Fünf Fragen an… Interview mit Yasemin Yilmaz

 © Yasemin Yilmaz

Frau Yilmaz, Sie sind mit Ihrem Kunstprojekt „One Global Artwork“ im April zu Gast im Oman. Können Sie dieses Projekt kurz beschreiben?

Das Projekt zeigt in einer minimalistischen Art und Weise unsere Welt, die durch 12 Künstler aus 6 Kontinenten vertreten wird, mit jeweils 2 Künstlern pro Kontinent.

Die Künstler schuffen jeweils ein Kunstwerk in der begrenzten Zeit von 24 Stunden, inspiriert durch ihre jeweilige Tageszeitung, und zwar am „geschenkten“ Schalttag, dem 29. Februar 2012. Sie arbeiteten an ihren Heimatorten und waren tausende von Kilometern voneinander entfernt. Aber dennoch sind diese Projekte für diesen Zeitraum miteinander verbunden. Daher auch der Titel "Globalisierung-Verbindungen-Zeit". Globalisierung mit seinen Vor- und Nachteilen ist unsere aktuelle Zeit. Verbindungen sind Menschen mit gemeinsamen Interessen schon immer eingegangen und dem Faktor Zeit unterliegen wir nun mal alle.

Was hat Sie zu dieser ungewöhnlichen Arbeit inspiriert und wie haben Sie die beteiligten Künstler angesprochen?

Die Idee zu diesem Projekt entstand im Jahre 2007 während eines internationalen Art Camps in Rumänien, zu dem ich als Künstlerin eingeladen war. Wir arbeiteten symbiotisch versammelt an einem Ort. Und ich war neugierig auf den Einfluss der Umgebung im Werk selbst; ob sich dieser darin wiederspiegeln würde.

So kam ich auf die Idee zu diesem experimentell angelegten Projekt, ohne zu wissen, ob die Künstler tatsächlich arbeiten würden oder nicht. Denn ich war ja nicht vor Ort, um zuzuschauen. Aber sie taten es und vernetzten sich auch über das Projekt.

Heutzutage im Zeitalter von Blogs, Instagram und Facebook hat der Ausdruck „vernetzt sein“ bereits eine andere Bedeutung als Anfang 2008. Damals gab es ca. 80 Mio. Facebook-Nutzer, die hauptsächlich in den USA ansässig waren. 2013 aber wurde weltweit die 1-Milliarde-Marke geknackt. Diese Entwicklung zeigt uns, dass Menschen ein großes Interesse haben sich durch moderne Medien zu vernetzen. Das Internet ist für mich auch die einzige Möglichkeit gewesen, die beteiligten Künstler anzusprechen. So ein Projekt wäre – denke ich – vor 15 Jahren gar nicht oder nur unter sehr schwierigen Bedingungen umsetzbar gewesen.

Der omanische Künstler Hassan Meer ist einer der zwölf ausgewählten Künstler. War dies Ihre erste gemeinsame Arbeit? Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit ihm empfunden?

Hassan Meer und seine künstlerische Arbeit habe ich bereits während des Symposiums "Dialogue of Identities" 2009 kennengelernt. Das Symposium wurde damals von der Fine Art Society of Oman, der Künstlervereinigung European Artists und der deutschen Botschaft Oman durchgeführt. 5 deutsche und 2 italienische Künstler reisten in den Oman, um dort mit omanischen Künstlern Seite an Seite zu arbeiten und in einen Dialog zu treten. Die Zeit im Oman und die gemeinsame Zusammenarbeit habe ich als besonders positiv empfunden und habe daher Hassan Meer gefragt, ob er Lust hätte, bei meinem Projekt mitzuwirken.

Am Tag der Kreation – dem 29. Februar 2012 – fand zeitgleich die Finissage der globalen Tour des Projektes von 2008 in der Kunsthalle in Hannover statt. Hierfür haben wir für die Besucher die Möglichkeit geschaffen, an der Kreativität teilzuhaben und mit den Künstlern in direkten Kontakt zu treten. Wir haben 12 Laptops aufgebaut und eine Live-Schaltung zu den einzelnen Künstlern hergestellt. Durch die Zeitverschiebungen erstreckten sich diese Live-Schaltungen von Neuseeland bis Alaska über 45 Stunden, aber überall war es jeweils noch der 29. Februar.

Da aber Skype im Oman nicht erlaubt ist, blieb der Bildschirm von Hassan Meer leider schwarz. Aber auch diese Tatsache regte die Besucher zum Nachdenken an und warf unter anderem die Frage auf, wie vernetzt wollen wir eigentlich sein? Diese und viele andere Fragen, die das Projekt mit sich bringt, sind für mich persönlich sehr interessant. Sie regten mich dazu an, das Projekt mit neuer Besetzung 2012 neu aufzulegen.

Nach Haiti, Uruguay und Den Haag wird das Projekt nun auch im Oman gezeigt. Wie wurde die Ausstellung an den verschiedenen Standorten aufgenommen? Ähnelten sich die Reaktionen des Publikums? Und was erwarten Sie vom omanischen Publikum?

In Haiti gab es eine Videopräsentation. Die Ausstellungen in Uruguay und in den Niederlanden mussten wir leider aus persönlichen Gründen verschieben. In Maskat wird das Projekt also erstmalig in seiner Gesamtheit präsentiert werden. Darauf freue ich mich und bin selbst auch auf die Reaktionen der Besucher sehr gespannt.

Die 2008er Version der Ausstellung wurde in den Ländern Marokko, Namibia, Rumänien, Indien, Argentinien, den USA und Deutschland gezeigt. Da das Projekt verschiedene Facetten aufzeigt, interessierten sich die Besucher insbesondere für die unterschiedlichen Blickwinkel, die die Künstler einnehmen. Ich bin ein ideeller Mensch. Wenn im Oman die Besucher mit ein oder zwei Fragen und vielleicht auch den dazugehörigen Antworten aus der Ausstellung rausgehen, werde ich sehr glücklich sein.

Frau Yilmaz, während Ihres Aufenthaltes im Oman werden Sie auch mit PASCH-Schülern zusammen an einem Kunstprojekt arbeiten. Woran werden Sie mit den PASCH-Schülern arbeiten und wie unterscheidet sich diese Arbeitsweise von der im Rahmen des Projekts „One Global Artwork“?

Die Arbeitsweise wird der des Projektes sehr ähneln. Aber ich werde dieses Mal als Unterstützung die Schüler in Deutschland und im Oman in ihrer kreativen Phase betreuen.

Auf beiden Seiten werden die Schüler an etwas gemeinsamen arbeiten, ohne aber "Das andere ICH" zu kennen. Dies ist der gravierende Unterschied zum "One Global Artwork" Ansatz des anderen Projekts. Die Schüler werden zwar künstlerisch, aber mehr personenbezogen arbeiten. Jeder bekommt einen direkten Partner aus dem jeweils anderen Land zugewiesen. Sie lernen sich zunächst nur über ein Foto und einen Steckbrief kennen. So können Mutmaßungen über den Anderen gemacht werden. Gleichzeitig werden sie auch einen Steckbrief über sich selbst ausfüllen und ihren Partnern schicken. Vor diesem Hintergrund werden Kunstwerke zu den jeweiligen Partnern geschaffen. Die Steckbriefe werden am Ende als „Freundebuch“ zusammen mit den thematischen Kunstwerken zusammenfassen und während der Ausstellung im April ebenfalls präsentieren.

Es geht bei diesem Projekt in erster Linie darum, Vorurteile „dem Fremden, dem anderen ICH“ gegenüber abzubauen und den Jugendlichen zu vermitteln, dass zwischen ihnen auch Parallelen bestehen. Sich mit einer anderen Kultur intensiver zu befassen und am Ende festzustellen, dass wir alle gleich und zum Glück auch etwas anders sind, aber dass gerade deshalb keine Barrieren aufgebaut werden müssen, das ist der wesentliche Gedanke. Das Projekt wird am Ende über eine Videokonferenz zwischen den Schülern aufgelöst und sie können sich dann von Angesicht zu Angesicht über ihre Erfahrungen im Projekt sowie ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten austauschen.

 

Interview mit Yasemin Yilmaz
geführt von Maya Röder
Februar 2014