließlich für das Militär und die Wahrung von Interessen der UdSSR in Europa und der Welt ausgegeben. Sogar noch vor der Perestroika begriffen viele, die der sowjetischen Elite angehörten, dass ein solcher Kurs nicht nachhaltig war.

Michail Gorbatschows „Liberalisierung von oben“ hat das Ansehen der UdSSR in Europa verändert. Die Angst vor der Supermacht im Osten wich schnell den Ideen von Kooperation und Partnerschaft. Doch das Verhältnis zwischen Europa und Russland war erneut asymmetrisch, wenn auch auf andere Weise: Gorbatschows UdSSR und Jelzins Russland wurden als verarmter Nachbar und nicht als Großmacht wahrgenommen. Daher war die Partnerschaft mit Europa und dem Westen für viele Angehörige der russischen Elite mit der Niederlage im Kalten Krieg und dem Verlust des Supermacht-Status verknüpft.

Das nachfolgende Drama des Jahres 1991 – der KGB-Putsch gegen Gorbatschow und Jelzins Gegenputsch im Herbst – ließen Russland zwei Wahlmöglichkeiten: Moskau konnte versuchen, einen multiethnischen Nationalstaat aufzubauen, oder es konnte danach streben, von seinem verlorenen Reich so viel wie möglich zurückzubekommen. Eine Zeitlang hat man keine dieser Optionen verfolgt. Aber seit dem Ende der 1990er-Jahre sind die Differenzen zwischen Russland und dem Westen immer sichtbarer geworden: Moskau hat sich für die imperiale Option entschieden. Was die Sprache der Politik betrifft, fing es damit an, die anderen postsowjetischen Staaten als „benachbartes Ausland“ zu bezeichnen – eine kaum verschleierte Art, „Einflussbereich“ zu sagen. Gleichzeitig stellte der Kreml liberale Reformen ein und beschloss, zur Autokratie zurückzukehren. Während sich also Europa zu einer Gemeinschaft von Nationalstaaten mit begrenzter Souveränität entwickelte, beanspruchte Russland volle Souveränität und eine traditionelle Einflusssphäre – im Sinne der Zeit vor 1914 oder im Sinne des Kalten Krieges. Am Anfang des 21. Jahrhunderts hält Russland, im Unterschied zu den meisten Staaten Europas, an einem anderen Konzept von internationaler Ordnung fest. Europa hat das Wilson’sche Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Völker (unabhängig von ihrer Größe und Stärke) mit der Idee der europäischen Einigung kombiniert, um Frieden, Stabilität und Wohlstand zu sichern. Gleichzeitig hat Russland für den postsowjetischen Raum seine eigene Monroe-Doktrin entwickelt; Moskau übernimmt Ideen von Carl Schmitt und betrachtet sich als die einzige legitime Macht auf diesem Gebiet – es nimmt die Präsenz anderer Mächte, namentlich der EU oder der USA, als eine bedrohliche Entwicklung und souveräne Entscheidungen anderer postsowjetischer Staaten als feindliche Handlung wahr. Für Russland spielen Größe und Stärke, also die Hard Power eines Staates, eine wichtige Rolle. Während der Kreml die Hoheitsrechte anderer, historisch rivalisierender Nationen wie Frankreich, Großbritannien oder Deutschland akzeptiert, verweigert es Lettland, Kasachstan, Georgien oder der Ukraine volle Souveränität.

Es ist sicher Zufall, dass diese konkurrierenden Vorstellungen von der Ordnung Europas im Jahr 2014 aufeinandergeprallt sind, als sich der Beginn des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal jährte. Und doch dient dieser Jahrestag dazu, uns daran zu erinnern, dass Europa nicht nur durch konkurrierende Vorstellungen von der internationalen Ordnung geteilt ist. Erinnerungen können genau trennend wirken wie Politik. Das beste Beispiel für unterschiedliche Erinnerungskulturen war bislang die Frage, ob der Holocaust oder der Gulag im Zentrum der nationalen Erinnerung stehen. Osteuropäische Nationen haben den westlichen Staaten vorgeworfen, sich zu sehr auf die NS-Verbrechen zu konzentrieren und die Opfer des Stalinismus zu vernachlässigen. Dies ist innerhalb der Europäischen Union eine wichtige Debatte. Eine weitere Trennlinie ist das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg, wo die ost- und mitteleuropäischen Nationen und Russland uneins sind, was die Rolle der UdSSR angeht. Während Moskau Dankbarkeit für ihre „Befreiung“ durch die Rote Armee verlangt, erinnern viele Länder Osteuropas die Jahre 1944/45 vor allem als den Beginn einer weiteren Okkupation. Durch seinen Kult des „Großen Vaterländischen Krieges“, der, wie schon in Breschnews Sowjetunion, wieder im Zentrum der offiziellen Geschichtspolitik steht, sieht sich Russland zunehmend isoliert.

1914 funktioniert anders als lieu de mémoire. Es gibt einen klaren Unterschied, wie die Siegermächten an den Ersten Weltkrieg erinnern, und wie jene an ihn erinnern, die aufgrund ihrer Niederlage ihr Reich verloren. Nationen wie Polen oder die Länder der Böhmischen Krone, die nach dem Krieg ihre Souveränität (wieder-)erlangten, stellen wiederum einen anderen Fall dar. Am lebendigsten ist die Erinnerung an den Krieg in Frankreich und im Vereinigten Königreich, wo man ihn immer noch als den „Großen Krieg“ bezeichnet. In der französischen oder britischen Erinnerung markiert 1918 noch immer den ultimativen Triumph ihrer modernen Nationen auf dem Schlachtfeld. Das heroische Narrativ ist ein Versuch, dem brutalen Grabenkrieg an der Westfront einen Sinn zu verleihen. Ebenso wie in Russland ist der Erste Weltkrieg in Mittel- und Osteuropa weit weniger wichtig, weil er von den Katastrophen überschattet wurde, die während der Zeit der Diktatur, des Genozids und des Zweiten Weltkriegs stattfanden. Doch nach der jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit den Folgen des Nationalsozialismus und dem Holocaust hat die deutsche Öffentlichkeit die Gelegenheit genutzt, den Ersten Weltkrieg, seine Ursachen und seine Auswirkungen, neu zu bewerten. Die Debatte über Christopher Clarks The Sleepwalkers (dt. Die Schlafwandler) und die hohen Auflagen, in denen das Buch verkauft wurde, unterstreichen, dass der historische Abstand zu 1914 nicht so groß ist, wie es vielleicht scheint. Es gibt immer noch eine emotionale Reaktion auf die lang diskutierte Frage nach der Verantwortung für diese europäische Katastrophe.

Trotz der eingangs skizzierten historischen Brüche und Zäsuren, einschließlich der Jahre 1945 oder 1989/91, hat der hundertste Jahrestag des Ersten Weltkriegs für Historiker ebenso wie für die historische Erinnerung in Europa zweifellos eine besondere Bedeutung. 1914 wird oft als Ausgangspunkt unseres Nachdenkens über die Gegenwart genommen; in Deutschland gilt es immer noch als das Jahr, das den Beginn der Zeitgeschichte, der Geschichte unserer Zeit markiert. Trotz der vergangenen hundert Jahre und trotz der Tatsache, dass es keine lebenden Augenzeugen des Konflikts mehr gibt, könnte diese Zäsur im europäischen Denken präsenter sein, als wir lange dachen. Nicht nur im Westen, wo sie lange von Bedeutung war, sondern in ganz Europa.

L.N.: Das 20. Jahrhundert war das vielleicht gewaltsamste Jahrhundert in der Geschichte der Menschheit. Alle europäischen Länder teilen die Erfahrungen der beiden Weltkriege. Gleichzeitig gibt es offenbar unterschiedliche nationale Sichtweisen dieser Kriege und der Lektionen, die wir von ihnen lernen sollten. Sollten wir bei der Suche nach den Ursprüngen dieser verschiedenen Interpretationen unsere Aufmerksamkeit auf die Politik, die historische Tradition oder womöglich auf einige andere Faktoren richten?

J.B.: Das 20. Jahrhundert war sicher eines der schrecklichsten in der Geschichte Europas. Das hat man seit Langem erkannt. Doch was den Ersten Weltkrieg angeht, so gibt es auffallende geografische Unterschiede. Während die entscheidenden Ereignisse des Ersten Weltkriegs im Westen stattfanden, spielten sich die ausschlaggebenden Momente des Zweiten Weltkriegs in Osteuropa ab, insbesondere auf jenem Gebiet zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer, das Timothy Snyder als „Bloodlands“ bezeichnet hat. Die Schrecken dieser „Bloodlands“ – von der Kollektivierung bis zur deutschen und sowjetischen Besatzung, vom Holocaust bis zum Vernichtungskrieg der Wehrmacht – fesseln heute die historische Vorstellungskraft. Im Unterschied zum Ersten Weltkrieg sind es häufig die Opfer von Krieg, Deportation und Genozid, derer man gedenkt. Aber man findet selbstverständlich auch bedeutende Ausnahmen von dieser Regel: Russland umarmt seine Kriegshelden im Kult des „Großen Vaterländischen Krieges“, und für viele Polen stellen die Kämpfer der Armia Krajowa, die sich in einem aussichtslosen Aufstand der Nazi-Besatzung widersetzten, die Besten ihrer Nation dar.

Das Gedenken an diese Ereignisse ist noch immer eine nationale Angelegenheit, und verschiedene Staaten fördern verschiedene historische Narrative über diese Ereignisse. Deutschland hat der Opfer des Zweiten Weltkriegs lange eher undifferenziert gedacht. Es gab keine klare Trennung zwischen Opfern und Tätern, und im Allgemeinen spielte das Gedenken an deutsche Kriegsopfer eine sehr viel prominentere Rolle. In jüngerer Zeit, insbesondere nach der deutschen Vereinigung, hat das Schicksal unterschiedlicher ethnischer und gesellschaftlicher Gruppen in der offiziellen Kultur mehr Aufmerksamkeit erlangt. Die Reihe der Mahnmale zwischen dem Reichstag und dem Potsdamer Platz im Zentrum Berlins ist ein einschlägiges Beispiel für diese Entwicklung.

Neben dieser staatlich geförderten Erinnerungskultur mit ihren großen Mahnmalen und Museumsprojekten ist es vielversprechend, die zivilgesellschaftlichen Projekte zu beobachten, die sich für die Einschreibung der Opfer des 20. Jahrhunderts in öffentliche Räume engagieren. Prominente Beispiele hierfür sind die Stolpersteine in Berlin und das Projekt „Letzte Adresse“ in Moskau. Beide sind bürgerschaftliche Projekt, die darauf abzielen, über das Schicksal gewöhnlicher Bürgerinnen und Bürger unter der Terrorherrschaft der Nazis und der Bolschewiki aufzuklären. Während die Stolpersteine den Gehweg markieren und über die ehemaligen Häuser und Wohnungen von deportierten jüdischen Anwohnern und deren Schicksal informieren, dokumentiert das russische Projekt den letzten Wohnsitz von Moskowitern, die während des Großen Terrors deportiert wurden.

Doch es gab im Rahmen der offiziellen Geschichtspolitik auch einige besorgniserregende Entwicklungen. Dazu gehört beispielsweise die von Deutschland eingeleitete Entwicklung, spezielle Gesetze zu erlassen, die den historischen Diskurs regeln. Auch wenn das Gesetz gegen die Leugnung des Holocausts zweifellos gut gemeint war, hat es die falschen Signale ausgesandt. In den darauffolgenden Jahren haben viele andere Länder ähnliche Gesetze eingeführt, die dazu gedacht waren, in ihrer nationalen Geschichte bestimmte Tabus zu etablieren oder zu verteidigen. Historiker sollten sich gemeinsam gegen diesen Trend wenden; die akademische Welt und die kritische Öffentlichkeit sollten in der Lage sein, über die Geschichte offen zu debattieren. Die existierenden Gesetze gegen Verleumdung reichen aus, um Exzesse einzudämmen. Die Geschichte sollte auf den Seiten von Zeitschriften diskutiert werden, nicht vor Gericht.

L.N.: Wie sehen Sie als Historiker die Rolle ihre Berufs, wenn es darum geht, die zeitgenössische kulturelle Erinnerung an den Ersten Weltkrieg und an die Geschichte des 20. Jahrhunderts im Allgemeinen zu beeinflussen? Verändern die Debatten und Interpretationen von Historikern gängige Auffassungen von zurückliegenden Ereignissen? Und wenn ja: Welche der jüngsten Debatten waren aus Ihrer Sicht am einflussreichsten? Hat die Geschichte in West- und Osteuropa, oder in Europa und Russland, unterschiedliche Bedeutungen und unterschiedliches Gewicht?

J.B.: Ich denke, die Rolle professioneller Historiker wird höchstwahrscheinlich überbewertet. Unsere Bücher werden selten Bestseller, und unser Publikum besteht aus anderen Akademikern und bestenfalls unseren Studierenden an den Universitäten. Schulen und ihre Curricula sind sicher von größerer Bedeutung als Universitäten. Geschichte wird im 21. Jahrhundert immer noch oft anhand nationaler Narrative unterrichtet. Es gibt viele – teils von der EU geförderte – Initiativen, die darauf abzielen, diese nationalen Perspektiven zu verändern. Aber in absehbarer Zukunft wird die Nation der wichtigste Bezugsrahmen bleiben. Trotzdem lohnt es sich, die internationale Zusammenarbeit auf dem Gebiet der historischen Bildung zu fördern. Das Internet und andere digitale Medien bieten dazu zahlreiche Gelegenheiten. Eine andere Möglichkeit sind binationale Lehrbücher. Es gibt bereits ein deutsch-französisches Geschichtslehrbuch, eine deutsch-polnische Version ist in Vorbereitung. Transnationale Perspektiven werden es grundsätzlich schwerer machen, die eigene Nation als einen Ausnahmefall darzustellen und politische Regime durch nationale Narrative zu legitimieren. Es wäre daher begrüßenswert, wenn mehr Nationen einen solchen Pluralismus in ihren Schulen zuließen.

Heutzutage wird der öffentliche Diskurs über Geschichte vom Fernsehen dominiert. Jedes Land hat sein eigenes Format – von den amerikanischen Geschichtskanälen bis zu Deutschlands allgegenwärtigem TV-Moderator Guido Knopp. Der Historiker Philipp Ther hat diese Medienberühmtheiten als „Memorians“ bezeichnet, womit er darauf anspielt, dass sie sich nicht mit historischer Forschung beschäftigen, aber dass sie durchaus die nationale Erinnerung prägen. Fernsehzuschauer mögen dramatische, emotionale Geschichten, und die Einschaltquoten einer Show sind oft wichtiger als die präsentierten Fakten. Spielfilme sind eine weitere wichtige Quelle für historisches Wissen. Ein großer Teil der Bevölkerung – und selbst professionelle Historiker – sehen sich diese Visualisierungen von Geschichte an. Untersuchungen von Harald Welzer haben gezeigt, dass die Erinnerungen der Öffentlichkeit an den Zweiten Weltkrieg in Deutschland – selbst unter Veteranen, die im Krieg gekämpft hatten – zum großen Teil durch Kinogeschichten geprägt wurden. Vermutlich könnte man dasselbe über den Vietnamkrieg oder – in Russland – über den Afghanistankrieg sagen, der in den Bildern von Filmen wie Deviatia rota festgehalten wurde. Auch in Zukunft werden Filme einen Einfluss darauf haben, was die europäische Öffentlichkeit über Geschichte denkt, und professionelle Historiker werden auf dieses Gebiet nicht einwirken können.

Bedeutet das, dass sich Historiker aus der Öffentlichkeit zurückziehen und die historische Wahrheit für sich behalten sollten? Sicher nicht. Aber unsere Erwartungen müssen realistisch bleiben. Historiker sollten sich weiterhin dafür einsetzen, ihre Forschungsergebnisse einem breiteren Publikum vorzustellen, wann immer dies möglich ist. Sie sollten auch die seriösen Zeitungen und andere Qualitätsmedien nutzen, um öffentliche Debatten anzustoßen oder sich an diesen zu beteiligen. Sie werden zwar nicht von allen gehört werden, aber letztlich könnte ihre Kompetenz hin und wieder etwas verändern.
 
L.N.: Im vergangenen Jahr haben sowohl russische als auch nichtrussische Medien behauptet, dass die Ukraine-Krise zu einer weiteren großen Konfrontation in Europa führen könnte. Vor allem in russischen Medien wird die Ukraine gelegentlich als Schlachtfeld der politischen Interessen und moralischen Werte Russlands auf der einen Seite und denen Europas – oder der westlichen Welt im Allgemeinen – auf der anderen Seite dargestellt. Die politischen Analysten konzentrieren sich auf die unmittelbareren politischen Gründe dieser Krise; welche Einsichten können Sie als Historiker bieten, um den aktuellen Konflikt zu erklären? Wie können die gewaltsame Geschichte Europas im 20. Jahrhundert und Russlands historische Vergangenheit dazu beitragen, die unterschiedlichen Sichtweisen zu verstehen?

J.B.: Ich glaube, dass bereits der Begriff „Ukraine-Krise“ irreführend ist. Was wir seit dem März 2014 erleben, ist ein hybrider Krieg, Russland gegen die Ukraine. Die Medien haben bislang eine große Rolle gespielt – insbesondere die konzertierte Fehlinformationskampagne der russischen Staatsmedien. Wie schon eingangs skizziert, glaube ich, dass es bei diesem Krieg im Wesentlichen um unterschiedliche Vorstellungen von Souveränität geht. Die Moskauer Eliten haben die ukrainische Unabhängigkeit nicht akzeptiert; sie betrachten ihre Nachbarn als weniger bedeutende Staaten, die nicht ohne die Mitsprache des Kremls über ihre innen- und außenpolitischen Angelegenheiten entscheiden dürfen. Die Ereignisse des vergangenen Jahres unterstreichen, dass Moskau bereit ist, Gewalt anzuwenden und einen Krieg zu führen, um seinen Einflussbereich (wieder-)herzustellen.

Außerdem glaube ich, dass es sich nicht in erster Linie um einen Wertekonflikt handelt – auch wenn die Europäische Union und das den Eurasianismus vertretende Russland sicher unterschiedliche und oft gegensätzliche Wertesysteme fördern. Der Konflikt wird durch die mangelnde Legitimität der russischen Führung angetrieben. Der Kreml hat keine Angst vor der NATO – es gibt in Osteuropa nirgendwo bedeutende westliche Streitkräfte. Vielmehr befürchtet der Kreml offensichtlich, dass sich Demokratie und Pluralismus in der Ukraine erfolgreich durchsetzen könnten. Von einem historischen Standpunkt aus betrachtet, wirft der Krieg in der Ukraine umfassendere Fragen über allgemeine Entwicklungen und Zäsuren in der russischen Geschichte und in Russlands Beziehungen zum Westen auf. Westliche Beobachter haben die Perestroika – explizit oder implizit – lange für einen Wendepunkt in der Geschichte Russlands gehalten. Der Westen neigte dazu, Russland auf einem Weg zu sehen, der zwar etwas lang und verschlungen ist, aber trotzdem zu einer mehr oder weniger freiheitlichen Ordnung führen würde. Diese Auffassung wurde von vielen im Westen während der Regierungszeiten von Gorbatschow und Jelzin und sogar noch zu Beginn der Amtszeit von Wladimir Putin geteilt. Weder der Tschetschenien-Krieg noch Russlands Konflikt mit Georgien oder die innenpolitische Rückkehr zu einer autokratischen Regierungsform haben diese Wahrnehmung maßgeblich verändert. Obamas „Reset“ und Berlins kontinuierliche Ostpolitik favorisierten beide eine enge Zusammenarbeit und Partnerschaft mit Russland.

Rückblickend würde ich behaupten, dass die russischen Eliten Gorbatschows Prinzip der „Zivilisierung von oben“ bereits in den 1990er Jahren aufgegeben haben. Die Stürmung des Moskauer Weißen Hauses 1993 und der erste Tschetschenien-Krieg im folgenden Jahr markieren einen wichtigen Wendepunkt. Seit diesem Zeitpunkt wurde klar, dass die Jelzin-Regierung bereit war, sich in hohem Maße auf die Armee, die Geheimdienste und die Anwendung von Gewalt zu stützen. Der Aufbau unabhängiger Institutionen kam zum Stillstand, und die Führung versuchte, wirklich umkämpfte Wahlen zu vermeiden. An die Stelle des politischen Wettbewerbs trat eine „Virtuelle Politik“ (Andrew Wilson) mit kontrollierten Parteien und einer inszenierten Öffentlichkeit. Dieser Prozess begann lange vor dem Nachfolgekampf der späten 1990er Jahre.

Wenn man noch weiter zurückblickt, würde ich behaupten, dass in mancherlei Hinsicht der Einmarsch in Afghanistan 1979 und der sich daran anschließende „wilde Krieg“ (Wolfgang Sofsky) am Hindukusch eine wichtige Zäsur darstellen. Seit dieser Zeit war Russland ständig in oftmals extrem gewaltsame Konflikte an seiner südlichen Grenze involviert. Seit Afghanistan haben diese Konflikte die sowjetische und russische Gesellschaft geprägt. In diesen Kriegen ist eine ganze Generation von Experten der Gewalt aufgewachsen. Die Gewaltausübung der Armee wurde zur Routine; und neben dem Militär verwickelten sich andere Strukturen wie die Geheimdienste oder das Innenministerium in die Kriegsanstrengungen. Prominente Figuren aus den Reihen dieser Dienste spielten seit Mitte der 1990er Jahre eine wichtige Rolle in der russischen Politik, und späten entfalteten diese Entwicklungen ihre Eigendynamik.

Der Abstand zwischen Russland und dem Westen hat sich also seit einiger Zeit auf vielfältige Weise vergrößert. Die Annexion der Krim und der Krieg im Donbass haben diese Distanz plötzlich sichtbarer gemacht. Sie wurde in jüngerer Zeit überdeckt von guten Geschäftsbeziehungen und vom Widerwillen des Westens, den Charakter der politischen Ordnung Russlands zu verstehen. In absehbarer Zukunft erscheinen unsichere Beziehungen und Spannungen zwischen Moskau und dem Westen – der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten – unvermeidlich.

L.N.: Ich danke Ihnen für dieses sehr interessante Gespräch.

Aus dem Englischen von Barbara Hess