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Interviews

Interview mit Prof. Gasan Gusejnov von Anatoly Golubovsky

„Identität ist eine dynamische Charakteristik, es ist die Erwiderung auf die schwierige Frage ‚Wer bin ich (wer bist du)‘, bei der alte Antworten gar nicht unbedingt vergessen, sondern sicherlich neu gedacht werden.“ (Gasan Gusejnov)

A.G.: Seien es terroristische Anschlägen oder die Rückkehr einer Atmosphäre des Kalten Krieges auf dem europäischen Kontinent – Analytiker und Publizisten bringen viele aktuelle Konflikte und Ausschreitungen mit den schmerzhaften Prozessen der Ablösung einer Identität durch eine andere oder durch mehrere andere Identitäten in Verbindung. Demnach folge beispielsweise auf die „sowjetische“ eine „postsowjetische“ oder auf die „jugoslawische“ eine Vielzahl „balkanischer“ Identitäten. Sehen Sie das auch so? Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht die Frage der Identität in den derzeitigen Prozessen politischer und kultureller Integration oder Desintegration?

G.G.: Im Prinzip stimme ich der eingangs genannten Behauptung zu, obwohl es da folgendes  Problem gibt. Die Identität eines Menschen oder einer sozialen Gruppe ist nicht einfach eine subjektive Selbstwahrnehmung, es ist eine dynamische Selbstbewertung von Menschen, welche mehr oder weniger trügerisch oder sogar gefährlich verzerrt sein kann. Auch große Konflikte nehmen einen schnellen und zerstörerischen Verlauf, wenn die Kluft zwischen der Selbsteinschätzung einer Gemeinschaft auf der einen Seite und der Bewertung von außen auf der anderen Seite zu tief ist. Die Deutschen machten 1939 einen solchen Fehler in der Selbsteinschätzung. Die Sowjets haben sich auf diese Weise während des Winterkriegs 1939 bis 1940 und während des Afghanistankrieges 1979 bis 1989 geirrt. In der heutigen Zeit, der Zeit der sozialen Netzwerke, wächst der Preis eines solchen Fehlers um ein Vielfaches: Extrem radikale und psychisch oft angeschlagene Leute wissen, wie man sich schnell die Aufmerksamkeit der labilsten Mitglieder einer Gesellschaft sichert, und manchmal bildet sich eine große Gruppe von Leuten mit einem gefährlichen Mix an Forderungen gegenüber dem Rest der Welt – Forderungen,  die gänzlich aus dem verletzten Recht auf „meine“ Identität abgeleitet werden, aus welchem heraus wiederum andere ausschließliche Rechte beansprucht werden.

A.G.: Lassen Sie uns präzisieren, inwiefern erschöpft sich Ihrer Meinung nach der Begriff „Identität“ in Sprache und Kultur?

G.G.: Dieser Begriff erschöpft sich nicht in Sprache und Kultur. Ein Mensch, der in eine Identitätskrise geraten ist, erhebt zuallererst Anspruch auf Respekt und Anerkennung von außen. Natürlich kann er das bekommen, aber nur unter einer Bedingung: Alle müssen oder immerhin eine Mehrheit muss deine Version des Geschehenen annehmen oder wenigstens einen wichtigen Teil dieser Version. Im Falle Russlands wäre das beispielsweise, dass die restliche Welt die Russische Föderation als souveränes und christlich-orthodoxes Reich anerkennt und keinesfalls als Föderation verschiedener Völker wahrnimmt, nicht als Republik, sondern als Land, das von dem gerade erst erschlossenen „Wilden Feld“ umgeben ist. Aber solche Regionen gibt es auf der Erde nicht mehr. Deshalb ist Identität zwingend und vor allem politisch, erst dann ist sie Sprache und Kultur. Schauen wir uns zum Beispiel einmal an, welchen Fehler Russland gemacht hat, als es die Möglichkeit einer Annexion der Krim in Betracht zog. Die Russische Föderation ist von der trügerischen Annahme ausgegangen, dass jede russischsprachige Region beziehungsweise jede Region, in der überwiegend Russisch gesprochen wird, ein Teil des russischen Staates sein kann und sogar muss. Besonders wenn eine solche Region irgendwann früher einmal durch das Russische Reich oder die Sowjetunion erobert worden war – was auch immer die anderen Nachfolgestaaten der UdSSR davon halten sollten. Eben diese Prämisse erschüttert sofort die Stützpfeiler der politischen Struktur Europas, welche durch verschiedene Grundlagendokumente nach dem Zweiten Weltkrieg fixiert und mindestens zweimal – 1975 in Helsinki und 1990 in Moskau – mit den Unterschriften der sowjetischen Führung festgehalten worden waren. Mit anderen Worten: Indem Russland seine besonderen, speziellen, exklusiven Rechte anmeldete, beraubte es sich selbst einer für die restliche Welt nachvollziehbaren Identität. Das Land stellte sich der gesamten politischen Umgebung entgegen, die irgendwie Relevanz besitzt. Stieß alle seine sogenannten strategischen Partner von sich. Verließ das Kielwasser der in politisch-rechtsstaatlicher Hinsicht am weitesten entwickelten Länder der Welt. Und ist nun gezwungen, diese neue Identität mit immer schärferen Worten und Maßnahmen zu rechtfertigen. Sogar auf der Ebene des symbolischen und des sprachlichen Ausdrucks ist Russland zu einem Land geworden, von dem für die Welt Bedrohung ausgeht.

A.G.: Entstanden mit dem Untergang der einstigen Imperien, der durch den Ersten Weltkrieg bedingt war, neue Identitäten, neue kulturelle und sprachliche Gegebenheiten? Oder bildeten diese sich innerhalb der Imperien, um diese von innen heraus zu zerstören?

G.G.: Identität ist eine dynamische Charakteristik, es ist die Erwiderung auf die schwierige Frage „Wer bin ich (wer bist du)“, bei der alte Antworten gar nicht unbedingt vergessen, sondern sicherlich neu gedacht werden. Die heutigen Österreicher, Tschechen oder Ungarn können unterschiedlicher Meinung über Österreich-Ungarn sein, aber auch fast hundert Jahre nach dem Zerfall des Habsburger-Reiches spürt man noch die geschichtliche Erfahrung „Kakaniens“ – wie es nach der Abkürzung K. u. K. für „kaiserlich und königlich“ von bösen Zungen genannt wurde. Dabei ist wichtig, dass die sogenannte nationale Identität tatsächlich innerhalb eines übernationalen imperialen Konstrukts entstanden und gereift ist.

A.G.: Der Zerfall der UdSSR und Jugoslawiens oder die Wiedervereinigung Deutschlands (eine umgekehrte Bewegung) brachten in Europa erneut weitreichende soziokulturelle und nationale Identifikationsprozesse in Gang, welche wir gewöhnlich als Überwindung der Folgen des Totalitarismus und des Autoritarismus sowjetischer Art definieren. Was kann man heute über diese Prozesse sagen? Sind sie vorbei? Wie sieht der Vektor ihrer Entwicklung aus?

G.G.: Ein Identifikationsprozess wird niemals abgeschlossen, er kann allerdings mehr oder weniger schmerzhaft sein. Zum Beispiel tauchten bei der Entstehung der neuen Bundesländer in Deutschland vor diesen neuen „föderalen Subjekten“ unerwartete Fragen auf, beispielsweise vor dem Bundesland Sachsen-Anhalt: Die Bayern (oder Franken) haben keine Probleme mit ihrer Identität, aber gibt es etwas Vergleichbares für die Einwohner des neuen Landes, das buchstäblich erst vor deren Augen entstanden ist? Natürlich ist es leichter, dieses Thema zu diskutieren, wenn man von wirtschaftlich erfolgreichen Nachbarn umgeben ist, aber es ist trotzdem da. Die Diskussion geht leichter vonstatten, da sich der Schwerpunkt der neuen deutschen Identität stark in die allgemeineuropäische Richtung verschoben hat. Die Prozesse, die man in Russland beobachten kann, sind dagegen tragisch. Statt sich als junge  und freie, multiethnische, multikonfessionelle und mehrsprachige politische Nation zu verstehen, wird der Bevölkerung der Russischen Föderation nach einer verhältnismäßig friedlichen Auflösung der UdSSR die Identität einer Großmacht aufgezwungen, die sich als Verliererin und Betrogene fühlt. Zu der realen Identitätskrise nach dem Ende der UdSSR kam eine virtuelle hinzu, wenn unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen – von der Armee und verschiedenartigen Sonderdiensten bis hin zu jenen, die die „Bewahrung des Imperiums“ mit ihrem Wohlstand bezahlt haben – den russischen Bürgern die Rolle der Antragsgegner aufzwingen, indem man sich auf ein bestimmtes „historisches Russland“ beruft, das sich von Finnland bis Alaska und vom Nordpol bis zur afghanischen Grenze erstreckt. Jedenfalls sieht so die Karte der RF auf dem Wappen der Liberaldemokratischen Partei Russlands (LDPR) aus. Hier haben Sie das ideale Monster, das sich von der ganzen Welt gekränkt fühlt. Es wurde in der politischen Retorte herangezüchtet, da man verpasst hat, eine positive Identität freier Menschen aufzubauen.

A.G.: Welcher Art sind die Schicksale der nationalen und kulturellen Identitäten im vereinigten Europa? Wie beeinflussen sie die Prozesse der europäischen Integration?

G.G.: Diese Schicksale sind verschiedenartig. Es reicht, sich die Referenden in Schottland und Katalonien anzuschauen, um zu verstehen, wie kompliziert auch in den wohlhabendsten europäischen Staaten diese Entwicklungen ablaufen werden. Möglicherweise werden die Konvulsionen des postsowjetisch-postimperialen russischen Staates zu einer relativen Konsolidierung und größeren politischen Integration auf dem Kontinent führen. Aber es gibt auch andere Hindernisse. Beispielsweise wächst in  Europa die Zahl der Menschen, die überhaupt nicht integriert sind. Das sind Menschen, die ihren Status als Empfänger einer minimalen Sozialhilfe als entwürdigend empfinden und deshalb über die sozialen Netzwerke und über Rollenspiele zu einer realen (beispielsweise „kämpferischen“) Handlung übergehen. Sie benutzen oder erfahren die zerstörerischen Möglichkeiten der neuen Technik. Wie man aber dieser Herausforderung begegnen soll, ohne die traditionellen europäischen Freiheiten zu beschneiden, ist noch nicht ganz klar. Die europäische Integration steht also vor vielfältigen Prüfungen – vor der Notwendigkeit, sich mit den Religionskriegen im Nahen Osten, mit den globalen Atomerpressern und mit der Aggression Russlands gegen die Ukraine zu befassen.

A.G.: Politische Korrektheit, Toleranz, Multikulturalität – kann man diese Begriffe als Bestandteile der heutigen europäischen Identität sehen?

G.G.: Diese Begriffe sind nur eine stilistische Komponente dieser Integration. Tatsächlich stützt sie sich an oberster Stelle auf die Menschenrechte, auf ein hohes Rechtsbewusstsein, das sich in der Stabilität des Steuersystems ausdrückt, auf die Ansicht, dass die existierenden und neuen Sozialprogramme unzweifelhaften Wert haben, auf die Gewaltenteilung, zu der auch die Medien als vierte Gewalt gehören, und auf vieles mehr.

A.G.: Welcher Art ist die kulturelle Grundlage der heutigen Situation, in der sich der Osten und der Westen erneut gegenüberstehen? Und würden Sie die Gegenüberstellung auch mit diesen Begriffen fixieren?

G.G.: Die kulturelle Grundlage hängt vom Rechtsbewusstsein ab, denke ich. Und ich spreche nicht einfach von „Osten“ und „Westen“. Japan ist ja auch der Osten, Indien und China auch. Das heutige Russland ist unter diesem Aspekt allerdings weder Osten noch Westen. Denn es hat sich dazu entschlossen – und das nicht nur auf der Führungsebene, sondern auch unter der massenhaften Zustimmung seiner Bevölkerung – internationales Recht zu verwerfen. Dieses bildet die allgemeine kulturell-politische Grundlage, auf der sich beispielsweise die Volksrepublik China mit Taiwan um die Souveränität streiten kann, dabei aber jene Grenze nicht übertritt, welche Russland in Bezug auf die Ukraine und die Halbinsel Krim übertreten hat. Deshalb, so denke ich, ist die Frage nach der „kulturellen Grundlage“ und nach der Gegenüberstellung so wichtig, wenn man versucht zu klären, zu welcher idealen Referenzgruppe ein so riesiges Land gehört. Zurzeit scheint mir diese kulturelle Grundlage zu instabil zu sein – ein neuer Staat kann darauf nicht errichtet werden. Von hier aus drohen sich Barbarei und Aggression auszubreiten. Wenn angeblich russische Diversionsgruppen im Osten der Ukraine Menschen terrorisieren, kann diese Aggression sich leicht gegen Russland selbst wenden.
 
A.G.: Wie bewerten Sie den Versuch der eurasischen Union? Wo liegen deren historische und kulturelle Wurzeln? Kann man über eine eurasische Integration als Realität oder als Perspektive sprechen?
 
G.G.: Die „eurasische Integration“  ist gleichzeitig auch „unsere“ Chimäre, die dem Bewusstsein der russischen Führung entstammt, welche „unsere“ Republiken Zentralasiens und des Kaukasus in den Grenzen der wiederauferstandenen UdSSR sehen möchte, im Fernen Osten ist es jedoch eine völlig fremde Realität, in der man Russland nicht ohne Angst beäugt. Perspektiven könnte es für Russland schon geben – wenn nicht die heutige politische Elite des Landes dermaßen unzuverlässig, unbelehrbar und träge wäre.

A.G.: Können Sie die Dynamik der Spannungen und Konflikte im postsowjetischen und, weiter gefasst, im posttotalitären Raum Europas einschätzen?

G.G.: Ich glaube nicht. Es gibt immer mehr Faktoren der Ungewissheit, dazu gehört auch ein so bedeutender Faktor wie der, dass es eine Vielzahl an übermäßig aktiven und einflussreichen Akteuren gibt. Sogar ein solches Ereignis wie die hemmungslose Ausplünderung und Zerstörung des ukrainischen Staates unter der aktiven Beteiligung Russlands kann zu unerwarteten Ergebnissen führen, beispielsweise auch zur Schaffung mehrerer Staaten im ehemals postsowjetischen Raum, in denen Russisch Staatssprache ist. Je größer die Zahl dieser Staaten ist, umso aktiver wird vielleicht eine scheinbare Einheit des heutigen russischen Staates propagiert werden. Die Propaganda einer „Russischen Welt“ kann zum Katalysator für Konflikte in Regionen werden, wo bis jetzt noch keine deutlichen antirussischen Stimmungen zu verzeichnen sind. Andererseits ist noch nicht ins Bewusstsein gedrungen, was es im historischen Kontext der Auflösung der UdSSR bedeutet, dass sich auf dem Gebiet der RF ethno-konfessionelle Punkte bilden konnten, an denen ethnische Russen tatsächlich ausgeschlossen sind (siehe das Beispiel Tschetschenien). Der Krieg, den Boris Jelzin gegen Dschochar Dudajew, Aslan Maschadow und Schamil Bassajew geführt hat, ist faktisch verloren: Tschetschenien ist nur auf dem Papier ein Teil der Russischen Föderation, es führt seine eigene Politik durch – nicht nur innen- sondern auch außenpolitisch. Auch in einigen der einstigen Autonomiegebiete unterscheidet sich die Lage nicht besonders. Dabei wächst in Russland die psychologische Bereitschaft der Bürgerinnen und Bürger, das eigene Land eher mit der Sowjetunion unter Stalin oder Breschnew und Andropow zu identifizieren als mit jenem freien neuen Staat, der heute nach wenigen Wochen Sanktionen einem Scherbenhaufen ähnlich geworden ist – um es ähnlich wie Barack Obama zu formulieren. Wie unzufrieden die Bürger sind, kann noch nicht gemessen werden, aber die Versuche, diese Zustände zu missbrauchen, werden mit Hilfe eines übermächtigen Propaganda-Apparats blind vorangetrieben. Es reicht schon aus, das Verhalten von Bürgerinnen und Bürgern unter der Einwirkung der Online-Medien zu beobachten, um das erstaunliche Einverständnis unter denen zu sehen, welche dieser Propaganda überhaupt nicht glaubt, und unter jenen, die – „koste es, was es wolle“ – von deren Nutzen für eine Bewahrung des „großen Russlands“ überzeugt sind. In einer Gesellschaft kann sich wie bei einem einzelnen Menschen auch schnell Konfliktpotenzial ansammeln, wenn die eigenen inneren fundamentalen Widersprüche übersehen werden. Eine schreckliche Lehre sollte uns das Schicksal des internationalen Flughafens im ukrainischen Donezk sein, welcher den Namen des russischen Komponisten Sergei Rachmaninow trägt.

Aus dem Russischen von Anna Burck