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Bücherkolumne: Auserlesen! Nr.3

„Was kann ich denn mal lesen?“ Ob sprachgewandte Deutschlehrende oder lesehungrige Deutschlernende: die Frage stellt sich allen, die geeignete deutschsprachige Lektüre suchen. Spannend soll das richtige Buch sein, gut geschrieben und interessant. Aber wie findet man sich zurecht im Bücherwald? Auserlesen! hilft mit einer bunten, eben auserlesenen Mischung!

Kindisches und Verspieltes

Hannah-Marie Heine/Katharina Vöhringer: Leni und die Trauerpfützen / Leni ist untröstlich: Ihr Hund ist gestorben! Jetzt ist das Körbchen leer, und keine Frieda liegt mehr auf dem Sofa und will kuscheln oder Ball spielen. Wie Leni dann wieder aus ihrer großen Trauer herausfindet, erzählt und zeigt dieses bei aller Ernsthaftigkeit amüsant und liebevoll gestaltete Kinderbuch so aufbauend, dass man es guten Gewissens auch den Kleinsten vorlesen darf. Und sich damit auch mal selbst aufs Sofa verkriechen kann, um ein paar Tränen zu verdrücken … Zum Heulen schön! / Heine, Hannah-Marie u. Vöhringer, Katharina: Leni und die Trauerpfützen (2017). Köln: Psychiatrie-Verlag.
 

Junge Welten

Daniel Höra: Gedisst / Hochhäuser, Sommerhitze, nichts zu tun und Langeweile. Aber dann wird eine alte Frau ermordet, und die Sache scheint klar: Das war Alex, der ihr vorher noch die Einkäufe nach Hause getragen hat … Daniel Höra gelingt es in seinem Debütroman überzeugend, verquere jugendliche Denkweisen nachzuziehen und dabei vorsichtige Sympathien für Verlierer und Typen zu wecken, denen wir sonst lieber schnell aus dem Weg gehen. Eine Sommerlektüre der anderen Art, die hängenbleibt. / Höra, Daniel: Gedisst (2015). München: Ars Edition.
 

Deutsche Geschichte(n)

Anne Siegel: Frauen, Fische, Fjorde. Deutsche Einwanderinnen in Island / 1949 herrscht auf Islands akuter Mangel an Frauen, die zupacken können – also wirbt der isländische Konsul im verarmten Nachkriegsdeutschland um Arbeiterinnen, die mit einem Jahresvertrag in das abgelegene Nordland gehen wollen. Hunderte ergreifen die Chance – und nahezu alle bleiben für immer. Anne Siegel schildert diese ungewöhnlichen deutschen Lebenswege so packend und erfrischend, dass man Lust bekommt, sich selbst auf deren Spuren zu begeben. Und indem sie das scheinbar „typisch deutsche“ in den einzelnen Biografien immer wieder neu herausarbeitet, hält sie uns Leser*innen zugleich den Spiegel vor – eine wirklich fruchtbare Lektüre! / Siegel, Anne: Frauen, Fische, Fjorde. Deutsche Einwanderinnen in Island (2019) München: Piper Verlag.
 

Jetzt und hier – Deutschland heute

Angelika Klüssendorf: Jahre später / Das Mädchen April ist in Klüssendorfs beiden vorausgegangenen, vielfach preisgekrönten Romanen erwachsen, Mutter und Schriftstellerin geworden – und nun heiratet es. Ein Fehlgriff? Schon bald verliert sich die nicht überzeugt angetretene Partnerschaft im Ungefähren; auch das gemeinsame Kind rettet nicht vor wachsender Einsamkeit und auch die zerrüttete Ehe nicht. Und auch nicht die Protagonistin vor sich selbst. Dass das schmale Buch einen solchen Sog entwickelt, liegt an der ausgeklügelt faszinierenden Sprache, die über alle Abgründe hinweghilft. Ein richtig gutes Buch! / Klüssendorf, Angelika (2018): Jahre später. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Lebenswege

Michael Rutschky: In die neue Zeit. Aufzeichnungen 1988-1992 / Rutschky, einer der bekanntesten Autoren der Apo-Generation und Vordenker der intellektuellen Elite der Bundesrepublik, verlegte sich in seinem Alterswerk auf die akribisch genaue Beobachtung von Alltagsgeschehnissen, eigener Befindlichkeiten und Gedankengänge. In seinem zweiten – für mich von allen drei Bänden besten – Band nimmt er die Zeit der Wende ins Visier und lässt damit eine Zeitspanne wiederauferstehen, in der zwei Staaten wohl oder übel zusammenrücken und sich neu orientieren mussten. Zugleich zieht für den Endfünfziger eine handfeste Midlife-Krise herauf, der er einerseits mit Humor, andererseits mit Verärgerung begegnet. Aus diesem Spannungsfeld heraus zeichnet Rutschky das Bild einer im Umbruch befindlichen Gesellschaft und ihrer aktiv gestaltenden Mitglieder, deren Spuren heute noch nachwirken. Eine entspannt dahingleitende Lektüre für wechselhafte Maientage. / Rutschky, Michael: (2017): In die neue Zeit. Aufzeichnungen 1988-1992. Berlin: Berenberg Verlag.
 

Achtung, Hochspannung!

Max Annas: Finsterwalde / Vom schönen Finsterwalde, der Sängerstadt, ist in Annas wuchtigem Krimi nicht mehr viel übrig geblieben: Nicht nur, dass die neue deutsche Regierung Menschen anderer Hautfarbe und ohne deutschen Pass durch Deportationen abgeschoben und schwach besiedelte Landstriche gänzlich entvölkert hat, nein, einige geleerte Kleinstädte wurden in Lager für Deutsche mit Migrationshintergrund umgewidmet. So auch das ostdeutsche Finsterwalde, in dem Zigtausende Afrodeutsche kaserniert und sich selbst überlassen werden. Aber einige finden einen Weg hinaus – und Hilfe in Gestalt eines Neueinwanderers und seiner Kumpane … Annas gut konstruierte Dystopie liest sich trotz der gelegentlich arg komprimierten Sprache mitreißend; nur zu gern hätte ich mehr über das – zum Glück nur fiktive – neue Deutschland und seine Regierung erfahren. Bleibt zu hoffen, dass Annas‘ Fantasiegebilde niemals auch nur im Ansatz Wirklichkeit wird! / Annas, Max (2018): Finsterwalde. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag.
 
 
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